Fritz Zurbrügg

Nationalbank-Chef: «Es gibt immer noch Risiken in Europa»

Fritz Zurbrügg beim Interview mit der «Nordwestschweiz» in seinem SNB-Büro in Zürich.

Fritz Zurbrügg beim Interview mit der «Nordwestschweiz» in seinem SNB-Büro in Zürich.

Eine Erhöhung des Franken-Mindestkurses gegenüber dem Euro schliesst Nationalbank-Direktor Fritz Zurbrügg zwar nicht explizit aus. Doch im Gespräch wird klar, dass ein solcher Schritt auch nach der jüngsten Abwertung der Schweizer Währung unwahrscheinlich ist.

Herr Zurbrügg, Sie sind ins SNB-Direktorium gewählt worden, nachdem Philipp Hildebrand zurücktreten musste. Spüren Sie den Geist Hildebrands noch?

Fritz Zurbrügg: Ich nicht. Sie etwa? Immerhin hat er eine Zeit lang in diesem Büro gearbeitet (lacht). Spass beiseite: Ich hatte grossen Respekt vor meinem neuen Amt. Philipp Hildebrand war jedoch bei meinem Antritt kein Thema mehr. Die Geschichte ist ad acta gelegt.

Sie waren vorher Finanzdirektor des Bundes. Reden die Politiker Ihnen noch immer so oft drein?

Der Kontakt mit Parlamentariern ist viel geringer geworden. Nach meiner Erfahrung respektieren die Politiker die Unabhängigkeit der Nationalbank.

Die SNB war letztes Jahr in den Schlagzeilen, weil sie die Credit Suisse öffentlich kritisiert hat: Sie solle beim Kapitalaufbau schneller vorwärtsmachen. Sind Sie heute zufrieden mit der Bank?

Die Grossbanken haben seit unserem Finanzstabilitätsbericht vom vergangenen Juni beachtliche Fortschritte gemacht. Insbesondere die Credit Suisse. Der Verschuldungsgrad bei beiden Grossbanken ist trotzdem immer noch recht hoch. Daher begrüssen wir ihre Anstrengungen, die Kapitalsituation weiter zu verbessern.

Wie beurteilen Sie die Situation der inlandorientierten Banken?

Wir warnen seit Längerem wegen der hohen Immobilienpreise und der damit verbundenen Risiken bei denjenigen Banken, die stark im Hypothekarkreditgeschäft engagierten sind. Die Situation ist unverändert kritisch, wir beobachten die Lage weiterhin genau.

Wieso haben Sie die Aktivierung des antizyklischen Puffers, also einer strengeren Kapitalvorschrift für Hypokredite, noch nicht beantragt?

Es gab im zweiten Quartal 2012 Anzeichen für eine gewisse Entschärfung auf dem Immobilienmarkt. Zudem wurden im vergangenen Juni selbstregulierende Massnahmen der Banken sowie eine Verschärfung der Eigenmittelanforderungen für Hypothekarkredite angekündigt. Wir haben im August 2012 kommuniziert, dass wir aus diesen Gründen keinen Antrag auf Aktivierung des antizyklischen Kapitalpuffers gestellt haben. Im dritten Quartal 2012 hat die Wachstumsdynamik am Immobilien- und Hypothekarmarkt jedoch wieder zugenommen.

Sie werden beim Bundesrat eine Aktivierung beantragen?

Wir kommunizieren nicht über einen anfälligen Antrag an den Bundesrat. Erst wenn der Bundesrat einen Entscheid fällen würde, würde dieser bekannt gegeben.

Der Franken hat sich jüngst gegenüber dem Euro abgeschwächt. Werden Sie jetzt die Untergrenze von 1.20 Franken anheben?

