Es war ein Deal der Superlativen. Mit dem Kauf von Syngenta konnte sich Chemchina mit dem Titel schmücken, die grösste Übernahme in der Geschichte der Chemiebranche getätigt zu haben. Zudem hat noch nie zuvor ein chinesisches Unternehmen so viel Geld für einen transatlantischen Deal auf den Tisch gelegt. 43 Milliarden Dollar hat Chemchina für den Basler Agrochemiekonzern bezahlt.

Bei der Bekanntgabe im Februar 2016 waren die Verantwortlichen der beiden Firmen nicht nur bemüht, die Vorteile der Übernahme herauszustreichen, sondern auch mögliche Bedenken in der Schweiz zu zerstreuen. Schliesslich war ein derartiger Deal ein Novum in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte. Zuvor wurden vor allem kleinere Schweizer Firmen von chinesischen Firmen aufgekauft. Mit Syngenta war nun erstmals ein Schweizer Grosskonzern an der Reihe, der von einem staatlich kontrollierten chinesischen Konzern geschluckt wurde.

Zahlreiche Versprechungen, die vom Slogan «Syngenta bleibt Syngenta» sekundiert wurden, sollten die Befürchtungen über den Bedeutungsverlust der Schweiz als Basis und vor einem allzu grossen Einfluss der Chinesen zu dämpfen. So sicherte Chemchina unter anderem zu, den Sitz von Syngenta in Basel zu belassen. Zudem werde man die Arbeitsplätze erhalten, am Management festhalten und höchste Massstäbe der guten Unternehmensführung (Corporate Governance) einhalten.

Knapp 100 Millionen Verlust

Gut zwei Jahre später zeigt sich, dass Chemchina längst nicht alle Versprechen einhalten konnte. So gehört zu einer guten Corporate Governance auch das Thema Transparenz. Hier hat Syngenta stark zurückgesteckt. Für das Jahr 2016, als das Unternehmen börsenrechtlich noch dazu verpflichtet war, umfasste der in drei Teilen aufgegliederte Jahresbericht noch 226 Seiten. Nun wird die Öffentlichkeit mit einem 100-seitigen Jahresbericht abgespeist. Themen wie Strategie, Forschung und Entwicklung, Nachhaltigkeit oder Vergütung fehlen gänzlich.

Seltsam mutet auch die Kommunikation der Jahresergebnisse an. Mitte Februar veröffentlichte Syngenta lediglich die Umsatzzahlen, die Marge und die Entwicklung des freien Geldflusses. Einen Monat später folgte dann der Finanzbericht. Dessen Publikation, gut versteckt auf der Homepage, wurde jedoch nicht kommuniziert. Erst Anfang April wurde er vom «Tages-Anzeiger» als Erster entdeckt. Der Finanzbericht zeigt, dass Syngenta 2017 einen Verlust von 96 Millionen Dollar geschrieben hat. Grund ist eine Rückstellung, die wegen eines Vergleichs mit US-Bauern nötig wurde. Syngenta verkaufte eine genveränderte Maissorte an zahlreiche Farmer, für die noch keine Einfuhrgenehmigung für China vorlag. In der Folge gingen knapp 4500 Klagen gegen Syngenta in den USA ein.

Auch vom Versprechen, am Management festhalten zu wollen, ist nicht mehr viel übrig. Die heutige Konzernleitung ist im Vergleich mit jener zum Zeitpunkt der Bekanntgabe der Übernahme kaum wieder zu erkennen. Lediglich zwei von damals acht Topmanagern sind heute noch an Bord, darunter mit Christoph Mäder auch der einzige Schweizer. Der prominenteste Abgang ist jener des Briten John Ramsay. Nachdem der langjährige Konzernchef Mike Mack das Unternehmen im Herbst 2015 abrupt verliess, wurde er zum Interimschef ernannt. Zwar machte er keinen Hehl aus seinen Ambitionen, die Führung von Syngenta definitiv zu übernehmen. Doch der Verwaltungsrat entschied sich schliesslich für den Amerikaner Erik Fyrwald.

Architekt des Deals geht

Neben Ramsay verliessen mit Davor Pisk und Mark Peacock zwei weitere Syngenta-Veteranen das Unternehmen. Die beiden Briten waren zuvor über 30 Jahre für Syngenta und ihre Vorgängergesellschaften tätig. Für Aufsehen sorgte schliesslich auch der Abgang des früheren Syngenta-Präsidenten Michel Demaré, einer der Architekten des Deals mit Chemchina. Nach der Übernahme amtete er als Vizepräsident und einer der vier unabhängigen Vertreter im Verwaltungsrat. Er galt als Garant, um den Garantien der Chinesen Nachdruck zu verschaffen.

Laut Medienberichten hat sich das Verhältnis zwischen Demaré und Chemchina-Chef Ren Jianxin verschlechtert. Offenbar waren sich die beiden darüber uneinig, wie die Übernahmesumme von 43 Milliarden Dollar refinanziert werden sollte.

Syngenta sagt auf Anfrage, das Versprechen bezüglich Transparenz werde aufrechterhalten. Ende Monat werde ein «Sustainable Business Report» aufgeschalten. Man hätte diesen gerne gleichzeitig mit dem Finanzbericht publiziert, allerdings sei es bei der Gestaltung zu einigen Verzögerungen gekommen.