Das Lauchfeld ist zur Hälfte geerntet. Fünf Arbeiter aus Polen, Portugal und Mazedonien stehen in ihren Stiefeln zwischen den Lauchstangen. An ihren Gürteln sind Halfter für die Rüstmesser befestigt. Sie arbeiten konzentriert und schnell: An der Pflanze ziehen, weg mit den wüsten Blättern, ganz an der Wurzel einen raschen Schnitt, auf die richtige Länge für die Gemüsekiste stutzen und alles wieder von vorne, im Akkord. Pro Lauchstange vergehen nicht mehr als ein paar Sekunden.

Paul Meier ist zufrieden. «Noch diese Ecke und dann reicht es», weist er seine Angestellten an. Der «Nordwestschweiz» erklärt er: «Dieser Lauch wächst ganzjährig. Wir ernten nur Mengen, um den täglichen Bedarf des Abnehmers zu stillen.» Dann lässt der Gemüsebauer und Präsident des Aargauer Gemüseverbands seinen Blick in der Ferne ruhen. Er macht sich Sorgen.

Eine Lex Schweizer Gemüse

Auch wenn die Umfragen ein Nein zur Mindestlohninitiative prognostizieren – Meier traut ihnen nicht. «Ich kann mich an keine Vorlage erinnern, die weitreichendere Konsequenzen auf den Gemüsebau hatte», sagt er. Vor durchschnittlich 25 Prozent höheren Preisen warnen die Gemüsebauern, müssten sie denn dereinst Erntehelfern 22 Franken pro Stunde zahlen.

Bei personalaufwendigem Gemüse wie Spargeln, Radieschen oder Nüsslisalat liege der Preisanstieg tendenziell sogar noch höher. Bei Rüebli oder Zwiebeln, wo ein grosser Teil der Ernte maschinell erfolge, dagegen tiefer, so Meier. Lauch liegt dazwischen. Zwar lockert die an einem leichten Traktor befestigte Maschine die Erde auf, in der der Lauch steckt. Herausziehen und Rüsten fürs Waschen müssen die Arbeiter die Stangen jedoch von Hand.

Paul Meier müsste höhere Produktionskosten direkt auf die Konsumenten abwälzen. Alternative Ideen taugten nicht: Direktvertrieb scheitere letztlich an den hohen Kosten für die Logistik. Auch die Produktivität lasse sich nicht auf einen Schlag erhöhen. Dank Fortschritten in der Zucht erhöhe sie sich schon jetzt jährlich, jedoch im Promillebereich. Im Maschinenbau schliesslich müsste eine Revolution stattfinden, damit Roboter die Handarbeit erledigen könnten.

«Ein Ja zur Mindestlohninitiative würde uns das Genick brechen», ist Paul Meier überzeugt. Er rechnet anhand eines polnischen Erntehelfers vor, der zum ersten Mal auf seinen Feldern in Rütihof bei Baden arbeitet: Bei einer 50-Stunden-Woche verdient dieser übers Jahr gesehen 14 Franken pro Stunde. Die Polen, Mazedonier und Portugiesen auf Meiers Betrieb sind trotz der tiefen Löhne zufrieden. Nach Abzug von Kost und Logis bleibt ihnen genug, um etwas auf die Seite legen zu können. Beim Hof stehen lauter sportliche Limousinen mit polnischen und portugiesischen Kennzeichen.

Die Gemüsebauern machen aus der Mindestlohninitiative eine Lex Schweizer Gemüse, warnen sie doch vor einem Verschwinden von Schweizer Spargeln, Radieschen und Kopfsalaten aus den Auslagen der Supermärkte.

Die Gewerkschaften und Mindestlohnbefürworter räumen ein, dass unter den Landwirtschaftsbetrieben Gemüse- und Obstbetriebe am stärksten vom gesetzlichen Mindestlohn betroffen wären. Im Ackerbau oder in der Milchwirtschaft arbeiten häufiger Familienmitglieder mit. Sie gehören zu den Selbstständigerwerbenden und werden darum von einem gesetzlichen Mindestlohn nicht tangiert. Über das besorgniserregende Szenario der Produzenten reiben sich die Gewerkschaften aber die Augen.

Gewerkschafter kritisieren Marge

Bei den Preiserhöhungen kommen sie auf ganz andere Zahlen. Die Gesamtkosten würden durchschnittlich um 2 Prozent steigen, rechnen sie vor. Bei einer vollständigen Abwälzung auf die Konsumenten müssten diese für landwirtschaftliche Produkte zwar mehr bezahlen, weit weniger aber als die von der Gemüsebranche vorgerechneten 25 Prozent. Das Rechenbeispiel der Gewerkschafter: Ein Kilo Schweizer Kartoffeln würde um etwa 4 Rappen teurer, sechs Eier 8 Rappen und ein Liter Milch deren 3.

Diese Mehrkosten sollten laut Gewerkschaften aber nicht die Konsumenten, sondern die Grossverteiler tragen. Sie fordern diese zum Verzicht auf einen Teil der Margen auf: «Bauern erhielten 2012 für Gemüse nur gerade 43 Prozent des Preises, den die Konsumenten bezahlten», schreibt die Unia in einem Faktenblatt zu den Auswirkungen der Mindestlohn-Initiative.

An einen Verzicht der Grossisten auf die Marge aber glauben Gemüsebauern wie Paul Meier nicht. Finde die Mindestlohninitiative doch noch eine Mehrheit, dann wisse er auch nicht, wie es mit seinem Betrieb weitergehen würde, sagt er nachdenklich. Er ist überzeugt: «Der Schweizer Konsument ist nicht bereit, 25 Prozent mehr zu bezahlen.» Schweizer Gemüse drohe damit die Verbannung in die Nische. Herr und Frau Schweizer würden auf importierten Lauch ausweichen, den Erntehelfer im Ausland zu noch tieferen Löhnen gerüstet haben. So die düstere Prognose von Bauer Meier.