Herr Zumbrunnen, Sie haben bei der Jahrespressekonferenz deutlich gemacht, dass Sie mit dem Ergebnis 2017 nicht zufrieden sind. Sie deshalb ein Kostensparprogramm lanciert. Mit welchem Resultat?

Fabrice Zumbrunnen: Wir haben eine Vorwärtsstrategie. Wir investieren in die Weiterentwicklung unserer Geschäfte. Es geht nicht nur ums Sparen. Wir möchten mit unseren Angeboten unsere Kundschaft überzeugen, das ist das Wichtigste. Wir haben viele Massnahmen getroffen, die nichts mit der Effizienz zu tun haben, sondern für mehr Umsatz sorgen. Und wir investieren in das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Trotzdem: Der Gewinn ist stark eingebrochen, um 24 Prozent auf 503 Millionen Franken. Wo wollen Sie sparen?

Mit dieser Entwicklung können wir uns nicht zufrieden geben und es gibt Gründe dafür. Ein Faktor waren die Desinvestitionen, der Verkauf von Firmen wie Cash und Carry Angehrn oder Office World. Und bei Unternehmen, die sich in einer schwierigen Marktsituation befinden, haben wir die digitale Transformation eingeleitet. Das heisst zum Beispiel, dass wir bei Ex Libris Filialen schliessen mussten und uns bei der Globus-Gruppe auf den Premium-Brand Globus fokussierten. Dabei wurde viel in die Digitalisierung investiert. Das alles hat Kosten gebunden und das Ergebnis belastet.

Welche weiteren Massnahmen leiten Sie ein?

Wir müssen uns generell fragen, ob wir die richtigen Prioritäten gesetzt haben und wo wir die vorhandenen Mittel optimal einsetzen sollen.

Sie bleiben unkonkret. Werden Sie zum Beispiel das Werbebudget kürzen?

Nochmals: Wir sind daran, die Lage zu analysieren. Mitte Jahr erwarten wir erste Resultate. Wie wir darauf reagieren werden, kann ich jetzt noch nicht sagen. Mich stimmt jedoch zuversichtlich, dass wir per Ende Februar den Umsatz um ein Prozent steigern konnten und Marktanteile gewinnen.

Vom neuen Migros-Chef interessiert, wie er den Detailhandel in fünf, zehn Jahren sieht. Welche Vision haben Sie für die Filiale der Zukunft? Wird Augmented Reality eine Rolle spielen?

Wir werden Augmented Reality, also die digitale Anzeige von Zusatzinformationen, in der Tat vermehrt in den Geschäften anbieten, insbesondere in den Fachmärkten. Bei Micasa Home ist Augmented Reality bereits Realität. Dort können Sie dreidimensional schauen, wie ein gewisses Möbelstück oder Accessoire in ihrer Wohnung aussehen würde.

Der Gewinn der Migros bricht um fast 25 Prozent ein

Der Gewinn der Migros bricht um fast 25 Prozent ein

Fabrice Zumbrunnen ist seit einem Jahr Präsident der Generaldirektion des Migros-Genossenschafts-Bundes. Im Interview spricht er über die Herausforderungen und künftigen Schwerpunkte, dies nachdem der Gewinn im Jahr 2017 um fast 25 Prozent zurückgegangen ist.

Und in den Supermärkten?

In den Fachmärkten, wo es mehr Platz gibt, ist die Digitalisierung deutlich spürbarer als in den Supermärkten. Aber auch dort gibt die Migros-App schon heute viele Zusatzinformationen über einzelne Produkte, zum Beispiel für Allergiker. Es wird aber auch in Zukunft nicht mehr Info-Bildschirme als Früchte und Gemüse in den Filialen haben.

Was ist mit Verkaufsrobotern, wie sie zum Beispiel bei Media Markt zum Einsatz kommen?

