Konjunktur

Neue Frankenschwäche macht Wachstumstempo von bis zu drei Prozent möglich

Der Einfluss des Wechselkurses auf die Schweizer Wirtschaft war früher grösser.

Der Einfluss des Wechselkurses auf die Schweizer Wirtschaft war früher grösser.

Die neue Schwäche des Schweizer Frankens werde der Wirtschaft einen zusätzlichen Schub verleihen, prophezeit die Konjunkturforschungsstelle der ETH

Es war eine der ersten und sicherlich die spektakulärste Massenentlassung in der Schweizer Industriegeschichte. Angekündigt wurde sie vor genau 40 Jahren mit einem Satz, den der Schweizer Firestone-Chef den über 800 Arbeitern des Produktionswerkes Pratteln vom Zettel ablas: «Wegen hoher Produktionskosten und teurem Franken wird die Reifenproduktion in der Schweiz am 31. Juli eingestellt.»

«Unsere Währung kletterte – in kürzester Frist – auf ein Niveau, das der Exportwirtschaft schwersten Schaden zuzufügen drohte», erinnerte sich der frühere Nationalbank-Chef Markus Lusser 18 Jahre später in seinem Buch über die Geldpolitik. Ein paar Monate nach der Firestone-Schliessung vollzog die Nationalbank einen radikalen Kurswechsel: Sie ersetzte die Geldmengensteuerung zwischenzeitlich durch ein Wechselkursziel – mit der Absicht, die übermässige Aufwertung des Frankens zu bremsen.

Eine vergleichbare Situation erlebte die Schweizer Wirtschaft ab Januar 2015, als die Nationalbank den Euro-Mindestkurs aufhob und eine schlagartige Aufwertung des Frankens zuliess. Der Ökonom Yngve Abrahamsen spricht von einer «Rosskur», die aber überraschend wenige Konkurse und Betriebsschliessungen nach sich gezogen habe. Eine Zäsur sei der Vorgang dennoch gewesen, sagt der Wissenschaftler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Viele Betriebe verlagerten arbeits- und kostenintensive Produktionsteile ins Ausland. Mehr oder weniger still gingen so innert drei Jahren mindestens 20 000 Industriearbeitsplätze verloren. Um noch Schlimmeres zu verhindern, einigten sich die Sozialpartner vielerorts auf längere Arbeitszeiten – ohne Lohnausgleich. «Eine kontinuierliche Aufwertung des Frankens wäre für alle besser und gesünder gewesen», so Abrahamsen.

Bereits mehr Investitionen

Doch jetzt, wo sich der Franken auf die damalige Kursuntergrenze zum Euro zurückbewegt hat, stehen die Zeichen wieder auf Wachstum. Abrahamsen glaubt, dass die Schweizer Wirtschaft im Zug der jüngsten Wechselkursveränderungen schon bald einen Schub erhalten wird.

Noch im März prognostizierte sein Institut ein Wachstum von 2,5 Prozent für das laufende Jahr (auf der Grundlage eines Euro-Frankenkurses von 1,165). Das wäre sozusagen die Rückkehr zur «normalen Reisgeschwindigkeit» gewesen, sagt der Konjunkturspezialist. Mit einem Eurokurs von 1,20 Franken könnte sich das Wachstumstempo bis auf 3 Prozent erhöhen, sagt er.

Im Prinzip würde sogar noch deutlich mehr drin liegen, so Abrahamsen. Doch nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre dürften die Unternehmer vorsichtig bleiben und nicht gleich in Euphorie verfallen. Ein übermässiger Investitionsboom, in dem die Firmen in Erwartung einer steigenden Nachfrage aus dem europäischen Umland ihre Kapazitäten schnell stark ausweiten, sei mindestens vorläufig nicht zu erwarten.

Eine markante Zunahme der Investitionen ist dennoch bereits in Gang gekommen. Das zeigt sich unter anderem am steigenden Kreditbedarf der Unternehmen mit mindestens 250 Mitarbeitenden. Die Banken haben ihre Ausleihungen an dieses Kundensegment zwischen Mitte 2016 und Ende 2017 um rund 30 Prozent ausgedehnt. Abrahamsen glaubt, dass viele Firmen zunächst vor allem Rationalisierungsinvestitionen nachholen.

Davon habe er in den vergangenen drei Jahren erstaunlich wenige gesehen. Ein Grossteil der seit 2015 gemeldeten Ausrüstungsinvestitionen gingen auf das Konto der Swiss und der SBB, deren Anschaffungen von neuen Flugzeugen und Zugkomponenten in Milliardenhöhe im Ausland die Statistik stark beeinflusst hat. Je länger die Frankenschwäche fortdauert, desto mehr Investitionen sind zu erwarten, die auf eine Erhöhung der Kapazitäten abzielen.

Risiko von Fehlentscheiden steigt

Abrahamsen hofft, dass dieser Prozess nicht allzu rasch voranschreitet. Denn aus erratischen Verläufen der Konjunktur entstünden erfahrungsgemäss immer Reibungsverluste. «Die Gewerkschaften werden die Wachstumsbeschleunigung im Herbst verständlicherweise als Argument für die Forderung nach höheren Löhnen ins Spiel bringen», sagt er.

Doch wenn der Franken nach der Lohnrunde wieder teurer werden sollte, bleiben die Unternehmen ohne Wechselkursvorteil und mit höheren Arbeitskosten zurück. Mit diesem Argument werden die Arbeitgeber im Herbst denn auch die gewerkschaftlichen Forderungen zu kontern versuchen.

Doch das Beispiel zeigt anschaulich: Je stärker die konjunkturellen Schübe, desto grösser wird das Risiko von Fehlentscheidungen. In den Jahren 2003 bis 2007 profitierte die Schweizer Wirtschaft in hohem Mass vom Vertrauen in den Euro. In jenen Jahren verteuerte sich die Gemeinschaftswährung im Vergleich zum Franken auf bis zu 1,60.

Die Industrie erlebte einen Höhenflug. Ihr Anteil an der Beschäftigung und an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung nahm beträchtlich zu. Manche dieser Investitionen erwiesen sich als Fehler, als der Wind plötzlich von der anderen Seite zu blasen begann und der Franken teuer und der Euro schwächer wurde.

Doch Abrahamsen stellt fest, dass die Wechselkursabhängigkeit der Schweizer Wirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich abgenommen hat. Der stetige Strukturwandel hat die Produktion preissensitiver Massengüter aus der Schweiz vertrieben. Es ist kein Zufall, dass die Schliessung der Firestone-Fabrik bis heute ein industriepolitisches Ausnahmeereignis geblieben ist.

Und ebenso bezeichnend ist der Umstand, dass seit Mitte der Achtzigerjahre die Dienstleistungsberufe in der Beschäftigungsstatistik ein Übergewicht haben. In der Industrie dominiert inzwischen der Pharmasektor, der im Unterschied zur Reifenproduktion kaum auf Wechselkursschwankungen anfällig ist. Diesem Strukturwandel hätten wir es vermutlich auch zu verdanken, dass die Schweiz 2015 nicht in eine schwere Rezession abglitt, sagt Abrahamsen.

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