Terror in Paris

Neue politische Risiken: Sparenthusiasmus steigert die Gewaltbereitschaft

Die Arbeitslosigkeit der jungen Generation verharrt in den meisten Ländern seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich.

Die Arbeitslosigkeit der jungen Generation verharrt in den meisten Ländern seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich.

Europas Jugend ist seit der Finanzkrise von 2008 arm dran. Eine Studie zeigt: Noch mehr sparen könnte noch mehr Ärger bedeuten. Schon heute wird ein Teil der Unzufriedenheit in neuen, radikalen Parteien kanalisiert.

Sparen ist gut, sparen tut Not. Dieses Rezept für Glück und Wohlstand hören überschuldete Länder spätestens seit der Euroschuldenkrise täglich. Doch sparen schafft auch Not. Das zeigen die abgebildeten Grafiken unten auf eindrückliche Weise.

Alberto Gallo, der Chef-Analyst der Royal Bank of Scotland, schält besorgniserregende Eckdaten in Europa heraus, vor allem in Bezug auf die junge Generation. Diese ist es – vor allem ihr männlicher Anteil –, die nach herkömmlicher Überzeugung für Ärger sorgt, wenn sie Ärger hat. Und den hat sie: Ihre Arbeitslosigkeit verharrt in den meisten Ländern seit Jahren im zweistelligen Prozentbereich. Wie die unterste Grafik zeigt, steigt im Gleichschritt die Zahl jener, die sich als Kämpfer im Irak und in Syrien melden.

Alles Vermögen bei den Alten

Derweil nimmt die Ungleichverteilung des Vermögens zwischen den Generationen zu: 35-jährige und Jüngere besitzen gemäss Europäischer Zentralbank (EZB) nur 5 Prozent der finanziellen Anlagen im Land.

Kanalisiert wird ein Teil der Unzufriedenheit in neuen, radikalen Parteien: Podemos in Spanien, Golden Dawn in Griechenland, die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, der Front National in Frankreich, die UK Independence Party in Grossbritannien oder die «echten Finnen» in Finnland – sie sind in den vergangenen Jahren aus dem Nichts zu ernstzunehmenden Stimmenfängern der unzufriedenen geworden, die teilweise einen Viertel der Wähler vertreten. Michael Leithead, Spezialist für Staatsanleihen von EFG Asset Management, bestätigt, dass für die Märkte nicht Anschläge wie jene in Paris die grösste Gefahr darstellen. Sie fürchteten mehr eine erhöhte politische Unsicherheit in Europa aufgrund separatistischer Tendenzen.

Radikale Politische Parteien in Europa

Das katalonische Parlament hat diese Woche beschlossen, in 30 Tagen einen Verfassungsentwurf für die Unabhängigkeit zu verfassen, obwohl das spanische Verfassungsgericht Tage davor eine Abspaltung für verfassungswidrig erklärt hatte. Leithead sieht hier wie auch für Grossbritannien, wo das Volk voraussichtlich 2017 über einen Verbleib in der EU abstimmen soll, keine konkreten Gefahren. Vor allem in Grossbritannien gehe es wohl primär darum, die Bedingungen eines Verbleibs im bestehenden System neu zu verhandeln. Die grösste Gefahr gehe aus von einer Bremswirkung auf die Reformfreudigkeit in der Politik, da vor allem wirtschaftsfreundliche Regierungen unter Druck kämen.

Sparpolitik schafft soziale Unruhen

Doch die Entstehung radikalerer Parteien kann zumindest noch als demokratisch legitimer Protest gesehen werden. Weit bedenklicher ist die Gefahr der Zunahme von Gewalt. Der Zusammenhang zwischen finanzieller Not und Gewaltbereitschaft macht schon intuitiv unmittelbar Sinn: Wer sozial und finanziell in Schieflage gerät, hat weniger zu verlieren. Und umgekehrt ist er zu mehr bereit, um seine Situation zu ändern.

Terrorkämpfer im Irak und Syrien

Gürtel nicht zu eng schnallen

Hass und Rachegefühle auf die Gesellschaft, der man die Schuld für die eigene Misere gibt, spielten bei den Protagonisten der Anschläge in Paris eine gewichtige Rolle. Eine Ideologie, die Hass und Gewalt – ganz gleich auf welch widersprüchliche Weise – religiös und moralisch zu begründen scheint, hat mehr Chancen, je verzweifelter, frustrierter und ignoranter ihre Klientel ist.

Europa wächst seit Jahren zu wenig. Das deutet auf strukturelle Probleme im Produktionssystem hin, allen voran an den Arbeitsmärkten, die reformiert werden müssen. Es mangelt an Investitionen in Ausbildung und Forschung. Das zementiert eine bereits hohe Arbeitslosenquote.

In diesem Zusammenhang ist ein unreflektierter, in der Eurokrise teilweise geradezu zum Reflex gewordener Sparenthusiasmus zu hinterfragen. Wie die mittlere Grafik zeigt, steigen nicht nur Demonstrationen und Generalstreiks an, je enger der Staat den Gürtel schnallt. Auch Aufstände und Mordanschläge nehmen zu. Die Gefahr, dass auch Sprenggürtel enger geschnallt werden, ist schon so gross genug.

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