Arnold Schwarzenegger, die steirische Eiche, nimmt für sein filmisches Lebenswerk im Kino Corso einen «Golden Icon» entgegen. Er ist einer von Hunderten von Filmschaffenden, die nach Zürich einfliegen. Es ist wieder so weit: Am Donnerstag startet das zehn Tage dauernde Zurich Film Festival (ZFF).

Co-Direktorin Nadja Schildknecht (42) freut sich, dass sie mit dem «Piccadilly» in neu zehn Kinos 161 Filme vorführen kann. Ihr ist wichtig, das Festival weiterzuentwickeln. Dazu zählt für sie auch, dass das Schweizer Fernsehen erstmals live vom Sechseläutenplatz über die Veranstaltungen berichtet.

Frau Schildknecht, Sie sind die Zahlenfrau des Festivals ...

Nadja Schildknecht: Ja, ich habe auch diesen schönen Job. Dies gehört dazu und ist wichtig.

Sie sorgen dafür, dass nach dem Festival kein Loch in der Kasse ist.

Diese Verantwortung trage ich. Das Team muss aber stark mithelfen. Es sind viele Budgetposten und Hunderte von Rechnungen, die man unter Kontrolle haben muss. Hat man das nicht im Griff, ist man verloren. Dies bedeutet auch, dass ich oft stark auf die Budgetvorgaben hinweisen und «Nein» sagen muss.

Das ist mit ein Grund, warum es das Festival noch gibt. Sie haben die Zuschauerzahlen innert zehn Jahren auf 80 000 glatt verzehnfacht. Wie gross soll es noch werden?

Das Festival verfügt dank meinem Geschäftspartner Karl Spoerri über ein sehr umfangreiches Programm. Es gibt für jeden Geschmack das Passende. Es muss nicht immer noch grösser werden. Eine Verdoppelung der Zuschauerzahl wäre schwierig. Dann müssten wir über viel grössere Kinosäle verfügen. Wir müssen organisch wachsen, und die dafür nötigen finanziellen Mittel müssen vorhanden sein. Aber dass wir uns weiterentwickeln, ist wichtig. Sonst fehlt irgendwann die Motivation.

Nadja Schildknecht: «Bei uns stammen 90 Prozent des Budgets aus der Privatwirtschaft.»

Nadja Schildknecht: «Bei uns stammen 90 Prozent des Budgets aus der Privatwirtschaft.»

Die grösste Herausforderung für Sie war wohl, einen neuen Hauptsponsor zu finden?

Es war eine von vielen Herausforderungen. Es handelt sich ja um einen relevanten Anteil an der Finanzierung. Insgesamt haben wir aber mehr als hundert Sponsoren. Diese brauche ich auch, um die Finanzierung zu sichern. Ob das Budget wirklich erreicht wird, weiss ich jeweils erst nach dem Festival. Die Ticketeinnahmen sind ein wichtiger Bestandteil davon.

Ihr neuer Hauptsponsor, Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, dürfte jährlich einen höheren sechsstelligen Betrag zahlen.

Das Engagement ist gleich gross wie dasjenige der anderen Hauptsponsoren Audi, Credit Suisse und UPC Cablecom. Ich bin wahnsinnig stolz, dass eine weitere grosse internationale Marke nach mehrmonatigen Verhandlungen Ja zum Filmfestival gesagt hat. Die Etihad Gruppe ist einer der grössten Fluganbieter in der Schweiz. Daher passt die Kooperation sehr gut.

Ihr Budget beläuft sich auf 7,1 Millionen Franken. Rund eine Million davon dürften die Ticketeinnahmen ausmachen. Sie müssen also mehr als fünf Millionen mit Sponsorgeldern abdecken?

Ja. Das ist viel. 7,1 Millionen klingt zwar nach viel Geld. Ist es aber im Vergleich mit anderen Festivals nicht. Dasjenige von Locarno verfügt über 13 Millionen Franken, Berlin gar über mehr als 22 Millionen. Sie erhalten den Löwenanteil von der öffentlichen Hand. Sie müssen also eher weniger Sponsorengelder erwirtschaften. Bei uns stammen 90 Prozent des Budgets aus der Privatwirtschaft.

Das Festival bringt Hunderte von Film- und Medienschaffenden sowie Zehntausende von Kinobesuchern in die Stadt. Steigt deswegen auch die Wertschätzung Ihres Events?

Die Stadtbehörden sind sich immer mehr bewusst, wie wertvoll das Zurich Film Festival ist. Unsere Besucher geben einen zweistelligen Millionenbetrag in Zürich aus.

