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Nintendo und die Macht der Melancholie: Wie es für den Konzern nach «Pokémon Go» weitergeht

Die virtuelle Jagd nach Pokémons verhilft Nintendo zu einem realen Börsenhoch.

Die virtuelle Jagd nach Pokémons verhilft Nintendo zu einem realen Börsenhoch.

«Pokémon Go» ist das Game der Stunde und hat kurz nach seiner Einführung schon Rekorde gebrochen. Für Nintendo scheint es das grosse Comeback zu sein — dabei hat der Konzern mit dem Spiel kaum etwas zu tun.

In Florida schoss vergangene Woche ein Hauseigentümer auf zwei Jugendliche, die er für Diebe gehalten hatte. «Hast du was gefunden?», soll ein Eindringling zum anderen gerufen haben. Der ältere Schütze ahnte nicht, dass die beiden Jungen bloss nach Dingen suchten, die es gar nicht gab, jedenfalls nicht aus Sicht des Hauseigentümers.

Nur über die Bildschirme ihrer Smartphones, darauf das Spiel «Pokémon Go» installiert, konnten die Jugendlichen ihrer GPS-basierten, virtuellen Jagd nach bunten Gestalten nachgehen. Und die bannte sie so sehr, dass sie sich auf Privatgrundstücke schlichen. In mehreren Ländern hat die Polizei mittlerweile Richtlinien veröffentlicht, wie man sich beim Zocken des neuen Handyhits verhalten sollte, um keine Gefahr auszulösen.

21 Millionen Nutzer pro Tag

Kaum eine Woche verging seit dem Release am 7. Juli, bis scheinbar die ganze Welt zu Monsterjägern mutierte. «Pokémon Go» hat schon jetzt Rekorde gebrochen: In den USA ist es mit bisher 21 Millionen Nutzern pro Tag das beliebteste Mobile Game der Geschichte.

az-Redaktorin Sina Burger auf Pokémon-Jagd in der Aarauer Altstadt.

az-Redaktorin Sina Burger auf Pokémon-Jagd in der Aarauer Altstadt.

Musik: Audionautix (audionautix.com)

In Japan wurde die Aktie von Nintendo, dem Vermarkter der Pokémonreihe, zum am meisten an einem Tag gehandelten Papier in diesem Jahrhundert. Nintendos Börsenwert hat sich mit der Veröffentlichung von «Pokémon Go» auf 4,36 Billionen Yen gut verdoppelt (rund 37,3 Milliarden Euro) – und liegt damit höher als der des Elektromultikonzerns Sony.

Ein traumhafter Erfolg, zumal Nintendo in den letzten Jahren einen langsamen Tod zu sterben schien. Ist in Kyoto, der Heimatstadt von Nintendo und auch noch die Wiege der japanischen Kultur, endlich wieder alles gut?

So fängt man ein Pokémon

So fängt man ein Pokémon

Rund 20 Jahre sind vergangen, seit die Story der Pokémon erstmals weltweit bekannt wurde. In Japan war das Spiel mit den niedlichen Kampfmonstern (pocket monster, kurz: Pokémon), die der Gamer sammelt, trainiert und sie gegen die Geschöpfe anderer Trainer antreten lässt, 1996 auf dem Gameboy erschienen.

Es folgte eine TV-Zeichentrickserie, bald auch in Europa. Als sich das Format als Riesenhit herausstellte, war schnell jede Vermarktungsmöglichkeit ausgeschlachtet: Die Gameboy-Spiele kamen in verschiedenen Versionen, diverse Kinofilme erschienen, auch ein Musical, Plastikfiguren, Kuscheltiere, Klamotten, Mousepads… Anfang der Nullerjahre gab es nichts mehr auf der Welt, was nicht auch als Pokémoninterpretation zu haben war.

