Wirtschaftskriminalität
Millionen-Dieb bei ABB: Mitarbeiter wunderten sich schone lange über seinen ausschweifenden Lebensstil

Der Schatzmeister der ABB-Niederlassung in Südkorea soll 100 Millionen US-Dollar abgezweigt haben. Ein Insider erklärt gegenüber der "Nordwestschweiz": Seit längerem machten Gerüchte über den verschwiegenen älteren Herrn die Runde.

Andreas Schaffner
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Der Verlust bei der ABB-Niederlassung in Südkorea soll gegen 100 Millionen US-Dollar betragen. Mitarbeiter des verschwundenen ABB-Schatzmeisters spekulieren über dessen Immobilieninvestitionen. (Themenbild)

Der Verlust bei der ABB-Niederlassung in Südkorea soll gegen 100 Millionen US-Dollar betragen. Mitarbeiter des verschwundenen ABB-Schatzmeisters spekulieren über dessen Immobilieninvestitionen. (Themenbild)

Walter Schwager

ABB hat in ihrer südkoreanischen Niederlassung kriminelle Handlungen in Verbindung mit Unterschlagung und Veruntreuung von Geldern erheblichen Ausmasses aufgedeckt. Dies meldete der grösste Schweizer Industrie- und Technologiekonzern heute morgen. Die Unterschlagung und Veruntreuung von Geldern werde sich auf die bisher verkündeten ungeprüften Ergebniszahlen für das Jahr 2016 auswirken. Die derzeitige Schätzung weisen laut ABB eine zusätzliche Belastung von gegen 100 Millionen US-Dollar aus. An der Börse kam die Meldung nicht gut an: Die Aktie sank nach der Bekanntgabe nur leicht.

Es war der "Schatzmeister"

Offenbar handelt sich beim Verdächtigen um den Treasurer der südkoreanischen ABB-Tochtergesellschaft. Ein solcher „Schatzmeister“ ist gewöhnlich für die Kapital- und Geldbeschaffung verantwortlich, er hält Kontakte zu Banken und Kapitalmärkten, und er verwaltet Liquiditätsdispositionen. Der Mann ist am 7. Februar verschwunden. Er wird verdächtigt, Unterlagen gefälscht sowie mit Dritten zusammengearbeitet zu haben, um Unternehmensgelder zu veruntreuen.

Der verschwiegene ältere Herr

Insider beschreiben den Mann gegenüber der "Nordwestschweiz" als einen verschwiegenen älteren Herrn. Mitarbeiter in Südkorea hätten sich seit Längerem über seinen ausschweifenden Lebensstil gewundert. Gerüchte hätten die Runde gemacht, dass er in seiner Heimat grosse Investitionen in Immobilien tätigte – er stammt wohl aus einer Stadt ausserhalb der südkoreanischen Hauptstadt Seoul.

Nachdem der Mann verschwunden sei, hat die ABB offenbar die finanziellen Unstimmigkeiten in Südkorea aufgedeckt. Das Unternehmen hat laut eigenen Angaben eine umfassende Untersuchung eingeleitet, in die unabhängige kriminaltechnische und juristische Experten involviert seien.

Zudem arbeite man mit den Strafverfolgungsbehörden zusammen, so die ABB weiter. Man habe auch weitere schadensmindernde Massnahmen eingeleitet, um die Auswirkungen dieser kriminellen Aktivitäten auf die Bilanz deutlich zu reduzieren. Dazu gehört die Rückgewinnung veruntreuter Gelder, Anmeldung von Rechtsansprüchen und Nutzung von Versicherungen.

Kontostände wurden überprüft

Weiter seien weltweit die Kontostände der Bankkonten überprüft worden. Die ABB geht davon aus, dass diese „spezielle Situation“ ausschliesslich auf Südkorea zutrifft. Das Unternehmen weist in diesem Zusammenhang auf die Nulltoleranzstrategie in Bezug auf unethisches Verhalten hin.

Auch gesetzlich ist die ABB laut der Nachrichtenagentur SDA zu umfassenden internen Kontrollsystemen verpflichtet. Denn als börsenkotiertes Unternehmen in den USA muss ABB eine Reihe von gesetzlichen Anforderungen erfüllen, die die Ordnungsmässigkeit der Finanzberichterstattung sicherstellen sollen. Unter anderem hat der Konzern einen Verhaltenskodex erstellt, zu dem er auch Schulungen durchführt. Weiter hat der Konzern eine Anlaufstelle für Whistleblower eingerichtet.

Verhaltenskodex erhält gute Noten

Diese Anstrengungen kommen laut SDA bei Beobachtern gut an. In einem gemeinsamen Bericht der Antikorruptionsorganisation Transparency International Schweiz und der Anlagestiftung Ethos aus dem Jahr 2011 war der Konzern mehrmals als gutes Beispiel angeführt worden. "Unserem Kenntnisstand nach verfügt ABB heute über ein gutes Compliance-Programm", sagte Transparency-Schweiz Geschäftsführer Martin Hilti gegenüber der Agentur. Er zeigte sich deshalb überrascht von dem aktuellen Fall in Südkorea.

Vorwurf: Bestechung und Korruption in GB

Trotz dieser Regelungen geriet die ABB erst kürzlich in die Negativschlagzeilen: In Grossbritannien laufen Ermittlungen gegen eine ABB-Tochter wegen Bestechung und Korruption. Die britische Strafverfolgungsbehörde SFO (Serious Fraud Office) hat Anfangs Februar eine Untersuchung gegen ABB wegen Bestechung und Korruption eingeleitet. Diese richte sich gegen die britischen ABB-Tochtergesellschaften, deren Kadermitarbeiter, Angestellte und Bevollmächtigten.

Die Untersuchung steht laut der SFO im Zusammenhang mit einem seit längerem laufenden Verfahren gegen die Gesellschaft Unaoil mit Sitz in Monaco. Gemäss Medienartikeln wird Unaoil vorgeworfen, als Vermittler von Schmiergeldzahlungen bei Öl-Kontrakten und Industrieaufträgen gedient zu haben.

Schaden: 4 Prozent des Jahresgewinnes

Für die Analysten der Zürcher Kantonalbenk wirf der Betrugsfall Fragen bezüglich Corporate Governance auf. Es ist laut dem Analysten-Bericht davon auszugehen, dass zumindest ein Teil des Geldes – etwa dank Versicherungen – dem Unternehmen zurückfliessen kann. Die genannte Schadenssumme von 100 Millionen US-Dollar entsprechen rund 4 Prozent des Jahresgewinnes 2016.

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