«Der Kunde ist König» – so das bekannte Credo. Bei einigen Firmen gilt das offensichtlich auch für Mitarbeiter: Die Google-Angestellten in Zürich bezahlen in den hauseigenen Restaurants nichts für ihr Essen, die Verpflegungsmöglichkeiten auf den Stockwerken sind ebenfalls kostenlos. Doch damit nicht genug: Auch den Coiffeurbesuch, den Fitness-Kurs und die anschliessende Massage gibts vergünstigt. «Diese Arbeitsumgebung trägt einen Teil zur grossen Innovationskultur bei Google bei», erklärt das Unternehmen.

Adecco, der weltweit grösste Anbieter von Personaldienstleistungen, erkennt einen Trend: «Gerade moderne, junge Unternehmen setzen zur Gewinnung von qualifiziertem Personal vermehrt auf attraktive Zusatzleistungen», so Sprecher José M. San José. Dies können Vergünstigungen für Sport und Fitness-Abos oder auch für Getränke und Essen sein. «Die Möglichkeiten auf attraktive Sozialleistungen, Kindertagesstätten, mehr Ferientage oder auch Home-Office-Tage stehen bei den heutigen Arbeitnehmern ebenfalls hoch im Kurs», weiss San José.

Nicht nur aus Nächstenliebe

Der Schweizer Pharmariese Novartis hat diese Bedürfnisse erkannt und versucht sie mit dem Campus in Basel zu erfüllen. Dort stehen den Mitarbeitern unter anderem eine Postfiliale, ein Fitness-Klub, Sportvereine, kulturelle Vereinigungen, Kinderbetreuungsmöglichkeiten, ein arbeitsmedizinischer Dienst, eine Reinigung sowie ein grosses Angebot an verbilligten Verpflegungsmöglichkeiten zur Verfügung. «Wir möchten ein attraktives Umfeld schaffen, um international konkurrenzfähig zu bleiben», teilt der Grosskonzern mit. Das Ziel sei es, die fähigsten und talentiertesten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für Novartis zu gewinnen.

Wer auf dem Novartis Campus arbeitet, hat kaum Anreize, diesen zu verlassen. Pure Grosszügigkeit? Nicht wirklich, meint Michael Gemperle, Wirtschaftssoziologe an der Universität St. Gallen. «Gratifikationen von Grossunternehmen jenseits des Lohnes zielen seit deren Börsenorientierung immer weniger auf die soziale Absicherung der Beschäftigten ab, sondern darauf, diese stärker in ihren Dienst zu stellen.» Natalie Benelli von der Hochschule Luzern pflichtet ihm bei: «Arbeitgeber fordern schon lange nicht mehr nur die Arbeitskraft ihrer Angestellten ein, sondern organisieren – und kontrollieren – auch gleich ihr ganzes Leben.» Im Klartext: Die Wohlfühl-Pakete sollen dazu führen, dass sich die Angestellten länger am Arbeitsplatz aufhalten und somit produktiver sind. Die Grosskonzerne wehren sich gegen diese Kritik: Die Zusatzleistungen sollen einzig zum Wohle der Mitarbeiter beitragen.

Bei der jährlich durchgeführten Studentenbefragung des Beratungsunternehmens Universum war Google in den letzten vier Jahren der Wunscharbeitgeber Nummer eins. Das Konzept kommt bei jungen Talenten also an.

KMU weiterhin hoch im Kurs

Dennoch warnt Universum andere Unternehmen vor übereifrigem Nachahmen: «Was Google macht, funktioniert bei Google – aber wohl nicht bei einer Privatbank», so Yves Schneuwly, Country Manager Switzerland. Ein Billardtisch, Begegnungs- und Ruheräume machen nur Sinn, wenn sie auch genutzt werden. «Das muss in der DNA des Unternehmens verankert sein und kann nicht künstlich kreiert werden», sagt Schneuwly.

Er glaubt deshalb nicht, dass Rundum-Wohlfühlpakete zum neuen Standard werden: «Ein positives Arbeitsklima -– für die Studenten das wichtigste Kriterium für eine ausgewogene Work-Life-Balance – hängt auch von anderen Komponenten ab.» 60 Prozent der Studenten wollen zum Beispiel für ein Unternehmen arbeiten, das zwischen 10 und 500 Mitarbeiter hat. «Die Dynamik aber auch die Beständigkeit von KMU und Familienunternehmen sind sehr gefragt», so der Experte.

Welche Rolle das Salär bei der Wahl des Arbeitgebers noch spielt, darüber scheiden sich die Geister. Schneuwly ist überzeugt: «Allein mit einem guten Lohn gewinnt man Talente schon lange nicht mehr.» Bei Adecco sieht man das anders: «Stellenbewerber nehmen Zusatzleistungen sicherlich dankend an, gleichwohl spielt der Lohn sowie mögliche Bonusleistungen immer noch eine entscheidende Rolle.»