Coronavirus

Nobel-Hotels droht das Aus: Dunkle Wolken am Genfer Fünf-Sterne-Himmel

Der Jet d'Eau ist in Genf nach einer monatelangen Corona-Pause in Betrieb. Doch die lokale Hotellerie spürt die Folgen der Pandemie noch immer.

Der Jet d'Eau ist in Genf nach einer monatelangen Corona-Pause in Betrieb. Doch die lokale Hotellerie spürt die Folgen der Pandemie noch immer.

Ein prestigeträchtiges Luxushotel am Genfersee muss im Zuge der Corona-Krise schliessen. Dabei dürfte es nicht bleiben.

Allein das Gästebuch ist fünf Sterne würdig. Joan Miró verewigte sich 1952 sich mit einer seiner berühmten Strichzeichnungen. Marc Chagall bedankte sich für die Übernachtung mit dem Portrait einer Dame. Und Hergé hinterliess 1969 einen Cartoon von Tim und Struppi. «Le Richemond» gilt als eines der prestigeträchtigsten 5-Sterne-Hotels am Genfersee, mitten im Zentrum der UNO-Stadt mit Blick auf das Wahrzeichen, den Jet d’Eau. Auch Andy Warhol gönnte sich an der Hotelbar schon einen Drink.

Doch den glorreichen Zeiten des luxuriösen Betriebs, der 1875 öffnete, droht das abrupte Ende. Seit Ausbruch der Coronakrise macht das Hotel Schlagzeilen wegen finanzieller Probleme. Früh hiess es, den Angestellten drohe die Entlassung. Es folgte ein Konsultationsverfahren. Und nun die Hiobsbotschaft: Noch bis Ende August bleibt das Hotel offen, doch dann fällt der Vorhang. Wie lange, ist unklar. «Bis auf weiteres.» Für die rund 140 Angestellten, die seit längerem in Kurzarbeit sind, bedeutet dies, dass sie sich eine neue Stelle suchen müssen.

Das wird in Genf kein einfaches Unterfangen. Denn die teure Stadt bekommt die Tourismusflaute mit voller Wucht zu spüren. Um 54 Prozent sind die Logiernächte von Januar bis Ende Mai gegenüber dem Vorjahr auf 380‘000 gesunken. Im Mai betrug das Minus gar über 91 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Thierry Lavalley, Präsident des Genfer Hotelverbands, spricht von einer «Katastrophe». Zahlreiche Grossanlässe, die Jahr für Jahr volle Betten in Genf und Umgebung sorgen, mussten abgesagt werden, allen voran der Genfer Autosalon, der im März während 13 Tagen jeweils über 600‘000 Besucher zählt. Die Aussichten bleiben düster. In der Eventhalle Palexpo in der Nähe des Flughafens wird bis Ende Jahr kein ein Anlass mehr durchgeführt. Der Genfer Autosalon wurde zudem vorsorglich bereits auch für 2021 annulliert.

«Zoom-Meetings» benötigen keine Logiernächte

Doch es sind nicht nur die abgesagten Publikumsanlässe, die der Stadt zu schaffen machen. Auch die zahlreichen internationalen Organisationen wie die UNO, das Rote Kreuz oder die Weltgesundheitsbehörde WHO haben zig Kongresse wegen der Pandemie ins Internet verlegt. Normalerweise organisieren sie jährlich über 2700 Meetings in Genf. Der internationale Geschäftstourismus generiert 75 Prozent der Umsätze. Doch Kongresse via «Zoom» und «Teams» benötigen keine Logiernächte. Diese Erkenntnis dürfte die Hotels denn auch über Jahre hinweg begleiten, da viele Organisationen und Konzerne angekündigt haben, ihre internationalen Reisen längerfristig zu überdenken.

Das zeigt auch ein Augenschein in den Fünf-Sterne-Hotels Fairmont und President Wilson, die wie das Richemond am pittoresken Seeufer liegen. Sie gehören ebenfalls zu Genfs 15 Fünf-Sterne-Hotels. Die glänzenden Luxus-Lobbys sind zuweilen derart menschenleer, dass man sich in einer gespenstigen Hotelszene aus «The Shining» mit Jack Nicholson wähnt.

13‘000 von 15‘000 Genfer-Hotelangestellten haben Kurzarbeit, wie «SRF» kürzlich berichtete, knapp die Hälfte der 126 Hotels hat temporär sogar komplett geschlossen. Die Hotelkette Fassbind, die vier Betriebe in Genf zählt, verzeichnet Umsatzeinbussen von 95 Prozent, wie Geschäftsführer Marc Fassbind sagt. Im ganzen Juni nahm die Firma in Genf so viel ein, wie sonst an einem Tag. Mit ein Grund für die Misere: In keiner anderen Schweizer Stadt ist der Anteil der einheimischen Gäste mit knapp einem Fünftel so klein wie in Genf. Nur mit ihnen rechnet sich der Betrieb nicht.

3000 Franken für eine Nostalgie-Nacht?

Die Politik hat die dramatische Situation erkannt. Das Genfer Parlament hat vor einigen Tagen 4,5 Millionen Fragen für die lokale Tourismusbranche gesprochen, um wieder mehr Gäste anzulocken. Wer zwei Nächte bucht, soll einen Gutschein von 100 Franken erhalten. Fragt sich, ob dies reicht. Denn laut einer Studie des Tourismusinstituts der Fachhochschule Westschweiz-Wallis musste jedes Genfer Hotel im März und April im Schnitt 1,7 Millionen Franken an Umsatzeinbussen verbuchen. Nirgendwo in der Schweiz sind es mehr. Entsprechend am höchsten ist in der Calvin-Stadt mit 35 Prozent auch das Konkursrisiko für Hotels und Restaurants.

Übrigens: Wer das Richemond vor Ende August noch als Gast erleben möchte, muss tief in die Taschen greifen. So kostet eine Übernachtung nächstes Wochenende zwischen 500 Franken für ein «Superior Zimmer» bis hin zu 3000 Franken für die «Premium Suite» mit Marmorbad, Regendusche und Blick auf den See. Das Nostalgie-Feeling angesichts der baldigen Schliessung? Gratis.

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