Aktienmärkte

Mit dem US-Rettungspaket ist die heile Börsenwelt noch lange nicht wiederhergestellt

Ein Trader blickt auf den Kursverlauf des US-Index Dow Jones. (Bild: Justin Lane/EPA, New York, 12. März 2020)

Ein Trader blickt auf den Kursverlauf des US-Index Dow Jones. (Bild: Justin Lane/EPA, New York, 12. März 2020)

Die US-Regierung entzündet mit ihrem Rettungspaket ein Kursfeuerwerk auf den Aktienmärkten. Ist der starke Kursanstieg ein Zeichen, dass jetzt alles wieder gut wird? Und worauf sollten Kleinanleger jetzt besonders achten? Fünf Fragen und Antworten.

Warum sind die amerikanischen Aktien am Dienstag so stark gestiegen?

Am Dienstag hat das bekannteste Kursbarometer für amerikanische Aktien, der «Dow Jones Industrial Average», um 10,2 Prozent zugelegt. Noch am Tag zuvor war der Indikator auf das Niveau von 18'213 abgerutscht – den tiefsten Stand seit drei Jahren und vier Monaten. Was hat sich geändert? Die Investoren haben den Beschluss eines immensen staatlichen Hilfspaketes für die amerikanische Wirtschaft vorweggenommen.

Tatsächlich einigten sich Republikaner und Demokraten noch in der gleichen Nacht auf das 2000 Milliarden Dollar schwere Paket, dessen Verabschiedung durch den Kongress nur noch eine Formalität darstellen sollte. Die Trump-Administration schnürt ein noch umfangreicheres Rettungspaket als die Obama-Regierung in der Finanzkrise. Gleich wie der Bundesrat und andere Regierungen will auch Washington verhindern, dass der wirtschaftliche Stillstand als Folge des sich auch in den USA rasch ausbreitenden Coronavirus bleibende Schäden hinterlässt.

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Deshalb sollen Unternehmen 500 Milliarden Dollar an Soforthilfen erhalten, damit zum Beispiel Fluggesellschaften vor dem Konkurs gerettet werden können. Auch die Bevölkerung soll mit 1200 Dollar pro Kopf beschenkt werden, damit auch Menschen ohne finanzielle Reserven in den nächsten Tagen und Wochen für das Nötigste aufkommen können. Mit diesem Rettungspaket ist die heile Börsenwelt aber noch lange nicht wiederhergestellt. Der Dow Jones bewegt sich immer noch gut 27 Prozent unter dem Allzeithoch, das er Anfang Jahr eben erst noch erreicht hatte.

Ist der starke Kursanstieg ein Zeichen, dass bald alles wieder gut wird?

Nicht unbedingt. Starke Kursausschläge nach oben wie nach unten sind Ausdruck einer angespannten Stimmung im Markt. Ein Mass für die Stärke der Kursschwankungen beziehungsweise für die Nervosität der Investoren sind sogenannte Volatilitätsindikatoren. Diese bewegen sich seit einigen Wochen auf Rekordständen. Das verspricht für nächste Zukunft anhaltend starke Kursausschläge nach oben wie nach unten.

Ipek Ozkardeskaya, Marktstrategin der Waadtländer «Swissquote Bank» sagt: «Nach jedem Kursschub um fünf oder zehn Prozent müssen wir uns auf eine heftige Gegenkorrektur einstellen. Im umgekehrten Fall einer heftigen Abwärtsbewegung muss es aber nicht zwingend zu einer sofortigen Aufwärtskorrektur kommen.» In den Optionenmärkten, wo Terminkontrakte unter anderem auf Aktien gehandelt werden und die Preisschwankungen naturgemäss weit höher sind als an den Aktienbörsen, sagen die Trader: «Die Volatilität lächelt nicht, sie grinst.» Gemeint ist damit, dass sich Kursgewinne, die in einem sehr volatilen Umfeld zustande kommen, auch sehr rasch wieder verflüchtigen können.

Wie steht es um die Schweizer Börse?

Die Schweizer Börse steht im internationalen Vergleich besser da. Der Swiss-Market-Index (SMI) hat seit Anfang Jahr gut 17 Prozent verloren, während beispielsweise der deutsche Dax um 27 Prozent, der französische Cac 40 um 29 Prozent oder eben der Dow Jones um 27 Prozent nachgegeben haben. Die relative «Überperformance» des Schweizer Aktienmarktes, wie es im Jargon jeweils heisst, hat vor allem einen Grund: Die Zusammensetzung des SMI erweist sich in Krisensituationen stets als Vorteil.

