Herbert Bolliger ist in sichtlich aufgeräumter Stimmung, als er zur «Talk Täglich»-Aufzeichnung erscheint. Man merkt dem obersten Migros-Chef an, dass ihm nach 12 Jahren an der Spitze des grössten privaten Arbeitgebers der Schweiz viel Druck wegfällt, mit dem Rücktritt Ende Jahr vor Augen. Das sagt der 63-jährige Wettinger auch später, wenn die Kamera läuft: «Den zeitlichen Druck und die Belastungen, die man in einem so grossen Unternehmen hat, werde ich sicher nicht vermissen.» Auch sonst sagt Bolliger im Gespräch mit Moderator Rolf Cavalli ungefiltert seine Meinung und erzählt nicht ohne Selbstironie Anekdoten aus seinem Leben als Migros-Chef.

Seine letzte Pendenz: Es ist nicht die wichtigste, aber witzigste. Die Erfinder der «Freitagstasche» hätten ihm gebeichtet, dass sie in der Migros, welche die Frechheit gehabt habe, eine «Donnerstagstasche» einzuführen, mal eine solche geholt hätten, ohne zu zahlen. «Das Geld haben sie mir in einem Couvert nachträglich geschickt», so Bolliger: «Doch wie verbuchen? Diese knifflige Aufgabe überlasse ich gerne meinem Nachfolger.»

Das Konsum-Kind: Bolliger war kein Migros-Kind. «In Wettingen gab es fünf bis sechs Konsum-Läden und nur eine Migros. Als Bub ging ich halt dorthin, wo es näher war und natürlich dorthin, wo einem die Mutter schickte, in den Konsum.» Zur Migros sei er eher zufällig gekommen. Er habe bei Bayer gearbeitet, aber etwas gesucht, das mehr seinem Studium der Betriebswirtschaft entsprochen habe. Auf ein Inserat der Migros für eine Stelle im Controlling mit betriebswirtschaftlichem Hintergrund habe er dann sofort reagiert.

Der Denner-Kauf: Den Coup von 2007 zählt Bolliger zu den Höhepunkten seiner Laufbahn. «Uns ist es gelungen, das Familienunternehmen gut zu integrieren und das Angebot der Migros optimal zu ergänzen.» Es sei aber vor allem für den damaligen Denner-Chef Philippe Gaydoul ein sehr emotionaler Einschnitt gewesen, habe dieser sich doch vom Unternehmen getrennt, das sein Grossvater aufgebaut habe.

Sein grösster Fehler: «Ich hätte in der Digitalisierung noch mehr Gas geben sollen.» Obwohl Bolliger mit der Migros sehr früh ins Online-Shopping investiert hatte, unterschätzte auch er die Dynamik. «Ich hätte nie erwartet, dass Zalando ein so grosses Business macht und nicht geglaubt, dass ein Geschäft funktioniert, in dem 50 Prozent der Waren von den Kunden zurückgeschickt werden.»

Die Zukunft des Einkaufens: Im Non-Food-Berich werden sich die Läden laut Bolliger nochmals massiv verändern. Das klassische Warensortiment werde noch einen Drittel ausmachen, auf einem Drittel der Verkaufsfläche werde man via Bildschirm Waren anschauen, diese virtuel probieren und dann online bestellen. Ein weiterer Teil des Ladens werde eher Richtung Unterhaltung mit Cafés und Relaxing-Zonen gehen.

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"Mister Migros" tritt ab

Kampf dem Einkaufstourismus: Der Migros-Chef unterstreicht seine jüngste Forderung, die Mehrwertsteuer auf Ausland-Einkäufe dürfe nicht mehr erlassen werden. «Es ist eine Ungerechtigkeit, wenn nur der der Schweizer, der im Inland einkauft eine Konsumsteuer zahlen mus.» Bolliger warnt: «Wenn das so weitergeht mit dem Auslandeinkauf, wird man die Mehrwertsteuer bei uns noch mehr erhöhen müssen. Die Schweizer, die im Inland einkaufen, sind so am Schluss sogar doppelt gestraft.»

Goldküste zu teuer für Migros-Chef: Auf die Frage von Moderator Cavalli, ob er als Migros-Chef aus Überzeugung in Wettingen wohne und warum nicht wie andere Top-CEOs an der Goldküste oder in einem steuergünstigen Kanton, meint Bolliger: «Ich kann es mir schlicht nicht leisten!» Auch als der Moderator Bolliger erinnert, er verdiene über 900 000 Franken im Jahr, insistiert der Migros-Chef: «Für die Goldküste müssen Sie mehrere Millionen haben.» Er habe das ernsthaft angeschaut und durchkalkuliert. Seine Frau habe nämlich mal thematisiert, allenfalls am Zürichsee ein Haus zu kaufen, nachdem die Kinder ausgezogen seien. Lachend betont Bolliger aber: «Mir geht es gut.»

Bonus-Kritik: Ein Migros-Chef bekommt keinen Bonus zusätzlich zum Grundsalär. Das würde Bolliger auch bei anderen Firmen so halten. «Bonussysteme schaffen falsche Anreize. Ich brauche kein Rüebli, damit ich schneller laufe.» Das sei der Vorteil bei der Migros: «Wir können nachhaltig langfristige Ziele anstreben. Das geht nur, wenn man nicht alle paar Quartale gewinngetrieben dem Finanzmarkt Resultate ausweisen muss.»

Begegnung mit den Stones: Bolliger erinnert sich an das Rolling-Stones-Konzert, das die Migros zu ihrem Jubiläum 10 Jahre Cumulus organisiert hatte. Mick Jagger habe sich im Vorfeld gut informiert über die Migros. «Die Grundwerte haben ihm imponiert», so Bolliger, der auch sonst gerne an Rockkonzerte wie von Bruce Springsteen geht. «Ich kam auch immer pünktlich.» Das sei wichtig im Zeitmanagement: Nicht nur fürs Geschäft, auch für die Freizeit muss man genügend Zeit einzuplanen. Ab Januar wird Bolliger etwas mehr davon haben. (az)