Teuerung
Nach Frankenschock: Preise steigen seit 2011 erstmals wieder

Im vergangenen Jahr hat der Landesindex der Konsumentenpreise um 0,5 Prozent angezogen. Damit mehren sich drei Jahre nach dem Frankenschock erstmals die Anzeichen für eine Normalisierung

Daniel Zulauf
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"Frankenschock" lässt nach. (Archivbild)

"Frankenschock" lässt nach. (Archivbild)

Keystone/MARTIN RUETSCHI

In der Schweiz sind die Preise im vergangenen Jahr im Schnitt um 0,5 Prozent gestiegen. Damit hat das Bundesamt für Statistik gestern zum ersten Mal seit sechs Jahren eine positive Jahresteuerung vermeldet. Im Zehnjahresvergleich, der die gesamte Zeit der internationalen Finanzkrise einschliesst, ist der Teuerungsindex um 0,4 Prozent gesunken.

Den grössten Preisrutsch erlebte die Schweiz vor drei Jahren, nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 15. Januar 2015 ihre Politik überraschend geändert und eine schockartige Aufwertung des Frankens zugelassen hatte. Im Zug der Aufhebung der Euro-Untergrenze von 1.20 Franken verteuerte sich die helvetische Valuta im Vergleich zur Gemeinschaftswährung um zeitweise mehr als 15 Prozent. Der Frankenschock führte 2015 zu einer starken Verbilligung der Importe, was den Teuerungsindex in jenem Jahr um 1,1 Prozent fallen liess.

Die auch im historischen Vergleich beispiellos lange negative Preisentwicklung habe in der Schweiz kaum negative Konsequenzen nach sich gezogen, sagt Aymo Brunetti, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern. Starke Anzeichen für einen derart starken Einbruch der Nachfrage, sodass die Preise selbstverstärkend gesunken wären, habe es über die ganze Krisenzeit hinweg nie gegeben. Diese sogenannte Deflation ist das Angstszenario einer jeden Notenbank.

Arbeitnehmer haben profitiert

Tatsächlich schrumpfte die Wirtschaft einzig im Jahr 2009, als die Eskalation der Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der Wall-Street-Bank Lehman Brothers im Herbst 2008 und der staatlichen Rettungsaktion der UBS weltweit für grosse Verunsicherung unter den Wirtschaftsakteuren gesorgt hatten.

Inflations-Entwicklung: Heizöl wird 13 Prozent teurer – stärkster Anstieg im Jahr 2017

Die weltweiten Preise für Erdöl erreichten im Januar 2016 noch ein Rekordtief, sind seither aber deutlich gestiegen. Ein Fass Nordseeöl kostet nun rund 145 Prozent mehr als damals – Tendenz weiter steigend. Diese Zunahme liess auch in der Schweiz die Preise für Heizöl in die Höhe klettern. Gemäss dem Landesindex für Konsumentenpreise war Heizöl im Jahr 2017 durchschnittlich um fast 13 Prozent teurer als noch im Vorjahr. Und es dürfte weiter aufwärtsgehen, so die Experten von «Heizoel24». Allerdings ist der Heizölpreis damit noch immer viel billiger als im Jahr 2012. Der Preis von 2017 liegt immer noch um 23 Prozent unter dem damaligen Preisniveau.

Deutlich teurer wurden auch die Preise für frisches Gemüse. Für Auberginen, Tomaten oder Gurken (Fruchtgemüse) mussten 2017 durchschnittlich 7,6 Prozent mehr bezahlt werden als im Vorjahr. Für Kohlgemüse war es 5,3 Prozent. Das erklärt sich teilweise mit dem extremen Wetter im Winter 2016/2017. In Südeuropa hatten Gemüsebauern mit ungewöhnlich viel Regen und Schnee sowie grosser Kälte zu kämpfen. So litt etwa die südostspanische Region Murcia unter Überflutungen. Die Region gilt als Europas wichtigster Hersteller von Gemüse im Winter.

Mieter dürfte insbesondere der neuerliche Anstieg der Mietkosten geschmerzt haben. Gemäss Landesindex nahmen diese erneut um 1,1 Prozent zu. Über die letzten fünf Jahre gesehen, sind die Kosten für die Wohnungsmiete um 4 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung kontrastiert mit der Entwicklung der Hypothekarzinsen, die in diesem Zeitraum rekordtief standen. Die Mietkosten hätten entsprechend ebenfalls sinken oder weniger stark steigen sollen, bemängelte der Schweizerische Mieterverband. Wer sich hingegen mit einer Hypothek ein eigenes Heim kaufen konnte, profitierte von deutlich tieferen Wohnkosten. (NAV)

Für viele Arbeitnehmer erwies sich die lange Phase der negativen Preisentwicklung sogar als positiv. Die negativen Teuerungsraten führten bisweilen zu deutlichen Reallohnsteigerungen, obschon die nominalen Lohnsteigerungen im Vergleich zu Zeiten mit normaler Inflation deutlich geringer ausfielen.

Auch die Reputation der Nationalbank scheint kaum Schaden genommen zu haben. In den Finanzmärkten haben sich keine negativen Teuerungserwartungen verankert. Somit konnte die deflationäre Entwicklung keine selbstverstärkenden Ausmasse annehmen. Auch in der breiten Öffentlichkeit geniesst die Nationalbank bis heute Vertrauen. Eine im November von der Credit Suisse veröffentlichte repräsentative Befragung («Sorgenbarometer») zeigt sogar, dass das Noteninstitut in puncto Vertrauen seit 2005 den grössten Zuwachs von 20 ausgewählten Institutionen verzeichnen konnte.

Urteil über SNB folgt später

Wie gross das Wohlwollen der Schweizer Bevölkerung gegenüber der Nationalbank wirklich ist, wird man aber vermutlich erst in einigen Jahren beurteilen können. Noch ist nicht abschliessend geklärt, welchen dauerhaften Schaden die Aufhebung der Euro-Untergrenze in der Industriestruktur des Landes angerichtet hat.

Unbestritten ist, dass viele Industriefirmen und zunehmend auch Dienstleistungskonzerne Teile ihrer Produktion ins Ausland verlegt haben. Von den rund 30 000 Arbeitsplätzen, die seit 2008 allein die Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie im Inland gestrichen hat, geht nach Einschätzung des Branchenverbandes die Hälfte auf das Konto der Nationalbank beziehungsweise der geänderten Wechselkurspolitik.

In Anbetracht des wieder erstarkten Euros, der sich inzwischen über der Marke von 1.17 Franken etabliert hat, wäre es rückblickend vielleicht gescheiter gewesen, den Mindestkurs über die kritische Zeit von Anfang 2015 bis zu den französischen Präsidentschaftswahlen im Sommer 2017 durchzuhalten, sagt Credit-Suisse-Chefökonom Oliver Adler.

Diese Bemerkung wird die SNB künftig wohl noch häufiger zu hören bekommen, zumal sie auch nach der Freigabe des Wechselkurses weiter massiv im Devisenmarkt intervenieren musste, um den überbewerteten Franken zu schwächen und die Industrie vor weiterem Ungemach zu schützen. Das finale Urteil über die Geldpolitik der Nationalbank wird man wohl erst fällen können, wenn klar ist, wie hoch die volkswirtschaftlichen Kosten der massiven Bilanzausweitung wirklich gewesen sind. Bis diese Endabrechnung möglich ist, dürften noch viele Jahre vergehen.

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