Nach dem Kurstaucher der Wall Street vom Montag sind die Kurse an den Aktienmärkten weltweit ins Rutschen geraten. Der Swiss-Market-Index (SMI) verlor am Dienstag nahezu 3 Prozent. Zeitgleich stabilisierte sich die US-Börse und verhinderte damit Schlimmeres.

Inzwischen notiert der SMI 8 Prozent unter dem erst vor drei Wochen erreichten Allzeithoch. Die Korrektur hat sich somit abgezeichnet. Doch die Gründe für die plötzliche Eskalation bleiben unklar. Viele Beobachter verweisen auf die grosse Verbreitung von Schön- wetter-Anlagestrategien, unter denen grosse Investmentfonds am Montag gezwungen gewesen seien, Risikopositionen unvermittelt zu liquidieren. 

Diese erzwungenen Verkäufe mögen die Kurskorrektur zwar verstärkt haben. Auslöser waren aber die steigenden Ängste der Investoren vor einer höheren Inflation in den USA. Die Befürchtungen, dass die langfristigen Zinsen ansteigen könnten, nehmen seit mehreren Wochen zu. Investoren rechnen damit, dass der neue US-Notenbankchef Jerome Powell den Kurs seiner Vorgängerin Janet Yellen beschleunigen könnte. Aktienanlagen sind in dem neuen Klima riskanter als vorher.

Szenario 1: Weiter abwärts

Die Wall Street scheint nach dem Kurseinbruch vom Montag mindestens für den Moment nicht noch stärker abzustürzen. Jedenfalls haben sich die US-Aktien am Dienstag nach einem erneut nervösen Handelsbeginn wieder etwas stabilisiert. Das anfängliche Angst-Szenario einer anhaltenden und möglicherweise gar schärferen Korrektur ist damit zwar kurzfristig weniger wahrscheinlich. Aber das Risiko ist noch lange nicht vom Tisch. Vieles hängt davon ab, wie sich die Konjunktur entwickelt.

Die Gefahr besteht, dass die US-Steuerreform für die Börse zum Bumerang mutiert, da sie zu einer Überhitzung der weltgrössten Volkswirtschaft führen sollte. Solche Befürchtungen sind schon länger vorhanden. Sie wurden jüngst durch den überraschenden Anstieg der Löhne in gewissen Sektoren genährt. Investoren befürchten, dass ein breiter Lohnanstieg auch die Teuerung anheizen könnte.

Das würde die Notenbank zu einer rascheren Erhöhung des Leitzinses zwingen. Mit höheren Zinsen werden etwa Anleihen für Investoren attraktiver, damit müssen die vergleichsweise riskanteren Aktien billiger werden. Das ist der Mechanismus, der sich letztlich hinter jeder länger anhaltenden Börsenkorrektur verbirgt. Noch gibt es aber nicht genügend Anzeichen dafür, dass dieser Prozess deutlich schneller ablaufen könnte als bisher angenommen.

Szenario 2: Seitwärtstrend

Die meisten Börsenauguren scheinen im Moment damit zu rechnen, dass die Kurse in der näheren Zukunft seitwärts verlaufen, wenn auch unter grösseren Schwankungen. Dieses Szenario hat tatsächlich eine hohe Wahrscheinlichkeit. Während es noch zu wenige offensichtliche Zeichen gibt, die für einen rasanten Anstieg der Zinsen sprechen würden, entwickeln sich die Unternehmensgewinne ausgezeichnet. Nicht zufällig war es der US-Automobilbauer General Motors, der die Investoren am Dienstag mit einem überraschend guten Jahres- ergebnis versöhnlicher stimmen konnte.

Nach einem neunjährigen Kursanstieg mit wenigen Unterbrechungen sind Aktien gemessen an den gängigen Bewertungsschemen zwar teurer geworden. Doch solange die Gewinne im erwarteten Ausmass oder sogar mehr steigen, bleiben Aktien eine Option. Das gilt vor allem für Europa und die Schweiz. Der alte Kontinent liegt im Wirtschaftszyklus weit hinter den USA zurück. Während amerikanische Schatzanleihen immerhin schon Renditen von knapp 3 Prozent abwerfen, rentiert eine zehnjährige eidgenössische Referenzanleihe auch unter dem unlängst erreichten Dreijahreshoch noch weniger als 0,2 Prozent.

Szenario 3: Es geht aufwärts

Eine Rückkehr zu dem, was die Investoren in den vergangenen Jahren zunehmend als «neue Normalität» betrachteten, ist das am wenigsten wahrscheinliche Szenario. Der Kursschock vom Montag hat sich in den Köpfen der Anleger festgesetzt und das Risikobewusstsein zurückgebracht. Ganz gleich wie schnell die Notenbanken die Normalisierung der Zinsen fortsetzen werden, der Prozess ist in Gang gekommen und wird sich fortsetzen.

Auch die Europäische Zentralbank wird sich nach und nach als Akteurin von den Finanzmärkten zurückziehen und die Preisfindung wieder den Investoren überlassen. Am Ende stehen höhere Zinsen, die sich dämpfend auf den Anstieg der Aktienkurse, aber auch an den Immobilienmärkten auswirken werden. Die Risiken zwischen und innerhalb der einzelnen Anlageklassen wie Aktien wurden lange von der Flut an billigem Geld überlagert. Diese Gefahren werden mit dem allmählichen Rückzug der Notenbanken wieder sichtbarer und für teilweise hektische Anpassungen sorgen.