Roboter in der Filiale sind nicht mein Ziel. Der menschliche Kontakt hat für unsere Kunden einen hohen Stellenwert…

…und trotzdem führen Sie in den Supermärkten immer mehr Self-Scanning-Kassen ein.

Gewissen Automatisierungen verschliessen wir uns nicht. Es gibt Platz für beides. Am Schluss entscheidet die Kundschaft, was sie will.

Wie sehen Sie das Potenzial der Sharing Economy? In den USA gibt es zum Beispiel Apps, mit denen Kunden für andere Kunden ihre Einkäufe tätigen können.

Dieses Thema hat sicher Potenzial und ich kann mir so etwas vorstellen. Wir haben ja schon heute eine starke Online-Community dank unserer Plattform Migipedia, wo die Kunden Produkte bewerten und sich austauschen können. Man muss aber daran denken, dass die Schweiz nicht Amerika ist. Für viele Geschäftsideen fehlt die kritische Grösse, wie wir es bei LeShop Drive gesehen haben.

Inwiefern?

Wir hatten zwei Drive-Through-Standorte im Test, wo die Kunden ihre Le-Shop-Einkäufe mit dem Auto abholen konnten. In Frankreich und in England boomt dieses Format. Die Kunden waren auch hier begeistert. Aber das Potenzial war zu klein, weil hierzulande die Fusswege zur nächsten Filiale viel kürzer sind. Deshalb haben wir diesen Test beendet.

Ihr Vorgänger Herbert Bolliger hat sich deutlich für eine Abschaffung der kantonalen Ladenöffnungsgesetzes ausgesprochen. Er fand, das Bundesgesetz würde ausreichen, wonach die Geschäfte von Montag bis Samstag von 6 bis 23 Uhr offen sein dürften. Wie sehen Sie das?

Ich akzeptiere die Tatsache, dass es unterschiedliche Regeln gibt, aber persönlich bedaure ich das. Andererseits bin ich Westschweizer und ich weiss, wie emotional dieses Thema für viele Leute ist. In Zürich sind die liberalen Öffnungszeiten völlig unproblematisch, in vielen Westschweizer-Kantonen hätten sie hingegen keine Chance.

Aber grundsätzlich wären Sie für eine liberalere, nationale Öffnungszeitenregelung?

Ich wäre froh, wenn wir eine einheitliche Lösung in der Schweiz anstreben könnten.

So wie im Aargau, wo nur das Bundesgesetz gilt?

Ja, das wäre sicherlich von Vorteil. Aber darauf habe ich keinen direkten Einfluss.

Sie gelten als Mister Gesundheit bei der Migros, haben den Bereich mit Medbase-Gesundheitszentren schon vor Ihrer Chef-Ernennung stark ausgebaut. Wie beurteilen Sie Bedenken der Kundschaft, sich von einem Migros-Arzt behandeln zu lassen, der sich vor der Konsultation vielleicht noch das Cumulus-Profil des Patienten ansieht?

Unsere Ärzte haben keinen Zugriff auf die Cumulus-Daten, keine Sorge. Wir haben bei Cumulus ja auch das Label «Good Privacy». Ich möchte das wirklich betonen: Wir spielen nicht mit Daten. Alles andere ist Fantasie. Und vergessen Sie nicht: Die Migros hat von allen Firmen die höchste Reputation in der Schweiz.

Sie sind mit der Versandapotheke zur Rose eine Kooperation eingegangen und haben in einer Berner Filiale eine Apotheke in einem Migros-Supermarkt eröffnet. Wie viele folgen noch?

Das war ein erfolgreicher Pilot. Deshalb werden wir es nun auch in Zürich und Basel testen. Das nationale Potenzial kennen wir aber noch nicht. So eine Shop-in-Shop-Lösung braucht es nicht überall. In vielen Einkaufszentren gibt es ja bereits Apotheken.

Zum Schluss die Gretchenfrage: Soll die Migros ihre Statuten ändern und in den Supermärkten Alkohol verkaufen?

Nein, definitiv nicht.