Detailhandel

Migros hinkt beim Kassenzettel-Zwang noch immer hinterher – wenigstens sind ihre Belege am kürzesten

Bei der Migros werden Kassenzettel noch immer unaufgefordert gedruckt. In anderen Detailhändlern kann der Konsument entscheiden.

Bei der Migros werden Kassenzettel noch immer unaufgefordert gedruckt. In anderen Detailhändlern kann der Konsument entscheiden.

Die meisten Schweizer Detailhändler verzichten darauf, ihren Kunden den Kassenbeleg aufzudrängen. Nur Migros und Aldi drucken derzeit noch unaufgefordert. Die Umstellung soll aber bald erfolgen.

«Kassenzettel?» – «Nein, danke.» Diese kurze Unterhaltung zwischen Kassier und Käufer ist jedem bekannt. Belege rattern sogar aus der Kasse, wenn man zur Erfrischung nur eine Cola oder vor dem Date noch schnell ein Päckli Kaugummi kauft. Und dann landen sie meistens im Abfallkübel, ohne dass der Konsument auch nur einen Blick darauf wirft. Unnötig. Und obendrein wenig umweltfreundlich.

Immerhin sind die Kassenzettel mittlerweile kürzer und knackiger als früher – und dienen einzig noch der Kontrolle. Ausserdem setzen immer mehr Detailhändler auf freiwillige Belege. Heisst, der Kunde entscheidet, ob er einen Kassenzettel will oder nicht.

Vorreiter dieser Idee war aber nicht etwa einer der hiesigen Marktführer, sondern die Konkurrenz aus dem Ausland: Lidl setzt der Umwelt zuliebe seit 2017 auf freiwillige Bons. Volg und Coop zogen vor knapp einem Jahr nach. Coop bietet diese Möglichkeit ausschliesslich an den Self-Checkout-Kassen. An den bedienten Kassen werden die Belege weiterhin gedruckt. Dies entspreche dem Kundenbedürfnis, sagt eine Sprecherin.

Am Self-Checkout werde ein Beleg oft nicht gewünscht, weil die Einkäufe überwiegend klein sind. Grössere Einkäufe würden an der bedienten Kasse getätigt. Da schätzten es die Kunden, den verrechneten Preis nochmals überprüfen zu können. Als vorläufig letzter Detailhändler kam anfangs Jahr die Migros-Tochter Denner hinzu. Die Beweggründe decken sich mit denjenigen der Konkurrenz: Kundenbedürfnis und Nachhaltigkeit.

Jährlich werden Hunderte Tonnen Abfall gespart

Denn auch aus ökologischer Sicht macht der Verzicht auf den Kassenzettel-Zwang Sinn. Seit der Umstellung im Januar verbrauchte Denner laut einer Sprecherin 36 Prozent weniger Papier als im Vorjahr, was einem Gewicht von 38 Tonnen entspricht. Volg spricht beim selben Gewicht sogar von 70 Prozent weniger. Vor der Umstellung verbrauchten die beiden Detailhändler folglich je über 100 Tonnen Papier. Lidl gibt an, jährlich 30 Prozent Papier sparen zu können, bei Coop sind es 65 Tonnen. In Relation setzen die beiden grösseren Detailhändler ihre Zahlen aber nicht.

Vorerst noch immer unaufgefordert gedruckt werden die Kassenzettel bei Migros und Aldi. Und das, obwohl die Detailhändler bereits vor knapp einem Jahr verlauten liessen, das Bedürfnis erkannt zu haben und eine Änderung im Kassensystem anzustreben. Der Grund, weshalb sich bei der Migros bis jetzt noch nichts getan hat, liegt laut einer Sprecherin an der Technik. Denn für die Funktion benötige man ein neues Kassensystem. Im nächsten Jahr sollen die Kassen aber umgestellt werden. Aldi spart laut eigenen Angaben weitaus mehr Papier durch die Umstellung auf Kunststoff-Kisten statt Einweg-Kartons. So könne Aldi über 2100 Tonnen Papier und Karton einsparen. Würden nicht mehr alle Belege gedruckt, rechnet Aldi weiteren Einsparungen von 31 Tonnen.

Zwar nennt die Migros keine Zahlen, als umsatzstärkster Detailhändler verbraucht sie aber logischerweise auch viel Papier. Immerhin sind ihre Belege kurz gehalten. Das ergibt ein Test dieser Redaktorin. Sie kaufte in den verschiedenen Geschäften je eine Frucht, ein Getränk und eine Süssigkeit. Ein Vergleich der erhaltenen Kassenbelege zeigt, dass die Länge stark variiert. Denner und Volg brauchen für die drei gekauften Produkte am meisten Platz. Die Belege von Coop, Aldi und Lidl sind in etwa gleich lang. Der Beleg der Migros geht als klarer Testsieger hervor: Mit 16 Zentimetern ist er um einen Drittel kürzer als der von Volg mit 24 Zentimetern.

Der Beleg der Migros ist für drei eingekaufte Produkte mit 16 Zentimetern am kürzesten, derjenige von Volg mit 24 Zentimetern am längsten.

Der Beleg der Migros ist für drei eingekaufte Produkte mit 16 Zentimetern am kürzesten, derjenige von Volg mit 24 Zentimetern am längsten.

Klima und Digitalisierung: Es braucht elektronische Belege

Wie viel Papier durch Kassenbons verschwendet wird, zeigen jüngste Beispiele aus Deutschland. Seit dem 1. Januar dieses Jahres müssen beispielsweise Bäcker sogar für ein einziges Brötchen einen Kassenbeleg drucken. Mit dieser neu eingeführten Belegpflicht soll Steuerhinterziehung verhindert werden.

Tatsächlich stellt das neue Gesetz aber hauptsächlich einen grossen Mehraufwand für Händler dar. Deshalb löste die Bonpflicht landesweit Entrüstung und zahlreiche – mitunter sehr kreative – Protestaktionen aus. So liessen sich Händler etwa von weggeworfenen Bons vollkommen bedecken oder hängten sie an Wäscheleinen, um die Unmengen an Müll aufzuzeigen.

Hier ein Beispiel für die zahlreichen Protestaktionen, die die Bonpflicht in Deutschland ausgelöst hat:

Frankreich macht derweil in diesem Monat einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung: Nach einem neuen Gesetz werden für Kleinstbeträge unter zehn Euro konsequent keine Belege mehr gedruckt.
Aus Sicht der Stiftung für Konsumentenschutz sind die Vorgehensweisen der beiden Nachbarländer zu extrem. «Ein Detailhändler sollte ausweisen müssen, was er einkassiert hat», sagt Geschäftsleiterin Sara Stalder. «Gleichzeitig sollte der Konsument aber auch wählen können, ob und in welcher Form er den Beleg erhalten will.»

In der Schweiz sind elektronische Belege teilweise schon möglich. So können beispielsweise Kunden von Migros oder Coop ihre Belege auch über die Cumuluskarte beziehungsweise die Supercard auf ihr Smartphone erhalten. Aber auch das stellt aus Sicht des Konsumentenschutzes nicht eine zufriedenstellende Lösung dar. «Die grossen Detailhändler beweisen damit nur ihren Datenhunger» sagt die Geschäftsführerin. «Es sollte möglich sein, dass der Konsument den Beleg einfach elektronisch erhält, ohne sämtliche Daten preisgeben zu müssen, die für die Kundendaten erhoben werden.» In Anbetracht der Klimadiskussion und der fortschreitenden Digitalisierung ist sich Stalder sicher: «Das wäre die Zukunft.»

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