Noch vor anderthalb Jahren antworteten Sie auf die Frage, ob Sie Verlegerpräsident werden möchten: «Mit ganz grossen Buchstaben: NEIN.» Nun sind Sie es. Weshalb diese Kehrtwende?

Pietro Supino: Vor anderthalb Jahren sprach der bisherige Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument noch nicht von Rücktritt. Nachdem er sich dazu entschlossen hatte, überzeugte er mich, für seine Nachfolge zu kandidieren.

Lebrument, der knorrige Verleger aus Graubünden, polterte gerne lautstark, wenn ihm etwas nicht passte. Welchen Stil verfolgen Sie?

Das dürfen Sie beurteilen, wenn ich dereinst mein Amt meiner Nachfolge übergeben werde.

Mit Lebrument teilen Sie die Abneigung gegen die SRG. Und das, obwohl Sie in einem Interview mit der «Schweiz am Sonntag» vor fünf Jahren sagten, dass SRG-Generaldirektor Roger de Weck Ihr Joggingpartner und ein guter Freund sei. Was gilt nun?

Joggen gingen wir schon lange nicht mehr, auch wenn es uns beiden wohl guttun würde (lacht). Auf der persönlichen Ebene verstehen wir uns weiterhin gut, auf der geschäftlichen haben wir Differenzen. Damit man mich richtig versteht: Sowohl der Verband Schweizer Medien als auch ich persönlich befürworten eine gebührenfinanzierte SRG, und eine Abneigung gibt es nicht. Bremsen müssen wir jedoch ihre Expansion, die sie seit Jahren sowohl kommerziell als auch inhaltlich vorantreibt.

Ihr Powerplay gegen die SRG trägt erste Früchte. Am Mittwoch beauftragte derNationalrat den Bundesrat, den Service-
Public-Bericht unter dem Blickwinkel des Subsidiaritätsgedankens zu überarbeiten. Sprich: Eine Mehrzahl der Parlamentarier kann sich vorstellen, dass die SRG nur noch jene Angebote aufrechterhält, die nicht von privaten Verlegern erbracht werden können.

Es freut mich, dass die längst nötige Service-Public-Debatte endlich seriös geführt wird. Klar ist für mich: Strukturerhaltung ist kein brauchbares Rezept für die Zukunft. Die Welt hat sich verändert, unser Mediensystem aber ist tief in der Vergangenheit verhaftet.

Unter Strukturerhaltung verstehen Sie das Festhalten an einer starken SRG. Am Montag befasst sich auch der Ständerat mit dieser Frage.

Wir alle – Politiker und Interessenvertreter – sollten mehr an die Bedürfnisse der Nutzer denken. Um diese zu befriedigen, ist ein komplementäres System aus sich ergänzenden öffentlich finanzierten und privaten Medien das ideale Modell, weil nur dieses eine vielfältige Medienlandschaft ermöglicht. Leider droht die durch Gebühren finanzierte SRG die privaten Medien zu verdrängen. Das kann niemand wollen.

Was die Konsumenten letztlich am meisten interessiert: Wie hoch sollen die Gebühren zugunsten der SRG sein?

Ich fand es bereits falsch, über den Wechsel des Gebührensystems abzustimmen, bevor die Diskussion über das von der Öffentlichkeit gewünschte Angebot geführt ist. Auch jetzt kommt diese Frage zur Unzeit. Wir sollten sie erst beantworten, wenn wir definiert haben, was Service public umfassen soll.

Nicht nur mit der SRG, sondern auch mit dem Medienhaus Ringier liegen Sie im Streit. Dieses ist letztes Jahr unter Getöse aus dem Verlegerverband ausgetreten. Ist das Tuch endgültig zerschnitten?

Aus meiner Sicht nicht. Ich würde mich freuen, wenn Ringier zurück an den Tisch käme.

Ringier-Chef Marc Walder sagt, für eine Versöhnung mit dem Verlegerverband gebe es keinen Grund. Ein Wiedereintritt ist höchst unrealistisch.

Unrealistisch wäre, wenn ich mit Marc Walder joggen gehen wollte (der CEO der Ringier-Gruppe war früher Spitzensportler, Anm. d. Red.). Mittel- bis langfristig ist eine Rückkehr von Ringier sicher realistisch, ich werde mich darum bemühen. Denn wir haben viele gemeinsame Interessen: der Kampf für die Medienfreiheit, der Vertrieb gedruckter Zeitungen, Aus- und Weiterbildung – um nur einige zu nennen. Als Unternehmer arbeiten Walder und ich ohnehin bereits zusammen. Am wichtigsten ist dabei jobs.ch, das Ringier und Tamedia gemeinsam gehört und sehr erfolgreich ist.

Zum Streit mit Ringier kam es, da der Verlag mit Swisscom und SRG die Werbeallianz Admeira gründete. Sie beurteilten diese als Pakt mit dem Feind.

Diese Werbeallianz behagt uns privaten Verlegern nach wie vor nicht. Und auch den an Admeira beteiligten Konzernen scheint es nicht ganz wohl zu sein: Sonst hätten sie sich kaum zu gewissen Verhaltensweisen verpflichtet und nun angekündigt, das Aktionariat öffnen zu wollen. Der Verlegerverband nimmt diesen Ball gerne auf und geht nun in Gespräche. Aus unserer Sicht besonders interessant wäre eine offene Datenplattform, die idealerweise nicht gewinnorientiert und dank Transparenz auch für die Nutzer ein Mehrwert wäre. Kommt eine solche Lösung zustande, ist nicht ausgeschlossen, dass sich eines Tages weitere Verleger und vielleicht auch Tamedia an Admeira beteiligen.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Wir sind um die dreissig. Können wir in unserem Beruf, den wir lieben, alt werden?

Ich sehe für den Journalismus eine grosse Zukunft. Ihr Job wurde bis anhin mit jedem technologischen Wandel spannender, und Journalisten haben meist eine grosse Lern- und Leistungsfähigkeit an den Tag gelegt. Realistischerweise muss man aber davon ausgehen, dass die Gesamtzahl der Stellen auch in Zukunft sinken wird. Wenn Sie im Journalismus bleiben wollen, haben Sie nur eine Wahl: Sie müssen einfach besser sein als Ihre Konkurrenz (lacht).