Nico Planzer war einfach nur neugierig, als er auf der Website der Bankenombudsstelle (www.bankingombudsman.ch) die elektronische Liste der nachrichtenlosen Vermögen nach seinen eigenen Vorfahren durchging. Mehr als 2000 Namen stehen in dem Dokument, und ganz unerwartet wurde der Luzerner fündig. Alfons und Johann,* so hiessen die beiden Onkel seiner Grossmutter mütterlicherseits. Ins Raster passten nicht nur deren Vor- und Familiennamen, sondern ihre Herkunft. Als kleine Kinder waren die beiden mit ihren Eltern von Österreich in die Schweiz – nach St. Gallen – emigriert, wo sie später auch die Staatsbürgerschaft erhielten. Doch in den Dokumenten der Bank blieb einer versehentlich Österreicher.

Ein Glück für Nico Planzer. Erst dieses Detail motivierte ihn, die Recherche richtig an die Hand zu nehmen. Es muss sich um die Sparkonti gehandelt haben, die sein Urgrossonkel seinen Söhnen im Kindesalter eingerichtet hatte, vermutet er. Alfons und Johann waren die Onkel von Planzers noch lebender Grossmutter, die einen gesetzlichen Erbanspruch auf die Vermögen ihrer beiden Verwandten besitzt. Doch deren Spuren haben sich schon vor mehr als einem halben Jahrhundert verloren. Die beiden zogen schon in jungen Jahren von der Schweiz in Richtung Amerika weiter und vergassen dabei offenbar, den Sparbatzen ihres Vaters auf die Reise mitzunehmen. Seit mehr als 60 Jahren sind die Konti bei einer Schweizer Grossbank nachrichtenlos.

Mehr Nachforschungen

Weil das Parlament im März 2013 beschlossen hatte, dass langfristig nachrichtenlose Vermögen liquidiert und die Erlöse an die Bundeskasse abgeliefert werden müssen, werden die Namen der Kontoinhaber seit Dezember 2015 nach 60 Jahren ohne Nachricht auf der Website der Ombudsstelle veröffentlicht. Als Folge davon hat die Zahl der Nachforschungen im vergangenen Jahr sprunghaft zugenommen, wie Ombudsmann Marco Franchetti gestern an der Jahresmedienkonferenz in Zürich erklärte.

714 Fragebogen seien im Berichtsjahr ausgefüllt retourniert worden – ein Drittel mehr als im Jahr davor. 687 Fragebogen seien nach erfolgter Prüfung als ausreichend legitimiert taxiert worden. In 62 Fällen habe eine tatsächliche Übereinstimmung stattgefunden. Den Berechtigten konnten Werte in der Höhe von 12,7 Millionen Franken ausbezahlt und sieben Schrankfächer zugänglich gemacht werden. «Dies zeigt einmal mehr eindrücklich, dass das System einwandfrei funktioniert», stellte Franchetti fest.

Standardmässige Absage

Doch Nico Planzer machte eine andere Erfahrung. Nach einer ersten positiven, telefonischen Beurteilung seines Falles durch die Ombudsstelle schickte er die nach der langen Zeit noch erhalten gebliebenen Dokumente an die Bank, welche die Verwandtschaft seiner Grossmutter mit Alfons und Johann eindeutig belegen konnten: ein Familienbüchlein, einen Auszug der Wohnsitzgemeinde im Kanton St. Gallen mit wichtigen Informationen zur Familie und die Kontovollmacht der Grossmutter. Bald darauf kam ein Brief der Bank: «Nach Prüfung der von Ihnen erfassten Angaben sowie der von Ihnen eingereichten Unterlagen, müsssen wir Ihnen leider mitteilen, dass mit diesen Informationen kein Zusammenhang zu der publizierten Person hergestellt werden kann.» Ein Standardbrief mit einer standardmässigen Absage.

«Inakzeptabel», fand Nico Planzer und liess nicht locker. Einige Woche später kam er zum Erfolg – aber nur, weil es in seinem Fall um ein paar wenige tausend Franken ging. Die Bank benötige im Erbfall «grundsätzlich den Toten- und Erbschein des Kontoinhabers sowie die entsprechenden Unterlagen von sämtlichen nachverstorbenen Erben, jeweils im Original oder als beglaubigte Kopie».

Als die Nachkommen der Holocaust-Opfer Anspruch auf die in der Schweiz vermuteten Vermögenswerte ihrer Vorfahren geltend machen wollten, wurden sie von den Banken während vieler Jahre mit ähnlichen Forderungen ausgebremst. In Anlehnung an jene trüben Erfahrungen glaubt Nico Planzer, dass das System bei weitem nicht so gut funktioniert, wie der Ombudsmann glauben machen möchte. Deshalb will der Jung-Politiker (Jungpräsident BDP Schweiz) seine Partei motivieren, im nationalen Parlament einen Vorstoss zur Vereinfachung des Prozederes vorzunehmen.

Franchetti und seinem Team geht die Arbeit auch so nicht aus. Über 2000 Fälle musste er 2016 bearbeiten. Meistens ging es um Gebühren. In Zeiten von Negativzinsen und sinkenden Gewinnmargen sind die Banken hier offenbar besonders kreativ geworden.

* Namen geändert