Wir haben den Mindestkurs eingeführt, um die massive und schnelle Aufwertung des Frankens zu stoppen. Dieses Ziel haben wir erreicht, das Risiko einer deflationären Entwicklung konnte damit abgewendet werden. Der Franken ist aber auch beim heutigen Kurs gegenüber dem Euro überbewertet. Der Mindestkurs ist eine aussergewöhnliche Massnahme – und nicht ein Instrument zur Feinjustierung der Geldpolitik. Wenn nötig, stehen wir jedoch jederzeit bereit, weitere Massnahmen zu ergreifen.

Für die Schwächung des Frankens hat die SNB viele Euro gekauft und ihre Bilanz vergrössert. Werden Sie jetzt wieder Euro verkaufen?

Wir kommentieren unsere Transaktionen nicht. In unseren Statistiken sehen Sie die Veränderungen in unseren Devisenbeständen. Wir mussten vor allem im zweiten und dritten Quartal 2012 stark intervenieren, um den Mindestkurs zu verteidigen. Die Ausweitung der Bilanz ist eine Folge dieser Politik.

Gewisse Kreise fordern, man soll die Devisenbestände der SNB in einen Staatsfonds auslagern.

Für die Umsetzung der Geldpolitik wäre das kontraproduktiv. Wir haben die Devisenbestände ja im Rahmen der Umsetzung unseres Mandats – die Durchsetzung des Mindestkurses zur Gewährleistung der Preisstabilität in der Schweiz – geschaffen. Sie sind also durch Geldschöpfung entstanden. Abgesehen davon diversifizieren auch wir unsere Anlagen sehr wohl, wir investieren beispielsweise bereits 12 Prozent unserer Devisen in Aktien, etwa 50 Milliarden Franken.

Wenn jetzt der Euro auf 1.23 Franken gestiegen ist, dann kann man diese Devisenbestände ja wieder verkaufen und einen Gewinn realisieren.

Das Mandat der SNB ist klar: Wir müssen die Preisstabilität gewährleisten und dabei der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen. Die Geldpolitik steht an erster Stelle, die Erwirtschaftung von Gewinn ist kein Ziel der Geldpolitik. Wir sind kein Anlagefonds, bei dem die Rendite im Vordergrund steht.

Wird die Untergrenze ewig bleiben?

Der Mindestkurs bleibt auf absehbare Zeit das geeignete Instrument zur Gewährleistung der Preisstabilität. Zwar sind die Extremrisiken auf den Finanzmärkten verschwunden. Die Zinsen für kritische Schuldenstaaten wie Spanien oder Italien sind gesunken, institutionelle Verbesserungen wie eine zentrale europäische Finanzmarktaufsicht wurden aufgegleist. Doch hat sich das ökonomische Umfeld zum Jahresende noch- mals verschlechtert und die Wachstumsaussichten wurden nach unten korrigiert. Zudem haben wir immer noch Risiken in Europa und damit die Gefahr von grösseren Wechselkursbewegungen. Der Mindestkurs bleibt deshalb wichtig.

Ein Risiko haben die Notenbanken selbst geschaffen: Die enorme Ausweitung der Geldmengen und Notenbankbilanzen könnte dereinst einen Teuerungsschock auslösen.

Im Moment rechnet niemand mit einer hohen Inflation. Das zeigen die Zinserwartungen der Marktteilnehmer deutlich. Für die Schweiz rechnen wir aufgrund der schwachen wirtschaftlichen Erholung neu sogar erst 2014 wieder mit positiven Inflationsraten.

Ökonomen sagen: In etwa fünf Jahren wird die Inflation weltweit deutlich höher liegen.

Die Teuerung war in den vergangenen zwanzig Jahren kein so grosses Problem mehr wie in den 1970er- und 80er-Jahren. Die meisten Zentralbanken richten heute ihr Mandat auf Preisstabilität aus. Die Instrumente, um die geschaffene Liquidität wieder abzubauen, wenn es nötig wird, sind überall vorhanden.

Wir werden in der Schweiz also auch in fünf Jahren keine Inflation von mehr als zwei Prozent sehen?

