Ägypten

Nach dem Umsturz: Ägyptische Kulturschätze verstauben

Das Gesicht der Krise: Die Totenmaske des Tutanchamun im Ägyptischen Museum Kairo.

Das Gesicht der Krise: Die Totenmaske des Tutanchamun im Ägyptischen Museum Kairo.

Der ägyptische Tourismus leidet unter den politischen Unruhen – allen voran der Kulturtourismus. Reiseunternehmen streichen Ausflüge nach Kairo. Die Pyramiden von Gizeh, der Grabschatz von Tutanchamun und Händler warten vergeblich auf Besucher.

Die Schweizer waren begeistert, als im Jahr 2004 der Grabschatz von Tutanchamun in Basel ausgestellt wurde. 620’000 Besucher pilgerten in die Stadt am Rheinknie, um im Antikenmuseum einen Blick auf die berühmte Totenmaske zu werfen.

Mittlerweile scheint der Pharao, der das altägyptische Reich etwa von 1332 bis 1323 v. Chr. regierte, seine Anziehungskraft verloren zu haben: Im Ägyptischen Museum in Kairo fristet er – gemeinsam mit anderen Sarkophagen, Papyri und Dutzenden Mumien – ein einsames Dasein.

Tourismuszahlen im Sturzflug

Vor der Revolution 2011 besuchten täglich 12’000 bis 14’000 Touristen das Ägyptische Museum. Jetzt ist es noch ein Bruchteil: «Heute hatten wir 270 Ausländer», sagte der Generaldirektor Said Amer am Montag dem «Spiegel». Das Museum leidet darunter, dass es direkt neben dem Tahrir-Platz liegt – dem Epizentrum der Demonstrationen.

Aber nicht nur im Zentrum Kairos bleiben die Touristen seit der Revolution 2011 weg. Auch bei den Pyramiden von Gizeh, die etwas ausserhalb liegen, ist der Rückgang gravierend: «An einem normalen Tag kamen bisher etwa 20’000 ausländische Besucher. Jetzt sind es an manchen Tagen nur noch 300», sagt Elhamy El-Zayat, Vorsitzender der Ägyptischen Tourismus-Vereinigung, dem Reiseblog «The Reception Insider».

Unruhen unter Händlern

Mit dem Wegbleiben der Touristen versiegt für viele Ägypter auch die einzige Einnahmequelle. Der Tourismussektor trägt gemäss Ägyptischer Tourismus-Vereinigung rund 11,3 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei und beschäftigt 2,83 Millionen Menschen.

Hinzu kommen unzählige Strassenhändler. Diese müssen sich aber einen immer kleiner werdenden Kuchen teilen. Das führt zu Spannungen. Rund um die Pyramiden kommt es regelmässig zu Unruhen. Und auch im ägyptischen Tal der Könige sind für die Verkäufer schwierige Zeiten angebrochen.

Im April wurde die Kulturstätte gar für kurze Zeit geschlossen, nachdem sich Händler eine handfeste Auseinandersetzung mit der Polizei geliefert hatten.

Besserung für den Kulturtourismus ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: In der aktualisierten Lagebeurteilung für Ägypten rät das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) von Touristen- und anderen nicht dringenden Reisen nach Kairo und in andere Grossstädte – zum Beispiel Alexandria, Port Said, Suez und Ismailia – ab. «In allen Landesteilen ist grosse Vorsicht geboten», schreibt die Behörde.

Als Folge bieten die grössten Schweizer Reiseveranstalter wie Kuoni, Hotelplan oder Tui Suisse keine Reisen mehr in die ägyptische Hauptstadt an. «Ab den Badeorten werden bis und mit Montag, 8. Juli keine Ausflüge nach Kairo und Umgebung angeboten», schreibt Tui Suisse in einer Mitteilung.

In der Vergangenheit waren Tagesausflüge ins Ägyptische Museum oder zu den Pyramiden von Gizeh eine willkommene Abwechslung zu den Strandferien am Roten Meer.

Keine Hauptsaison

El-Zayat prophezeit dem Kulturtourismus eine düstere Zukunft: «Es droht eine Zweiteilung. Allein der Strandtourismus wird sich behaupten.» Für die Hotels am Roten Meer – wo es nie zu Unruhen kam und es keine Reisewarnungen gibt – ist die Entwicklung seit der Revolution nicht ganz so dramatisch.

2011 brach die Nachfrage gegenüber dem Rekordjahr 2010, als 14,5 Millionen Besucher nach Ägypten kamen, zwar stark ein. Seither hat sich die Situation aber wieder einigermassen stabilisiert. 2012 stieg die Zahl der Touristen wieder um 17,4 Prozent auf 11,5 Millionen.

Im ersten Quartal dieses Jahres gab es eine weitere Steigerung um 14,4 Prozent. Dieser Anstieg täuscht aber: Denn er ist durch Dumpingpreise teuer erkauft.

Wie sich die neueste politische Entwicklung auf die Besucherzahlen auswirken wird, ist noch nicht absehbar. Die Reisebüros weisen darauf hin, dass momentan nicht Hauptsaison ist – dafür ist es im Land der Pharaos zu heiss. Die beste Reisezeit ist von Oktober bis April. Diese Ferien werden aber jeweils erst Ende August/Anfang September gebucht. Bis dahin kann noch viel passieren.

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