Wie manchen Kaffee mussten Sie mit der für die Kultur zuständigen Stadtpräsidentin trinken, um dieses Bewusstsein zu schüren?

(Lacht.) Mit der Stadtpräsidentin darf ich leider zu wenig Kaffee trinken.

Höre ich da eine gewisse Kritik heraus?

Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Corine Mauch schätzt das Festival sehr. Dafür bin ich sehr dankbar.

Kamen mal Vertreter einer anderen Stadt, beispielsweise von Basel, auf Sie zu und fragten, ob man das Festival Zürich abwerben kann?

Nein. Ich selbst habe mir nie überlegt, das Festival zu verlegen. Das würde auch wenig Sinn machen. Wir sind in Zürich, weil die Stadt sehr attraktiv ist. Sie verfügt über die grösste Kinodichte der Schweiz. Zudem hat die Stadt die nötige Infrastruktur, die für ein internationales Filmfestival wichtig ist.

Zürich wollte ursprünglich kein Filmfestival, um alteingesessene wie dasjenige von Locarno nicht zu konkurrenzieren. Lässt man Sie dies noch spüren?

Das Thema ist erledigt. Ebenso, ob wir die Richtigen sind, um ein solches Festival zu organisieren. Fakt ist: Weil Locarno bereits existierte, hatte man Angst, eines in Zürich zu veranstalten. Nun sieht man, dass Locarno und wir nebeneinander bestehen können. Das ist positiv für die Filmbranche.

Marco Solari, Präsident des Filmfestivals von Locarno, sagte im August: «Wir sollten mehr zusammenarbeiten.» Inwieweit war das für Sie ein Ritterschlag?

Für mich ist ein Ritterschlag, wenn unsere vielen Besucher, die Verleiher und die Filmbranche das Festival schätzen und es geniessen. Ursprünglich haben wir Locarno eine Zusammenarbeit vorgeschlagen. Sie hätte damals für beide Parteien Sinn gemacht, organisatorisch und auch wirtschaftlich. Heute kooperieren wir mit den internationalen Festivals von San Sebastián und Hongkong.

In Locarno gab zu reden, dass Politiker von Sponsoren ans Filmfestival eingeladen werden. Gab es diese Kritik auch bei Ihrem Festival?

Zürich ist einfacher zu erreichen, daher gibt es dieses Problem bei uns weniger.

Für Sie ist also alles in Butter?

Wir haben andere Schwierigkeiten. Wenn ich das Tessin besuche, sehe ich, welche Möglichkeiten der Veranstalter hat. Sie können überall Sachen aufstellen, ungeachtet wie gross diese sind und was darauf kommuniziert wird. Sie zahlen auch bestimmt weniger Bewilligungsgebühren als wir. Ein grosser Teil des Subventionsbeitrags der Stadt fliesst bei uns direkt zurück. Die starke Förderung der öffentlichen Hand hilft Locarno. Man spürt, wie stolz die Stadt auf ihr Filmfestival ist. Das ist schön.

Das funktioniert in Zürich nicht?

In Zürich musste man sich vieles erkämpfen. Aber heute schätzt man das Festival immer mehr. In Zürich gibt es mehr Veranstaltungen. Dies macht es für die Behörden natürlich nicht einfacher. Für uns aber auch nicht. Wir werden international gemessen. Wenn wir kein attraktives Festival bleiben, dann können wir nicht bestehen. Die Stadt darf sich also nicht zu sicher sein, dass es das ZFF einfach so immer weiter geben wird. Man muss es wollen und unterstützen.

Was spricht man Ihnen konkret ab?

Wir müssen das komplexe Festivalzentrum am Sechseläutenplatz, das umliegende Gelände und die Events so gestalten, wie es die Presse, die Branche, die Sponsoren, die Stars, die Besucher von uns als Organisatoren verlangen. Dann ist es manchmal überraschend, dass man uns dies so schwierig macht. Oft stellt man sogar ein wenig mehr Platz oder Aufbauzeit infrage.

Die Gewerbepolizei misst zentimetergenau nach?

Ich verstehe die Stadt ja bis zu einem gewissen Punkt. Wenn jeder macht, was er will, gibt es ein Chaos. Das möchte ich als Bürger auch nicht. Ich habe grossen Respekt und bin stolz auf die schöne Stadt Zürich. Gerade deshalb achten wir sehr darauf, dass die Umsetzung schön aussieht. Dass wir das Festival im Herzen von Zürich durchführen, ist ganz wichtig.

Einst international tätiges Model, heute Unternehmerin: Nadja Schildknecht, Co-Direktorin des Zurich Film Festival.

Einst international tätiges Model, heute Unternehmerin: Nadja Schildknecht, Co-Direktorin des Zurich Film Festival.

