Neue Shopkonzepte
Hand in Hand auf Kundenfang: Hotelplan, Salt, Valentino und Co. setzen auf gemeinsame Shops – mit Risiken

Die Migros-Reisetochter machts mit Salt, Valentino mit einer Reis-Bar: Vermehrt betreiben Firmen mit Partnern gemeinsame Geschäfte unter einem Dach. Damit lassen sich Mietkosten sparen, doch es lauern auch Gefahren.

Benjamin Weinmann
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Beim Coiffeur Valentino am Zürcher Löwenplatz kann man während des Coiffeur-Besuchs nun auch Smoothies trinken oder vegane Gerichte der Gastro-Firma Wild Bowls essen, die im selben Geschäft untergebracht ist.

Beim Coiffeur Valentino am Zürcher Löwenplatz kann man während des Coiffeur-Besuchs nun auch Smoothies trinken oder vegane Gerichte der Gastro-Firma Wild Bowls essen, die im selben Geschäft untergebracht ist.

Britta Gut

Waschen, legen, föhnen – und dazu noch eine Reis-Bowl und ein Smoothie? Bei Valentino ist das möglich. Die berühmte Zürcher Coiffeur-Kette hat am Löwenplatz in seiner Filiale neuerdings Platz für die Gastrofirma «Wild Bowls» gemacht. Dort, wo zuvor die günstigere Coiffeur-Marke von Valentino die Kundschaft empfangen hat, gibt es nun «Tropical Immunity»-Säfte, organische Matcha Lattes mit Spirulina, Agave und Hafermilch oder Avocado-Toasts. Daneben, von einer Glasswand getrennt, stehen die Coiffeur-Stühle. Auf der Fensterfront sind beide Marken mit ihrem Logo präsent.

Hotelplan-Chefin Laura Meyer testet eine Kooperation mit der Handyabo-Firma Salt.

Hotelplan-Chefin Laura Meyer testet eine Kooperation mit der Handyabo-Firma Salt.

Zvg / Aargauer Zeitung

Zwei Marken unter einem Dach – damit sind «Valentino» und «Wild Bowls» nicht allein. Die von der Coronakrise gebeutelte Reisebranche wagt ähnliche Formate. So gab Hotelplan-Chefin Laura Meyer im «Blick» bekannt, gemeinsame Sache mit dem Telekomanbieter Salt zu machen. In vorerst zwei Filialen, in Olten SO und Stans NW teilen sich die Migros-Reisetochter und der Handyabo-Verkäufer die Geschäftsfläche. Die Idee: Wer sich für einen Trip in die USA beraten lässt, kann sich in den selben Räumlichkeiten über Roaming-Tarife informieren.

Weniger Platz für Reisekataloge nötig

In Bulle FR betreibt Kuoni neuerdings ein gemeinsames Geschäft mit der lokalen Papeterie Duplirex.

In Bulle FR betreibt Kuoni neuerdings ein gemeinsames Geschäft mit der lokalen Papeterie Duplirex.

zvg

Und Hotelplan-Konkurrent Kuoni hat vor wenigen Tagen in Bulle FR eine neue Filiale gemeinsam mit einer lokalen Papeterie eröffnet. «Das Walk-in-Geschäft, mit Kunden vor Ort, geht im Zuge der Online-Beratung zurück», sagt Kuoni-Chef Dieter Zümpel im Gespräch. Sprich: Die dicken Reisekataloge in der Filiale sind immer weniger gefragt. Kuoni habe sehr attraktive Standorte, «für die wir aber hohe Mieten bezahlen», sagt Zümpel. Deshalb seien solche Kooperationen sehr interessant. In rund zehn Kuoni-Filialen wird zudem schon bald der TCS Mitmieter.

Diese Art des gemeinsamen Auftritts ist neu. Im Detailhandel kamen in den vergangenen Jahren zwar oft so genannte «Shop-in-Shops» zum Einsatz. Dabei vermietete ein Händler einem Drittpartner einen kleinen Teil der Geschäftsfläche. Die Migros setzt zum Beispiel aktuell auf dieses Format mit der Integration von Zur-Rose-Apotheken in Supermärkten (CH Media berichtete). Doch nun geht es einen grossen Schritt weiter: Statt eines «Shop-in-Shops» ist jetzt von einem «Shared Shop» die Rede, einem geteilten Geschäft.

«...also mussten wir kreativ werden.»

In Genf setzt die Kaffeekette Boréal derweil auf eine Partnerschaft mit der Patisserie «Mr & Mrs Renou» und dem Sandwichproduzenten «Street Gourmet». Auch hier sind jeweils die Firmennamen und -Logos beim Eingang präsent. Boréal-Chef und -Inhaber Peter Romain gibt ohne Umschweife zu, dass die Pandemie mit ein Grund für das neue Kooperationsmodell ist. «Die Zahl der Kunden, insbesondere der Laufkundschaft, hat während Corona drastisch abgenommen. Also mussten wir kreativ werden, um die Kosten zu senken.» Von der Stadt und vom Kanton sei man zwar finanziell unterstützt worden, Mietzinsreduktionen habe man hingegen fast keine erhalten.