Zu gut für Smartphones

Aber die Welt änderte sich. Smartphones setzten sich durch, nicht nur zum Telefonieren, sondern auch als Spielgerät. Die Hersteller von Spielekonsolen für den Heimfernseher kamen ins Straucheln. Dabei trug Nintendo, der Vermarkter der Pokémonreihe, mit das grösste Leid.

Der Konzern aus Kyoto, der ursprünglich durch Super Mario und den Gameboy eine goldene Marke geworden war, machte zuletzt jahrelang Verluste. Das lag auch daran, dass Nintendo partout am Konsolengeschäft festhalten und seine beliebtesten Spielefiguren – darunter Link aus Zelda, diverse Charaktere aus Super Mario, die Monster von Pokémon und viele andere – nicht für Smartphonespiele verramschen wollte.

Nach der Denkweise der Nintendomanager war die Mobile-Gaming-Branche nur etwas für billige Spiele ohne Tiefe, die auch noch meist gratis oder sehr günstig an den Kunden gehen. Spiele für die teureren Konsolen erzielen deutlich mehr Umsatz – sofern sie sich verkaufen.

Diese konservative Strategie ging so lange und so gründlich schief, dass vielerorts schon Nintendos Pleite erwartet wurde. Im jährlich vom US-amerikanischen Beratungsunternehmen Interbrand erstellten Ranking der 100 weltweit stärksten Marken war Nintendo 2015 zum ersten Mal nicht vertreten.

War das also Super Marios letztes Leben? Die Aussicht klang gruselig, das Management wurde offenbar nervös. Im vergangenen Jahr beschloss Nintendo deshalb eine Kehrtwende, ab sofort würden doch Spiele für Smartphones entwickelt. So lässt sich die Veröffentlichung von «Pokémon Go» als erfolgreicher Einstieg ins Mobile Gaming interpretieren.

Pokémon-Fieber ausgebrochen!

Pokémon-Fieber ausgebrochen!

Überall in der Stadt jagen Gamer mit Handys Pokémons. Rote Ampeln werden da zur Nebensache und deswegen ist das Spiel der Polizei ein Dorn im Auge.

Kommt der Durchbruch?

Allerdings markiert das Spiel nicht unbedingt eine Erholung für Nintendo. Entwickelt wurde «Pokémon Go» vom US-Betrieb Niantic, einem Spinoff von Google, und der japanischen «Pokémon Company.» An beiden hält Nintendo Anteile.

Dennoch ist bisher nicht nur unklar, inwieweit der Konzern an «Pokémon Go» verdienen wird, sondern auch, ob durch diese Veröffentlichung irgendein wirklich hausgemachter Hit aus Kyoto zu erwarten ist.

Shinichi Mizuno, Chefanalyst beim Forschungsinstitut der japanischen Grossbank Sumitomo Mitsui, sagte vergangene Woche: «Ich glaube, der Erfolg von ‹Pokémon Go› bedeutet nicht, dass jetzt auch die Smartphonespiele von Nintendo beliebt sein werden oder dass das Unternehmen das nötige Know-how dafür hat.» Er geht eher vom Gegenteil aus. Zumal Nintendo weiterhin vor allem auf das Konsolengeschäft baut.

Sein erstes eigens entwickeltes Mobile Game aber, «Miitomo», brachte Nintendo im März auf den Markt. Darin baut sich der User eine Figur mit persönlichen Eigenschaften, durch die er mit den Figuren anderer User eine quasi-menschliche Beziehung aufbauen kann.

Kurz nach Veröffentlichung wurde das Spiel zwar mehr als zehn Millionen Mal heruntergeladen. Bald waren es aber nur noch 2,5 Millionen, die es täglich nutzten. «Miitomo», das völlig neu entworfen wurde und nicht auf schon beliebten Charakteren älterer Spiele basiert, gilt in der Szene als ein bisschen langweilig.

Vor allem die melancholischeren Kritiker fordern von Nintendo weitere Smartphonespiele. Aber eben mit legendären Figuren wie Link, Donkey Kong oder Super Mario. Bei Pokémon hat das funktioniert.

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