Rund 50 Prozent des Index werden durch Aktien von Firmen aus sogenannt «defensiven» Branchen repräsentiert. Dazu gehören in erster Linie die beiden Basler Pharmakonzerne Novartis und Roche. Die Nachfrage nach Medikamenten bleibt auch in rezessiven Zeiten relativ konstant, weshalb diese Firmen auch im laufenden und im kommenden Jahr mit guten Gewinnen rechnen können. Ähnliches gilt auch für den Lebensmittelhersteller Nestlé, wenn auch in einem deutlich weniger ausgeprägten Mass wie im Fall der beiden Pharmamultis. Der kursstützende Einfluss der defensiven Branchen wird deutlich, wenn man die Performance des SPI Extra zu Rate zieht. Dieser Index spiegelt das Schweizer Aktienuniversum ohne SMI-Titel. Der SPI Extra hat seit Anfang Jahr rund 23 Prozent an Wert verloren. Die gute Nachricht ist, dass die Schweiz im internationalen Vergleich auch damit noch gut dasteht.

Was bedeutet die Börsenentwicklung für die AHV und die Pensionskassen?

Für die AHV sind die Kurseinbrüche weniger schlimm als für die Pensionskassen. Die erste Säule wird im Umlageverfahren finanziert. Die eingehenden Beiträge fliessen umgehend wieder für Rentenleistungen weg. Die rund 37 Milliarden Franken, die im AHV-Ausgleichsfonds liegen, werden deshalb ziemlich rasch umgeschlagen. Weil die Rentenverpflichtungen schneller wachsen als die Beiträge, musste die AHV in der Vergangenheit immer wieder auch Aktien aus ihrem Fonds verkaufen. Für solche Zwangsverkäufe wäre jetzt natürlich ein sehr schlechter Zeitpunkt.

Aber weil der AHV im Zug der Unternehmenssteuerreform (Staf) nun zwei Milliarden Franken zusätzliche Mittel pro Jahr zufliessen, muss sie über die nächsten vier Jahre keine Verkäufe mehr tätigen, um die laufenden Verpflichtungen zu finanzieren. Auch die Pensionskassen können Kursverluste aussitzen. Allerdings funktionieren Pensionskassen nach dem Kapitaldeckungsverfahren. Die Kassen verfügen über ein Deckungskapital, das genügend hoch sein muss, um die künftigen Rentenansprüche der Versicherten zu decken. Sinkt der Deckungsgrad nach einem starken Kursrückgang an den Börsen unter 100 Prozent, können Korrekturmassnahmen nötig werden. Zum Beispiel in Form höherer Beiträge durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Allerdings lagen die Deckungsgrade der Kassen im vergangenen Jahr im Durchschnitt deutlich über 115 Prozent, womit sich auch ein Kursrückgang im bisherigen Mass verkraften lässt.

Worauf sollten Kleinanleger jetzt besonders achten?

Mit der extrem schlechten Börsenstimmung ist die Wahrscheinlichkeit einer starken, technischen Gegenbewegung markant gestiegen. So gesehen war der Kursschub des Dow Jones vom Dienstag keine wirkliche Überraschung. Kleinanleger müssen sehr vorsichtig bleiben. Die Erfahrung aus der Vergangenheit zeigt, dass solche Gegenbewegungen häufig nur sogenannte «Bärenfallen» sind. Unter dem Begriff verstehen Investoren ein verführerisches Kursrally in einem sinkenden Markttrend (Bärenmarkt). Anleger, die sich zu schnell von solchen Verlockungen leiten lassen, erleiden Verluste.

Erfahrungsgemäss lebt ein Bärenmarkt länger als nur ein paar Wochen. In der Finanzkrise dauerte der Abschwung 16 Monate von November 2007 bis Februar 2009. Der Aktienweltindex fiel in dieser Zeit um 48 Prozent. Die Korrektur der Technologieblase um die Jahrtausendwende dauerte sogar fast drei Jahre – von September 2000 bis März 2003. Der MSCI-Weltindex tauchte in dieser Zeit um 54 Prozent. Nach dem Dotcom-Crash dauerte es mehr als 13 Jahre, bis die Börsen ihre alten Höchststände wieder erreicht hatten. Auch nach der Finanzkrise ging es immerhin gut fünf Jahre. Ähnliche Beispiele finden sich auch in der tieferen Vergangenheit der Börse. Was Anleger daraus lernen sollten? Nach einem Kurssturz bleibt immer genügend Zeit, um sich zu tieferen Preisen wieder in die Märkte einzukaufen. Und wer am schnellsten reagiert, handelt meistens nicht am besten.

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