Neues Branchen-Mekka
«Niemand kann es sich leisten, China zu ignorieren»

Die Dominanz des asiatischen Landes mischt auch den Sektor auch in der Schweiz auf: So wurde beispielsweise durch das Senken der Ölpreise, die europäischen Konkurrenten gezwungen, mitzuziehen.

FELIX LEE, SCHANGHAI
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Im «One Clariant Campus» in Schanghai will Clariant die lokale Forschung fördern. Der Baubeginn ist für Ende 2016 vorgesehen.

Im «One Clariant Campus» in Schanghai will Clariant die lokale Forschung fördern. Der Baubeginn ist für Ende 2016 vorgesehen.

Vom Namen her klingt die China Petroleum and Chemical International Conference – vor allem ihr Kürzel CPCIC – wie ein Relikt aus Zeiten, als die Volksrepublik noch überwiegend planwirtschaftlich organisiert war. Damals dienten solche Konferenzen vor allem dazu, die Planziele für die nächsten Jahre zu bestimmen. Auf die Stückzahl genau legten die Parteikader fest, was in einem bestimmten Zeitabstand zu produzieren war. So sehr die CPCIC auch weiter stark von chinesischen Teilnehmern geprägt ist – von dieser Vorgehensweise hat sich das moderne China weitgehend verabschiedet. Und: Obwohl als eine Regionalkonferenz spezifisch für den chinesischen Markt konzipiert, gehört sie inzwischen zu einer der wichtigsten Branchentreffs der Welt.

Who is Who des Weltmarkts

Zur diesjährigen CPCIC gaben sich selbst Branchengrössen wie Cabot-Chef Sean Keohane (USA), Tsutomu Tannowa, Vorstandschef von Mitsui (Japan) sowie Hariolf Kottmann, Vorstandschef des Basler Chemie-Unternehmens Clariant, in Schanghai die Ehre. Die Konferenz fand vergangene Woche statt.

Für sie ist China nicht nur seit Jahren der weltgrösste Absatzmarkt chemischer Produkte. Auch in der Produktion dominieren die Chinesen. Obwohl zwar noch 12 der 30 führenden Chemieunternehmen ihren Sitz in Europa haben, beläuft sich Chinas Anteil am weltweiten Chemiemarkt schon jetzt auf rund 40 Prozent. Und dieser Anteil dürfte weiter kräftig steigen. Der Beitrag der Chinesen zum jährlichen Wachstum in der weltweiten Chemie-Branche liegt unterdessen sogar bei über 60 Prozent.

«Niemand kann es sich leisten, China zu ignorieren», betonte der in Schanghai anwesende Matthias Zachert, Vorstandschef des deutschen Spezialchemie-Konzerns Lanxess. Er bezeichnete das Reich der Mitte als «Epizentrum der Chemie-Industrie». Auch Clariant-Chef Kottmann schloss sich dieser Einschätzung an und wiederholte, was er in Basel in den vergangenen Wochen schon mehrfach formuliert hatte: Die Zukunft seiner Firma werde in China entschieden werden.

Dabei läuft auch im einstigen Hochwachstumsland China lange nicht alles rund. Nach Jahren des Booms in so ziemlich allen Segmenten dämpft der allgemeine Rückgang des chinesischen Wirtschaftswachstums seit Beginn des Jahres auch die Chemie-Branche. Sie hat vor allem mit gewaltigen Überkapazitäten zu kämpfen, vorab im Bereich der kohlebasierten Chemikalien.

