Baubranche

Bauskandal mit illegalen Preisabsprachen: Läuft es nur in Graubünden so?

Wären die Mauscheleien der Bündner Baumeister nicht so skandalös, ihre Werbekampagne könnte als gutes Beispiel für Selbstironie durchgehen.

Das Baukartell mit den illegalen Preisabsprachen im Unterengadin rüttelt auf. Wie der Fall ins Rollen kam und was er auslösen könnte. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

1. Was ist eigentlich passiert und wer sind die Geprellten?

Im Unterengadin haben Bauunternehmer mindestens 400 Bauaufträge illegal unter sich aufgeteilt. Das meldete gestern die Wettbewerbskommission (Weko). Zu den verbotenen Absprachen kam es zwischen 2004 und 2012. Das betroffene Auftragsvolumen betrage deutlich mehr als 100 Millionen Schweizer Franken, so die Wettbewerbskommission (Weko).

Es handelt sich um die bisher grössten illegalen Absprachen in der Baubranche, welche die Weko in der Schweiz untersucht hat. Von den dadurch verursachten höheren Baupreisen betroffen sind vor allem Gemeinden und der Kanton, aber auch Private.

2. Wie kam der Fall überhaupt ins Rollen?

Die Untersuchungen begannen im Herbst 2012. Dabei kam es auch zu Razzien im Unterengadin. Das Online-Magazin «Republik», das diese Woche eine vierteilige Serie über die illegalen Preisabsprachen aufschaltete, beschreibt, wie die illegalen Absprachen zur Wettbewerbskommission gelangten.

Adam Quadroni, Bauunternehmer aus Ramosch im Unterengadin und einst selbst in die illegalen Tricksereien involviert, wollte, dass das Kartell aufflog. Doch im Tal wie auch beim Kanton lief er mit seinen Beweisen bei den Behörden auf. Erst der hellhörig gewordene Unternehmensberater des Whistleblowers Quadroni leitete die Unterlagen 2012 direkt an die Weko weiter, die wiederum eine Untersuchung lancierte.

3. Ein Whistleblower, der selbst Teil des Kartells war? Warum soll der glaubwürdig sein?

Für die Weko waren nicht Quadronis Aussagen von Belang, sondern die ihr zugespielten Unterlagen. Und diese waren deutlich. Es kam zu Razzien und Hausdurchsuchungen im Unterengadin. Unter anderem beim einflussreichen Bauunternehmer Roland Conrad. Gemäss Recherchen der «Republik» war er der Strippenzieher des Unterengadiner Baukartells. Conrad zeigte sich darauf hin selbst an und kooperierte mit der Weko.

4. Wie wurde an den Treffen der Baumeister konkret gemauschelt?

Bei sogenannten Vorversammlungen einigten sich die Baumeister darüber, wer die Aufträge bekam. In einem zweiten Schritt wurde sichergestellt, dass es nach aussen hin nach Wettbewerb aussieht. In Wahrheit offerierten die «Konkurrenten» aber extra zu hohe Preise, sodass der Auftrag zwangsläufig an den vorher Auserkorenen gehen musste.

5. Welche Folgen hat das nun für die Baumeister?

Bussen von insgesamt 7,5 Millionen Franken für sieben Unterengadiner Baufirmen. Zudem hat der Kanton Graubünden gestern angekündigt, rechtlich gegen die Firmen vorgehen zu wollen. Doch auch der Bündner Baumeisterverband kommt nicht ungeschoren davon, hat er doch gemäss Weko die Treffen organisiert.

Gemäss Recherchen der «Republik» hat der aktuelle Direktor Andreas Felix sogar mehrfach aktiv die Treffen geleitet und für die Absprachen gesorgt, was der Bündner Baumeisterverband selbst als «Fake News» abtut. Der Bündner Baumeisterverband muss sich mit bis zu 40 000 Franken an den Verfahrenskosten beteiligen.

6. Welche offenen Fragen bestehen noch?

Viele, darunter auch politische. Der gestern publizierten Untersuchung folgen dieses Jahr zwei weitere Weko-Berichte zu illegalen Bauabsprachen in Graubünden. Vor allem die zweite Untersuchung könnte es in sich haben. Dabei geht es um Vergaben, die den gesamten Kanton betreffen. Mit auf der Liste der zu untersuchenden Bauunternehmen finden sich gemäss «Republik» auch weit über Graubünden hinaus bekannte Baufirmen wie Implenia oder die Walo Bertschinger AG.

Nicht auszuschliessen ist, dass die Schlagzeilen aus Graubünden Anstoss geben, dass ähnliche Fälle aus anderen Ecken der Schweiz an die Öffentlichkeit kommen. Zudem werfen die Recherchen Fragen zur Verhältnismässigkeit eines Polizeieinsatzes sowie von Behördenentscheiden gegen Whistleblower Quadroni auf.

Unter dem Vorwand, bei ihm bestehe akute Selbstmordgefahr, nahm ihn die Kantonspolizei Graubünden vor seinem Haus überfallartig in Gewahrsam und brachte ihn wie einen Schwerverbrecher in die Psychiatrie. Seither lebt er von seinen Kindern getrennt. Und das, obwohl die Psychiater Entwarnung gaben.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1