Drei unter einem Dach: Die Genfer Kaffeekette Boréal macht gemeinsame Sache mit einer Pâtisserie und einem Snack-Produzenten an der Rue du Prince.

Drei unter einem Dach: Die Genfer Kaffeekette Boréal macht gemeinsame Sache mit einer Pâtisserie und einem Snack-Produzenten an der Rue du Prince.

zvg

Die Kaffeemaschinen hat Boréal bezahlt, «aber ansonsten konnten wir die Interieur-Kosten teilen, genauso wie den Mietzins», sagt Romain. Bisher komme das Konzept bei den Gästen gut an. Denn in einem herkömmlichen Café seien die Kuchen oft nicht besonders gut, und in einer Patisserie der Kaffee nicht. «Nun können wir Top-Kaffee, Top-Patisserie und Top-Sandwiches anbieten, alles von Spezialisten auf ihrem Gebiet und mit regionalen Zutaten.» Zudem könne man damit auch neue Kundschaft anlocken. Noch betreibe jede Firma eine eigene Kasse. «Wenn sich der Erfolg aber längerfristig einstellt, könnten wir über eine gemeinsame Kasse nachdenken.» Gut möglich auch, dass daraus sogar eine neue, eigene Marke entstehe.

Hairstyling und Avocado-Toast passen zusammen

Boréal hofft mit der Kooperation Synergien zu schaffen.

Boréal hofft mit der Kooperation Synergien zu schaffen.

zvg

Und was sind die Vor- und Nachteile, wenn Coiffeure und Gastronomen einen Laden teilen? Valentino-Marketingchef Oliver Bachmann betont, dass man eine ähnliche Zielkundschaft habe wie «Wild Bowls»: «In der Regel sind es Frauen, die viel Wert aufs Aussehen und einen gesunden Lifestyle legen. Ihnen ist die innere und äussere Schönheit wichtig.»

Oft kämen Frauen vor einem Business-Termin für ein Haar-Styling und verlassen das Geschäft mit einem organischen Kaffee, sagt Bachmann. «Oder es mieten gleich fünf Damen einen Teil unseres Salons zum Haarefärben und geniessen beim Einwirkenlassen eine Açaí-Bowl im Bistro-Teil, inklusive Combo-Rabatt.» Mit Corona habe die Kooperation aber nichts zu tun. Vielmehr biete die Kooperation den Kundinnen ein neues Erlebnis. Zudem seien solche Partnerschaften auch für das Personal spannend.

Mitgegangen, mitgefangen?

Bachmann als auch Romain betonen aber auch die Risiken. «Man muss aufpassen, dass die eigene Marke nicht verwässert wird», sagt Cafetier Romain. Und Bachmann fügt an: «Heutzutage kann eine Firma schnell in einen Shitstorm verwickelt werden, und da droht man dann als Partnerfirma mitgerissen zu werden.» Umso wichtiger seien deshalb nicht nur eine ähnliche Strategie sondern auch gemeinsame Werte.

Detailhandelsexperte Jürg Meisterhans vom Beratungsunternehmen KPMG.

Detailhandelsexperte Jürg Meisterhans vom Beratungsunternehmen KPMG.

zvg

Für Jürg Meisterhans, Detailhandelsexperte beim Beratungsunternehmen KPMG, ergibt diese Art der Kooperation Sinn: «Wenn zwei Geschäfte eine ähnliche Kundschaft haben und sich die Produkte ergänzen, können solche Modelle Erfolg haben.» Auch wenn ein edles Stylingstudio ein hippes Gastrokonzept integriere, könne die Rechnung aufgehen – auch, weil insbesondere die junge Kundschaft mit Innovationen bei Laune gehalten werden müsse. Ohne ein gewisses Mass an Deckungsgleichheit werde es hingegen schwierig, glaubt Meisterhans. «Ein Juweliergeschäft und eine Kebab-Bude unter einem Dach, das geht natürlich nicht.»

Auch die Post sucht Partner

Die Schweizerische Post spürt, dass die Briefmengen in den vergangenen Jahren stetig zurückgegangen sind. Deshalb ist sie daran, ihre Filialflächen besser auszunutzen. «Wir wollen unser Netz für verschiedenste Partner öffnen und so erreichen, dass die Postfilialen zu veritablen Dienstleistungszentren werden», sagt Sprecher Stefan Dauner. In Frage für Partnerschaften kämen Schweizer Unternehmen aus dem Bereich der Krankenkassen, Versicherungen oder aus dem Gesundheitswesen. «Wir schlagen so mehrere Fliegen mit einer Klappe: Die Menschen erhalten physischen Zugang mit persönlicher Beratung zu einer Vielfalt von Dienstleistungen. Gleichzeitig können wir rückläufige Geschäfte in den Postfilialen abfedern und so Arbeitsplätze bei der Post sichern.» Vorerst haben diese Kooperationen noch den Charakter von so genannten Shop-in-Shops. Im März 2021 startete die Post eine entsprechende Partnerschaft mit der Krankenkasse Groupe Mutuel und im Sommer soll das Angebot auf Banken ausgeweitet werden. (bwe) 

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