Die neue Gentherapie von Novartis sorgte zuletzt vor allem wegen ihres hohen Preises für Schlagzeilen. Etwas mehr als 350 000 Franken pro Patient dürfte sie hierzulande kosten. Doch bis die Therapie mit dem Namen Kymriah ein offizielles Schweizer Preisschild erhält, wird es noch einige Monate dauern.

Der Grund: Das für Medikamentenpreise zuständige Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist im Verzug. Nachdem die Zulassungsbehörde Swissmedic die Wirksamkeit und Sicherheit eines neuen Präparats geprüft hat, ist das BAG am Zug. Das Amt muss ein Medikament daraufhin untersuchen, ob es zweckmässig und wirtschaftlich ist. Zusätzlich wird auch die Wirksamkeit nochmals angeschaut. Dabei stehen vor allem die Verhandlungen mit dem Hersteller über den Preis eines Arzneimittels im Zentrum.

Doch neue Präparate müssen derzeit hinten anstehen. Denn gleichzeitig überprüft das BAG derzeit die Preise aller bestehenden Medikamente, verteilt über drei Jahre. Dieser Prozess, der sich im zweiten Jahr befindet, geniesst derzeit höchste Priorität. Dies schrieb das Amt im Sommer in einem Brief an alle Pharmafirmen. Da die Überprüfung nicht noch so weit fortgeschritten sei wie vorgesehen, würden diverse Massnahmen umgesetzt.

Diese treffen vor allem neue Medikamente, was der Pharmaindustrie sauer aufstösst. An sich sieht das Gesetz vor, dass das BAG zwei Monate nach der Zulassung eines Medikaments durch Swissmedic den Preis des Präparats festsetzen muss. In diesem Jahr hat das BAG diese Regel kein einziges Mal eingehalten, kritisiert der Lobbyverband Interpharma. Und dies werde sich in den restlichen beiden Monaten nicht mehr ändern, sagt eine Sprecherin. Die Entwicklung stelle damit den raschen Zugang der Patienten zu neuen Therapien infrage.

Aufwendiges Prozedere

Tatsächlich: Solange das BAG keinen Preis festgelegt hat, kommt ein Medikament nicht auf die Liste jener Arzneimittel, die von den Krankenkassen erstattet werden müssen. Will ein Arzt ein solches Präparat verschreiben, muss er das Einverständnis der Krankenkasse seines Patienten einholen. Die Versicherung entscheidet anhand verschiedener Kriterien, ob sie dem Gesuch stattgeben will. Der Preis wird zwischen der Kasse und der Pharmaindustrie verhandelt. Diese Verfahren sind in der Regel aufwendig und nehmen Zeit in Anspruch. Im schlimmsten Fall verweigert die Kasse dem Patienten das Medikament. Ist eine Therapie so teuer, wie dies bei Kymriah der Fall sein wird, kann er diese unmöglich aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen.

Bereits in der Vergangenheit habe sich die Zulassung neuer Medikamente durch das BAG massiv verlangsamt, kritisiert Interpharma. Seien 2015 noch über die Hälfte der neuen Medikamente innert 60 Tagen aufgenommen worden, sei dieser Anteil 2016 und 2017 auf einen Drittel gesunken.

Umso mehr stösst der Pharmaindustrie sauer auf, dass nun das BAG die Preisüberprüfung der bestehenden Medikamente vorzieht. Diese Priorisierung sei inakzeptabel, sagte René Buholzer, Direktor des Lobbyverbands Interpharma in der «Basler Zeitung».

Inzwischen drückt sich die Organisation jedoch moderater aus und das nicht ohne Grund. Interpharma versucht, das BAG von einer Beschleunigung von Gesuchen zu bewegen, bei denen es um komplexe Therapien geht. So schwebt der Pharmaindustrie ein Verfahren vor, das bereits einsetzt, wenn die Swissmedic ein Medikament auf seine Wirksamkeit hin überprüft. Interpharma schlägt nun vor, dass die Pharmafirmen mit dem BAG bereits über die Erstattung diskutiert, wenn Swissmedic ein neues Präparat noch prüft.

BAG spielt den Ball zurück

Dieses sogenannte «Early Dialogue»-Modell habe man dem BAG an einer Sitzung vorgeschlagen, sagt die Interpharma-Sprecherin. Wie ein solches konkret aussehen könnte, darüber habe Interpharma mit dem BAG noch nicht vertieft gesprochen. «Wir hoffen aber, dass das BAG den Ball rasch aufnehmen wird und gegen Ende Jahr mit uns darüber vertieft spricht», sagt die Sprecherin weiter. Das BAG äussert sich auffällig zurückhaltend zum Vorstoss von Interpharma. Der Vorschlag sei noch nicht konkretisiert, sagt ein Sprecher. «Wir werden aber selbstverständlich nicht nur mit den Pharmaverbänden, sondern auch mit den Versicherungsverbänden über allfällige neue Prozesse sprechen.» Deshalb könne das Amt derzeit weder zu einer möglichen Anpassung der Prozesse noch zu einem entsprechenden Zeitplan öffentlich Aussagen machen.

Was die Kritik an den Verzögerungen anbelangt, spielt das Bundesamt für Gesundheit den Ball an die Pharmaindustrie zurück. Mit ein Grund für den grossen Aufwand seien zahlreichen Beschwerden, welche die Pharmaindustrie eingereicht hat. Ist ein Hersteller mit dem vom Amt festgelegten Preis nicht einverstanden, kann er dagegen gerichtlich vorgehen. Zudem würden auch die Fälle immer komplexer. Ein Sprecher nennt etwa die sehr teuren Kombinationstherapien im Krebsbereich, die mit einem enormen Zeitaufwand verbunden seien. Schliesslich führten «die hohen Preisforderungen zu schwierigen, sehr zeitaufwendigen Verhandlungen».