Industriekonzern

Nach erneutem Stellenabbau: General Electric glaubt, Tiefpunkt hinter sich zu haben

Weltweit hängen Arbeitsplätze davon ab, dass General Electric aus der Krise findet: Ein amerikanischer Mitarbeiter an einer Gasturbine.

Weltweit hängen Arbeitsplätze davon ab, dass General Electric aus der Krise findet: Ein amerikanischer Mitarbeiter an einer Gasturbine.

Die Bestellungen von grossen Gasturbinen beim US-amerikanischen Industriekonzern General Electric haben sich halbiert – nun könnte der Wendepunkt da sein.

Der amerikanische Industriekonzern General Electric (GE) gab diese Woche bekannt, nochmals 450 Stellen streichen zu wollen. Mit den bisherigen zwei grossen Sparrunden summiert sich der Abbau nun auf 2850 Arbeitsplätze. Gewerkschaften befürchten nun gar, dass der Niedergang ungebremst weitergeht. Eine über 100-jährige Tradition im Bau von Kraftwerken käme zu einem unrühmlichen Ende.

Doch in dieser traurigen Woche gab es auch Anzeichen, dass es von nun an zumindest nicht weiter abwärtsgeht. Der angekündigte Abbau war wohl eine späte Folge einer Krise, die den Tiefpunkt bereits durchschritten hat. Der Markt für Gasturbinen hat sich dieses Jahr gefangen. General Electric bezeichnete 2019 als das Jahr, in dem ein wichtiger Wendepunkt erreicht sei.

Zuvor war der Markt für grosse Gasturbinen kollabiert. 2017 nahmen die Bestellungen um fast 30 Prozent ab. 2018 mussten die Hersteller erkennen: Es war kein vorübergehender Rückgang. Die Bestellungen erholten sich nicht, sondern gaben weiter nach. Am Ende war der Markt knapp halb so gross wie die drei Jahre zuvor. Aber auf diesem Niveau dürfte es ungefähr bleiben, sagte kürzlich der Finanzchef von General Electric zu Analysten (siehe nachfolgende Grafik).

Mit dieser neuen Normalität plant General Electric nun für die kommenden Jahre. Das geht aus dem Ausblick hervor, den der Konzern im April vor Investoren präsentierte. Wenn die Prognose einigermassen zutrifft, würde General Electric nun ohne weitere Sparrunde auskommen. Zudem kommt es dem Konzern entgegen, dass die weltweite Stromproduktion aus den vorhandenen Gaskraftwerken in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird. So werden Kunden eher Services und Reparaturen anfragen.

Kosten sinken um einen Viertel

Und noch ein Anzeichen für bessere Zeiten ist in jenem Ausblick zu finden. General Electric erklärte den Investoren, wie sich die Kostenbasis in der Energiesparte entwickeln werde. Bis 2020 sollen die Kosten um fast einen Viertel tiefer sein, als sie es 2018 waren.

In diesen Sparbemühungen schon enthalten sind jene Massnahmen, die diese Woche verkündet wurden. Deren Wirkung auf die Kosten wird sich erst in den kommenden Jahren voll entfalten. Das heisst: Die Kosten sinken ohnehin weiter in diesem und im nächsten Jahr. Damit verringert sich die Gefahr, dass es nochmals einen Stellenabbau in der Schweiz gibt.

Für die Schweizer Standorte von General Electric spricht eine Investition, auf welche der Regierungsrat des Kantons Aargau diese Woche nochmals hinwies: General Electric werde rund 30 Millionen Franken in das Werk in Birr im Kanton Aargau stecken. Die Investition hängt zusammen mit einer Meldung, die an sich zu den traurigen GE-Kapiteln in der Schweiz zählt: Die Schliessung des Standorts in Oberentfelden, die GE im Sommer 2018 verkündet hatte. Die dortigen Arbeitsplätze werden nach Birr verlegt.

Diese Investition will General Electric nun als Bekenntnis zur Schweiz gewertet haben. Auf Anfrage betonte ein GE-Sprecher, es handle sich um eine wichtige Investition von 25 bis 30 Millionen Dollar. Am Ende werde man in Birr ein einziges Werk haben, das wettbewerbsfähiger sei als zuvor. Und zusammen mit dem Standort in Baden werde die Schweiz weiterhin zu den grössten Standorten im Energiegeschäft von General Electric gehören.

Ausstieg aus der Kohle

30 Millionen Dollar klingen nicht nach viel Geld, insbesondere nicht für einen Industriegiganten wie General Electric. Doch der Eindruck trügt. Der Gigant verliert derzeit im Energiegeschäft in bedrohlichem Masse freie finanzielle Mittel, allein letztes Jahr rund 2,6 Milliarden Dollar. General Electric muss derzeit jeden Dollar zweimal umdrehen, mindestens – ehe es ihn ausgibt. Gemäss gut unterrichteten Kreisen zählen die 30 Millionen für den Konzern aktuell zu den wichtigsten Investitionen im Energiegeschäft.

Letzten Endes hängt die Zukunft der Standorte in Baden und Birr vor allem von einer einzigen Frage ab: Welche Rolle künftig Gaskraftwerke spielen in einer globalen Stromproduktion, die zunehmend von erneuerbaren Energien geprägt wird. Christian Zeyer, Direktor des Wirtschaftsverbands Swisscleantech, fasst seine Einschätzung so zusammen: Es sei in der Tat denkbar, dass die Talsohle für GE erreicht sei. «Von einem Aufschwung würde ich aber eher nicht ausgehen.»

Was die Nachfrage nach neuen Gaskraftwerken zuletzt reduzierte, war vor allem in Europa die Konkurrenz durch Kohlekraftwerke. Deren Strom sei bedeutend billiger als Strom aus Gaskraftwerken, sagt Zeyer. Und das hat Folgen. Aktuell stünden sehr viele Gaskraftwerke jährlich während mehrerer tausend Stunden schlicht still. Somit hat es eher zu viele, neue Gasturbinen sind weniger gefragt.

Das könnte sich ändern: Wenn Deutschland aus der Kohle aussteigt, braucht es neue Gaskraftwerke. Aber von heute auf morgen wird das nicht geschehen. Selbst dann nicht, wenn Deutschland beschleunigt Kohlekraftwerke stilllegt. Denn zuerst würde man die vorhandenen Gaskraftwerke länger laufen lassen.

Der neue Chef bei General Electric, Larry Culp, fasste Lage kürzlich vorsichtig so zusammen: Man erlebe einen «Turnaround im Energiegeschäft», doch sei diese Trendwende in einem frühen Stadium. Vorsicht ist sicherlich angezeigt, wenn man die unglückliche Geschichte der letzten Jahre betrachtet.

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