Carsharing

Mobility und die Ursuppe der Schweizer Wirtschaft

Reservieren und einsteigen: Mobility-Autos stehen rund um die Uhr zur Verfügung.

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Die Firma verdient als Genossenschaft gutes Geld. Die Wahl der Rechtsform behindert aber auch.

Das waren noch Zeiten, als die Schweizer Firmen noch etwas galten. Als Nestlé noch nicht wegen seiner Wasserstrategie in der Kritik war. Als die UBS als Schweizerischer Bankverein, beziehungsweise Bankgesellschaft noch eine bodenständige Bank war. Als der Abstand zur nächsten Sitzreihe bei der Swiss, oder besser der Swissair, noch mehr Zentimeter betrug als die Rocklänge der Flight Attendants. Diese Zeiten sind vorbei. Geblieben ist ein Ideal eines Schweizer Unternehmens: Global erfolgreich und bekannt, am besten in einer Pionierrolle, aber mit regionaler Verankerung.

Dies alles vereint die Carsharing-Plattform Mobility. Die Firma ist ein Pionier in der Sharing-Economy, regional verankert ist sie auch. Doch obwohl die Firma auch im Ausland durchaus erfolgreich arbeitet, hat sie es nicht zur internationalen Grösse gebracht. Das hat auch damit zu tun, dass Mobility eine Genossenschaft ist.

Und auch wenn diese Rechtsform an Bedeutung verliert, ist sie so etwas wie die Ursuppe der erfolgreichen Schweizer Volkswirtschaft. Momentan sind in der Schweiz 8606 Genossenschaften im Handelsregister eingetragen. Wichtig wurde die Rechtsform gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem als Konsumgenossenschaften. Genossenschafter kauften zusammen in grösseren Verbünden ein, erreichten dadurch bessere Preise für ihre Genossenschaft und somit auch für sich selbst: eine organisierte Selbsthilfe also. Mitte der 1950er-Jahre waren in der Schweiz noch rund 12'000 Genossenschaften eingetragen, diese Zahl ging über die Jahre kontinuierlich zurück.

Doch Genossenschaften sind weiterhin wichtige volkswirtschaftliche Treiber. Wer eine ist, versucht diesen Umstand meist auch als Werbemittel zu nutzen. Die berühmtesten Beispiele: Migros, Raiffeisen und die Versicherung Mobiliar. Migros zelebriert ihr Genossenschaftsdasein in letzter Zeit verstärkt – etwa mit Frauen, die in einem Werbespot auf einen gut gebauten Männerhintern starren. Mobiliar weist jedes Jahr aufs Neue daraufhin, dass man die eigenen Genossenschafter fürstlich mit Rückzahlungen belohnt. Und Raiffeisen? Die hat gerade mit der Rechtsform zu kämpfen. Die Finma will, dass Raiffeisen untersucht, ob die Form der Genossenschaft noch zukunftsträchtig ist.

Regionale Verankerung

Für Mobility selbst ist die Rechtsform offenbar die richtige. Man wolle auch in Zukunft eine Genossenschaft bleiben, sagt Patrick Eigenmann von Mobility. Einerseits seien die 1000 Franken Genossenschaftszuschuss, die einmalig zu zahlen sind, ein wesentlicher finanzieller Faktor für die Firma. Zudem habe man durch die Genossenschafter eine regionale Verankerung, die Vorteile bringe. Etwa wenn es darum gehe, neue Standorte zu suchen. Und man habe als Genossenschaft eine langfristige Sichtweise. «Das heisst, im Gegensatz zu einer AG sind wir nicht auf kurzfristige Ergebnisse angewiesen und sehen uns nicht zu Hauruck-Aktionen verleitet», sagt Eigenmann.

Gerade der Vorteil der Partizipation der Genossenschafter kann aber auch in einen Nachteil kippen. Im letzten Dezember verkündete Mobility neue Tarife, welche kurze Fahrten günstiger machten, aber längere verteuerte. Das gefiel nicht allen. In den sozialen Medien kam gar vereinzelt der Ruf nach einer Urabstimmung auf, um den Entscheid rückgängig zu machen.

Softwarelieferant im Ausland

An erster Stelle für die fast 70'000 Genossenschafter von Mobility, wie auch für die sonstigen Kunden, steht nicht etwa der ökologische Vorteil, den Carsharing mit sich bringt. Sondern Kalkül, wie bereits bei den Konsumgenossenschaften. «Dabei geht es nicht nur um finanzielle Vorteile, sondern auch um Convenience», sagt Patrick Eigenmann von Mobility. So könne Zeit und Aufwand gespart werden, weil etwa das Abschliessen der eigenen Versicherung oder der Gang zur Garage, etwa für einen Service, entfalle.

Nicht nur in der Schweiz ist Mobility erfolgreich, sondern auch im Ausland. Was aber nicht zu sehen ist. Denn Mobility liefert die eigene Software an andere Anbieter. Ohne, dass irgendwo der Name der Schweizer Firma auftaucht. Dabei vergisst man, dass Mobility einst gar das grösste Unternehmen seiner Art war auf der Welt. Das ist nun ungefähr ein Jahrzehnt her.

Andere Anbieter wie «Whim» drängen mit neuen Ideen auf den internationalen Markt. Bei Whim sind Car- und Velosharing gekoppelt mit dem öffentlichen Verkehr und Taxi-Fahrten. Dies kann alles zum Fixpreis genutzt werden, so die Idee dahinter. Gestartet in Helsinki will man nun expandieren.

Bei Mobility wolle man in erster Linie sein eigenes Angebot im Sharing-Bereich ausbauen, sagt Eigenmann. Dass Mobility im Vergleich zu ausländischen Anbietern weniger Mut zeigt, hat auch damit zu tun, dass die Firma als Genossenschaft weniger einfach an flüssige Mittel kommt. Damit minimiert die Firma im Umkehrschluss bewusst das Risiko. Dies geht aber auf Kosten der Agilität.

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