Porträt

Neuer, alter ABB-Chef: Peter Voser – der Mann, dem auch Blocher traut

Peter Voser: «Ich sehe mich nicht als Teil der Elite.»

Der interimistische ABB-CEO Peter Voser tickt anders als sein Vorgänger Ulrich Spiesshofer. Interessante Differenzen gibt es beim Verkauf der Stromnetz-Sparte an Hitachi. Ein Porträt.

Ein Herz und eine Seele waren sie nie: Hier der geschliffene Deutsche Ulrich Spiesshofer, 55, Träger eines Doktor- und eines MBA-Titels. Dort der bodenständige Aargauer Peter Voser, 60, KV- und Fachhochschulabsolvent, der einmal in dieser Zeitung sagte: «Ich sehe mich nicht als Teil der Elite.»

Wie unterschiedlich der abgetretene CEO Spiesshofer und Verwaltungsratspräsident Voser funktionieren, zeigte sich im Januar in Davos. ABB lud WEF-Teilnehmer zu einem Showevent in ein Hotel ein. Auf der Bühne dozierte Spiesshofer eine halbe Stunde lang über die Digitalisierung der ABB, rhetorisch brillant, allerdings einstudiert und künstlich. Voser stand eher gelangweilt im Publikum, er mied die Bühne und unterhielt sich nach Spiesshofers Show im kleinen Kreis mit Kunden, Investoren und Journalisten.

Spätestens seit dem Hitachi-Deal – dem Verkauf der Stromnetzsparte, also des ABB-Herzstücks – an den japanischen Konzern wirkte das Duo Voser/Spiesshofer nicht mehr einträchtig. In den Medien trat einzig Spiesshofer auf und verteidigte den Ausverkauf, den ABB ausgerechnet kurz vor Weihnachten bekanntgab und so die 2800 vom Wechsel betroffenen Mitarbeiter in Unsicherheit stürzte. Voser – als VR-Präsident immerhin oberster Verantwortlicher für diesen strategischen Entscheid – blieb stumm und liess Spiesshofer im medialen Sturm stehen, der auf den Hitachi-Deal folgte.

Insider berichten, Voser habe die Kommunikation für verunglückt gehalten: Statt abstrakt mit «Fokussierung» zu argumentieren, hätte Spiesshofer ehrlich sagen können, dass im Stromnetz-Geschäft heutzutage quasi eine Staatsgarantie nötig ist, um solch grosse und risikobehaftete Aufträge bewältigen zu können. In Japan sei das faktisch der Fall. Voser steht hinter dem Deal - Hoffnungen, die Stromnetzsparte könnte nun doch bei ABB bleiben, sind realitätsfremd.

Vosers Nahtod-Erlebnis

In Baden, der historischen Brutstätte der ABB, hat Voser einen hervorragenden Ruf; schon sein Vater arbeitete für die Vorgängerfirma BBC, als Montagechef. Die ABB-Basis lästert in den Mittagspausen hingegen gern über «Schwätzer Spiesshofer» (Zitat eines Mitarbeiters).

Vosers Ruf stammt aus seiner ersten ABB-Zeit, lange bevor er Ende 2014 als VR-Präsident zurückkehrte: 2002 stand ABB finanziell am Abgrund, als Voser Finanzchef wurde. Er handelte blitzschnell: Es gelang ihm, den Banken Milliardenkredite abzuringen. «Es ging um Stunden, sonst wäre uns das Geld ausgegangen», sagt Voser dazu. Auf die Frage, wie ihn dieses berufliche Nahtod-Erlebnis geprägt hat, antwortet er: «Ich nenne es meine zweite Lehre. Danach brachte mich nicht mehr viel aus der Ruhe.»

In diesen dramatischen Tagen meldete sich ein gewisser Christoph Blocher bei Voser. Als die ABB-Aktie unter 2 Franken sank, witterte der Industrielle und SVP-Politiker eine Chance, bei ABB einzusteigen. Was er auch tat – mit einem Anteil knapp unter der Meldeschwelle.

Blocher hatte Voser und CEO Jürgen Dormann zu sich bestellt, und nach dem Gespräch war für Blocher klar: «Diesem Voser kannst du trauen, der wird ABB retten.» Und so kam es. Wie viele hundert Millionen Franken Blocher gewann, nachdem die ABB-Aktie wieder stieg, ist nicht bekannt.

Mit seinem Husarenstück wurde Voser damals zum starken Mann der ABB. Viele sahen in ihm den neuen Konzernchef, doch dem damaligen ABB-Präsidenten Jürgen Dormann wurde Voser zu mächtig. Er überging ihn und holte Fred Kindle; Voser verliess ABB nach nur zwei Jahren. Er machte bei einem anderen Weltkonzern Karriere und wurde beim Erdöl-Multi Shell zum CEO.

Obwohl er während dieser Zeit seine Büros in London und Den Haag hatte, blieb Voser seiner Heimat verbunden. Er wohnt in Widen AG. «Ich fühle mich hier als normaler Einwohner und habe den Eindruck, dass ich auch als solcher wahrgenommen werde», sagte er einst in einem Interview.

Zusammen mit seiner Frau hat Voser zwei Töchter (36- und 34-jährig) und einen Sohn (31). Am Familientisch wurde immer viel diskutiert, auch über den Umweltschutz: «Da kann es auch mal kontrovers zu- und hergehen», sagt Voser. «Solche Auseinandersetzungen braucht es in der Familie und ebenso im Unternehmen.»

Der Traum vom Fussballer

Die Laufbahn des «mächtigsten Schweizer Wirtschaftsführers» («Bilanz») begann in Spreitenbach, wo er bei einer Regionalbank das KV machte. Danach absolvierte er die Fachhochschule für Wirtschaft (HWV) in Zürich.

Voser wird oft als Beispiel dafür genannt, dass man es auch als Lehrling und ohne Uni-Abschluss ganz nach oben bringen kann. Er selbst erklärt sein Erfolgsrezept so: «Jeden Tag das Beste geben, konstante Weiterbildung im Job – und Glück.»

Seine Karriere hätte aber auch anders verlaufen können: Als Bub träumte er davon, Fussballer zu werden. Beim FC Wettingen und beim SV Würenlos spielte er bis in die 2. Liga – als Verteidiger und Mittelfeldspieler. Sport ist ihm heute noch wichtig. Wenn immer möglich geht er in die Berge, zum Skifahren oder Wandern, am liebsten ins bündnerische Falera: «Dort laden sich meine Batterien auf.»

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