Warum eigentlich?

Der See, die Kinos, die Hotels, das Opernhaus machen Zürich zum Erlebnis für die internationalen Gäste. Einzigartig ist, dass man viel zu Fuss erreichen kann. Sie sehen, ich arbeite fast schon für Zürich Tourismus (lacht).

Funktioniert Locarno halt eher südlich-locker? Nicht so protestantisch?

Nein. Es geht mehr um die Tradition. Locarno gibt es seit Jahrzehnten.

Sie müssen also 23 Jahre weiterarbeiten. Wenn Sie in Rente gehen, haben Sie die gleichen Vorteile?

(Schmunzelt) Oh je, das wäre nicht ideal. Es benötigt mehr Energie, und der Zeitaufwand ist höher, als man von aussen sieht. Das bedeutet: Irgendwann muss man in der obersten Führung gewisse Funktionen abgeben und jemandem Platz lassen, der neue Ideen, neuen Mut oder neue Möglichkeiten einbringt.

Setzen Sie sich dafür eine Grenze?

Hätten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, wo das Festival heute steht, hätte ich Ihnen das auch nicht beantworten können. Wir lieben das Festival, haben es aufgebaut und tragen ihm Sorge. Unser Ziel ist: Das Festival soll auch noch in 50 Jahren blühen. Mit uns als stolze, alte Besucher (lacht).

Sie absolvierten eine kaufmännische Lehre und waren danach als Model tätig. Wie viel profitieren Sie heute von dieser Erfahrung als Kleinunternehmerin?

Ich lernte damals, als selbstständig Erwerbende auf meinen eigenen Beinen zu stehen und mich nach vorne zu kämpfen. Vielleicht auch, ein gewisses Selbstbewusstsein zu entwickeln, nicht immer nach links und rechts zu achten, sondern geradeaus zu laufen, wenn ich von etwas überzeugt war. Dies half, das ZFF aufzubauen.

Sie kommen aus einer Welt, wo es gilt, innere und äussere Schönheit zusammenzubringen ...

Heute fühle ich mich gar nicht so. Nach den kurzen Nächten, die wir wegen der Organisation des Festivals hinter uns haben ...

Nadja Schildknecht an einer Pressekonferenz mit Karl Spoerri, dem Gründer und Festivaldirektor des Zurich Film Festivals.

Nadja Schildknecht an einer Pressekonferenz mit Karl Spoerri, dem Gründer und Festivaldirektor des Zurich Film Festivals.

Sichtbare Spuren hinterliess dies nicht. Heute gilt selbst für Männer: Schöne Menschen machen eher Karriere. Stimmt das Klischee?

Manchmal ist es eher ein Hindernis. Weil man der Person weniger zutraut.

Das gilt wohl eher für Frauen. Lässt man Sie noch spüren: Schöne Frauen können nicht intelligent sein?

Bei mir ist es vorbei. Mit 42 ist das kein Thema mehr. Aber wegen meiner Karriere wurde ich anfänglich in eine falsche Schublade gesteckt. Was nicht ganz fair ist: Ich kenne viele intelligente Models. Es gibt nämlich viele intelligente Menschen, die einen Beruf wählen, bei dem ihre Talente vielleicht nicht gerade ersichtlich sind. Ich sehe auch Männer, bei denen ich mich frage, wie es möglich gewesen ist, dass sie zu ihrer Position gekommen sind.

Die «Handelszeitung» zählt Sie zu den 100 wichtigsten Schweizer Unternehmerinnen, der Arbeitgeberverband zu den 200 Frauen, die ein Verwaltungsratsmandat ausüben könnten. Freut Sie das?

Es ist schön, wenn anerkannt wird, was man tut. Insbesondere, weil schwer einzuschätzen ist, was ich eigentlich mache. Von aussen sieht man ja nur den Glamour des Filmfestivals, die Leichtigkeit. So soll es sein. Daher freut mich, dass es Menschen gibt, die sehen, wie viel Leidenschaft, Wissen und Unternehmertum nötig sind, um das zu bewerkstelligen.

Im Gegensatz zu Männern fragt man Sie stets, wie Sie es schaffen, Beruf, Familie und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Warum?

Frauen bekommen die Kinder, dies führt automatisch zu einer engen Beziehung. Fällt das Kind um, geht es zum Mami. So ist es auch natürlich, dass viele Frauen die Kindererziehung als ihre Aufgabe verstehen. Primär gibt es noch zu wenig Frauen, die sich Beruf und Familie zutrauen. Ich hoffe, das ändert sich. Frauen sind in der Chefetage eines Unternehmens sehr wertvoll und wichtig.