Das ist unser Ziel, darauf ist unsere Geldpolitik ausgerichtet, und dieses Mandat haben wir in den vergangenen Jahren erfüllt. Natürlich mussten wir – wie andere Notenbanken auch – wegen der Finanz- und dann vor allem wegen der Schuldenkrise aussergewöhnliche Massnahmen ergreifen, die eine starke Ausweitung der Geldmenge zur Folge hatten. Aber das war unumgänglich, um gegen die massive Überbewertung des Frankens vorzugehen. Wir werden die Liquidität bei Bedarf rechtzeitig dem System entziehen.

Sie sind optimistisch. Der richtige Zeitpunkt erwischt man auf den Finanzmärkten nie. Zudem könnten die Notenbanken mit einer höheren Teuerung ja auch die Staatsschulden weginflationieren.

Für die Schweiz ist dies kein Thema, da unsere Staatsschulden auf einem im internationalen Vergleich tiefen Niveau sind. Ich glaube wie gesagt, dass die meisten Notenbanken die Vorteile einer auf Preisstabilität ausgerichteten Geldpolitik klar erkennen.

Viele Investoren sagen, dass die Notenbanken die Missstände, die sie jetzt bekämpfen, selber geschaffen haben. Alle Krisen der jüngsten Vergangenheit wurden mit einer Lockerung der Geldpolitik kuriert. Aber das zusätzliche Geld schafft neue Blasen und Kursstürze. Dadurch wird das Finanzsystem instabiler.

Die Geldpolitik der Notenbanken, so auch jene der SNB, hat die Volatilität im Finanzsystem nicht erhöht. Die Instabilität im Finanzsystem rührt vielmehr daher, dass sich die Finanzmärkte im Zug der Globalisierung stärker integriert haben. Wir haben heute viel mehr Akteure auf den Finanzmärkten, die gleichzeitig ihre Gelder anlegen. Zudem haben sie heute viel mehr Anlagemöglichkeiten. So haben sich die Geldflüsse rund um den Globus stark beschleunigt. Das hat die Finanzwelt instabiler gemacht.

Die Finanzwelt wurde nicht nur instabiler, sondern auch anfällig für Manipulationen, wie der Libor-Skandal zeigt. Taugt der Libor als geldpolitisches Instrument eigentlich noch?

Wir benutzen den Libor – konkret den Dreimonats-Libor für Frankenanlagen – nach wie vor als Zielgrösse unserer Geldpolitik, indem wir unsere Zinspolitik darauf ausrichten. Denn der Libor ist weiterhin eine wichtige Referenzgrösse für Kreditbeziehungen. Zudem spielten sich die Manipulationen im Bereich von wenigen Basispunkten ab, wir steuern jedoch sowieso nur das ungefähre Niveau des Libors.

Gibt es künftig den Libor-Zins in der Frankenwährung noch? Wie man hört, wird derzeit das Erhebungssystem bei der British Banking Association überprüft. Die SNB gehört einer Arbeitsgruppe an, die diesen Prozess begleitet.

Ja, den Franken-Libor und die für uns relevanten Laufzeiten wird es auch in Zukunft geben. Das geldpolitische Konzept der SNB ist daher nicht tangiert. Eine öffentliche Konsultation zu den geplanten Änderungen im Libor-System wurde Anfang Februar abgeschlossen.

Nicht vorwärtsgehen will es mit den neuen Schweizer Banknoten. Wann kommen die neuen Serien?

Frühestens 2015. Die neue Serie soll ja in erster Linie noch sicherer sein vor Fälschungen. Da die aktuellen Noten einen hohen Sicherheitsstandard erfüllen, ist die Verzögerung nicht problematisch. Von fast keiner Währung gibt es so wenige Fälschungen wie von den Frankennoten.

Und wieso gibt es eigentlich nicht mal neue Münz-Serien? Diese sehen seit dem vorletzten Jahrhundert identisch aus ...

Ja, da sehen Sie, wie stabil der Franken ist (lacht). Aber Scherz beiseite: Die Münzhoheit ist nicht bei der SNB, sondern beim Bund.

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