Clariant bleibt ein Schweizer Unternehmen

An seinem mehrfach erklärten China-Fokus lässt Clariant-Chef Hariolf Kottmann keine Zweifel. Um auch der chinesischen Öffentlichkeit zu verdeutlichen, welche Bedeutung China für den Basler Konzern haben wird, war Kottmann letzte Woche zur China Petroleum and Chemical International Conference (CPCIC) in Schanghai gereist. Damit nicht genug: Am Rande des Kongresses lud er zu einer eigenen Pressekonferenz ein. «Vom Rand ins Innerste» werde Clariant in China stossen, betonte er gleich zu Beginn der Veranstaltung. Was der Clariant-Vorstandschef damit meint: Um den chinesischen Markt besser zu verstehen, sollen ganze Forschungseinheiten nach China verlegt werden. Derzeit errichtet das Schweizer Unternehmen in einem Industriegebiet in Schanghai den «One Clariant Campus». Bis 2021 sollen auf einer Fläche von 24 000 Quadratmetern bis zu 500 Mitarbeiter spezifisch den chinesischen Markt erforschen. Schon im letzten Jahr hat Clariant in der Volksrepublik rund 640 Millionen Franken umgesetzt. Das entspricht 11 Prozent des weltweiten Erlöses. Dieser Anteil soll sich in den nächsten Jahren vervielfachen. Um Chinas Stellenwert hervorzuheben, hat Clariant mit Christian Kohlpaintner seit April ein Vorstandsmitglied in Schanghai sitzen. Er soll die Geschicke des Schweizer Unternehmens vor Ort steuern. Ein Signal, das von chinesischer Seite besonders geschätzt werde, beteuert Kohlpaintner. Einem Vorstandsmitglied stelle man bei Verhandlungen in China ebenfalls meist ein Vorstandsmitglied gegenüber. Das öffne Türen, die sonst verschlossen blieben. Schon jetzt hat Clariant mit rund 1500 chinesischen Mitarbeitern mehr als zehn Mal so viele Angestellte wie in der Schweiz. Der Idee, dass Clariant angesichts des expandierenden China-Geschäfts gar den Hauptsitz ins Reich der Mitte verlegen könnte, erteilte Kottmann indes eine Absage. «Wir bleiben ein Schweizer Unternehmen», beteuerte er. (FL)

Druck auf Preise im Westen

Zwar hat die chinesische Führung die Schliessung Tausender Anlagen und Raffinerien angekündigt. Doch der Abbau erfolgt nicht schnell genug. «Momentan überschwemmen die Chinesen auch mit Chemieprodukten weltweit die Märkte», beklagt sich ein in Schanghai anwesender Vertreter eines grossen US-Chemiekonzerns, der nicht mit Namen genannt werden möchte. Die Pekinger Vertretung der EU-Handelskammer hatte bereits Anfang des Monats Alarm geschlagen und die chinesische Politik aufgefordert, beim Abbau der Überkapazitäten rascher zu handeln.

Hinzu kommt der seit fast einem Jahr anhaltende niedrige Ölpreis. Er setzt den Chemie-Sektor weltweit unter Druck. Ein sinkender Ölpreis bedeutet für Chemieunternehmen zwar niedrigere Rohstoffkosten. Doch wegen des enormen Wettbewerbsdrucks werden sie von ihren Kunden zu drastischen Preissenkungen gezwungen. Die grossen chinesischen Unternehmen wie PetroChina und Sinopec haben im Zuge der fallenden Ölpreise als Erstes die Preise ihrer Produkte drastisch gesenkt. Das zwang auch die Konkurrenz in Europa, die Preise zu senken.

Mehr Übernahmen aus Peking

Wie dominant die chinesische Chemie-Industrie inzwischen ist, zeigt sich auch an den derzeitigen Fusionen. «Die gesamte Chemieindustrie befindet sich im Umbruch», betonte auf dem Kongress in Schanghai Ren Jianxin, Chef von ChemChina, Chinas grösstem Chemiekonzern. ChemChina hat Anfang des Jahres durch die geplante Übernahme des Schweizer Agrarchemiekonzerns Syngenta weltweit für Aufsehen gesorgt. Ren zeigt sich nun zuversichtlich, dass die 43 Milliarden US-Dollar schwere Transaktion noch bis zum Jahresende abgeschlossen sein werde. Nachdem das mächtige Committee on Foreign Investment in the United States (Cfius) im August grünes Licht gegeben hat, stehe dem Zusammenschluss nichts mehr im Weg.

Indes, auch die Konkurrenz schläft nicht. Der deutsche Bayer-Konzern hat letzte Woche zeitgleich zur Chemie-Konferenz in Schanghai mitgeteilt, für über 66 Milliarden Dollar die US-Saatgutfirma Monsanto zu übernehmen. Sollte dieser Zusammenschluss genehmigt werden, entsteht der grösste Saat- und Pestizidhersteller weltweit. Und bereits im vergangenen Dezember hatten Dow Chemical und Dupont verkündet, über einen Zusammenschluss zu verhandeln.

Die chinesischen Unternehmer scheinen diese Fusionen gelassen zu nehmen. Das Pulver sei noch längst nicht verschossen, sagt ein ranghoher chinesischer Manager. Grossunternehmen wie Sinopec oder Petrochina stünden erst noch am Anfang ihrer weltweiten Einkaufstour.

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