Die Unlust war ihm anzumerken. Novartis-Chef Vas Narasimhan wollte sich an der gestrigen Telefonkonferenz zu den Halbjahreszahlen nicht lange mit dem stark kritisierten Vertrag mit Ex-Trump-Anwalt Michael Cohen aufhalten. «Für mich ist der Fall abgeschlossen, wir sind auf die Zukunft fokussiert», sagte er. Die Frage, ob es noch ausstehende Anfragen von Politikern oder Behörden in der Sache gebe, verneinte der Amerikaner.

Seit Mai befindet sich Novartis in der Schusslinie, weil der Pharmakonzern im Jahr 2017 den Ex-Trump-Anwalt Michael Cohen für 1,2 Millionen Dollar anheuerte. Neben der öffentlichen Kritik startete der US-Senat eine Untersuchung des Falls. Der Bericht, der daraus entstand, wirft unter anderem die Frage auf, ob Novartis mittels Cohen politische Entscheide der Regierung des neu gewählten Präsidenten Donald Trump beeinflussen wollte.

Unfreiwillig rutschte damit der Ruf von Novartis auf die Prioritätenliste von Narasimhan, der seit Anfang Februar Joe Jimenez als Konzernchef ablöste. Das Image des Unternehmens war bereits vor dem Cohen-Fall durch zahlreiche Korruptionsfälle ramponiert.

Die USA bleiben ohnehin ein heikles Pflaster. Dies zeigt die jüngste Episode um das Thema Medikamentenpreise. So kritisierte Präsident Trump den USPharmakonzern Pfizer und andere wegen der Preiserhöhung zahlreicher Arzneimittel. In der Folge kündigte Pfizer an, während höchstens sechs Monaten still zu halten und die Preise zu belassen. Nun gab auch Narasimhan bekannt, es Pfizer gleichzutun: «In einem sich derzeit politisch rasch verändernden Umfeld in den USA erachten wir es als klug, die Preise dieses Jahr nicht mehr zu erhöhen.»

Durststrecke beendet

Die USA sind der mit Abstand wichtigste Markt für die Pharmaindustrie – sie erzielt dort 40 Prozent ihrer Umsätze. Die Firmen verdienen in den Vereinigten Staaten überdurchschnittlich gut, weil ihnen bei den Medikamentenpreisen bislang kaum Grenzen gesetzt waren. Preiserhöhungen waren lange an der Tagesordnung, die Debatte darüber ging erst während des letzten Präsidentschaftswahlkampfs so richtig los.

Novartis dürfte den Verzicht auf mögliche Zusatzeinnahmen in den USA verkraften können. Nach einer längeren Durststrecke kann das Unternehmen im ersten Halbjahr ein Umsatzplus von 5 Prozent verbuchen, der Betriebsgewinn stieg gar um 17 Prozent. Grund dafür ist die anziehende Nachfrage nach den Hoffnungsträgern Cosentyx gegen Schuppenflechte und Entresto gegen Herzversagen. Mit diesen neuen Präparaten will Novartis sinkende Umsätze bei anderen Medikamenten durch das Auslaufen des Patentschutzes kompensieren.

Übernahmen und Verkäufe

Narasimhan hat in seinen ersten Monaten als Chef einen rasanten Start hingelegt, da er bereits zahlreiche wichtige Entscheide getroffen hat. So hat sich der Pharmakonzern endgültig vom Geschäft mit rezeptfreien Medikamenten verabschiedet und die Abspaltung der Augenheilsparte Alcon angestossen. Gleichzeitig hat der Amerikaner mit indischen Wurzeln auch investiert. Für 8,7 Milliarden Dollar hat Novartis im April die US-Biotechfirma Avexis übernommen. Diese entwickelt eine Gentherapie gegen eine seltene Muskelkrankheit. Mit der Plattform der übernommenen Firma erhofft sich Narasimhan weitere Gentherapien etwa im Bereich Neurologie oder Augenkrankheiten.

Mit diesen Schritten will Vas, wie er intern genannt wird, Novartis noch stärker fokussieren. Wird Alcon nächstes Jahr wie geplant an die Börse gebracht, bleiben noch die Pharmasparte und das Generikageschäft, das mit der Marke Sandoz auftritt. Damit wäre der Wandel weg vom Gemischtwarenladen mit Kontaktlinsen, Tiernahrung und Impfstoffen hin zu einem Hersteller von rezeptpflichtigen Medikamenten und Generika abgeschlossen. Dieser Prozess wurde bereits unter Narasimhans Vorgänger Joe Jimenez begonnen. Angestossen hat die Bereinigung des Portfolios aber Präsident Jörg Reinhardt, der das Amt seit über fünf Jahren innehat.

Die grossen strategischen Linien waren also bereits vor Narasimhans Antritt vorgezeichnet. Doch die diversen Entscheide in seinen ersten Monaten zeigen, dass es ihm nicht an Entschlossenheit fehlt. Auch personell hat er einige Akzente gesetzt. So hat er mehrere Chefposten mit externen Managern besetzt. Die Leiterin des Onkologiegeschäfts etwa kommt von Pfizer, der Entwicklungschef von Amgen und der Chief Digital Officer wechselte vom britischen Detailhändler Sainsbury’s.

Daneben steht auch ein Kulturwandel auf Narasimhans Prioritätenliste. Novartis ist dem jungen Manager mit Jahrgang 1976 zu hierarchisch und zu bürokratisch organisiert. «Wir wollen, dass Ideen gewinnen, nicht Hierarchien», sagte er zu Beginn des Jahres. Er will die Basis stärken, mehr auf Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzen. Jahrelang war der Konzern primär vom Zahlendenken geprägt, der Kulturwandel wird somit zu einer Daueraufgabe.