Es ist paradox: Die Bauwirtschaft boomt seit Jahren, gleichzeitig sinkt die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe. Dieses Jahr wird im Hoch- und Tiefbau ein Umsatz von 20,4 Milliarden Franken erwirtschaftet; das ist rund ein Drittel mehr als vor zehn Jahren. Dagegen hat im gleichen Zeitraum die Zahl der Festangestellten um rund acht Prozent auf 79 000 abgenommen.

Bauhauptgewerbe: Umsatz steigt - Beschäftigungszahl sinkt

Bauhauptgewerbe: Umsatz steigt - Beschäftigungszahl sinkt

Um diesen Widerspruch zu interpretieren, präzisiert Silvan Müggler, Leiter Wirtschaftspolitik beim Schweizerischen Baumeisterverband, die Zahlen. Bei den Beschäftigtenzahlen handle es sich nur um Festangestellte im Bauhauptgewerbe, ohne reine General- und Totalunternehmen, ohne Gleisbauer oder Eisenleger. Auch seien temporär Beschäftigte und Akkordanten nicht eingeschlossen. Dass die Beschäftigtenzahl im Bauhauptgewerbe nicht parallel zur Umsatzentwicklung steigt, dafür macht Müggler drei Gründe geltend:

  • Auslagerung: Die Baufirmen würden vermehrt Tätigkeiten auslagern und mit Akkordanten arbeiten; zum Beispiel mit Eisenlegern und Akkordmaurern. Ebenso gebe es einen Trend hin zu mehr Temporärpersonal. Dies bestätigt der Personalvermittler Adecco. «Die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften im Baugewerbe ist seit langem hoch», sagt Adecco-Sprecher José M. San José. Die Berufskategorie Bau habe allein im letzten Quartal um 5 Prozent zugenommen.
  • Mechanisierung: In den vergangenen Jahrzehnten habe es einen Mechanisierungsschub gegeben. «Durch den zunehmenden Einsatz von Maschinen und durch vermehrte Vorfertigung kann pro Beschäftigten mehr produziert werden», sagt Müggler. Dies bestätigt Nico Lutz, Sektorleiter Bau bei der Gewerkschaft Unia: «Der Technologieschub in den vergangenen Jahren war gewaltig.»
  • Margendruck: Die meisten Baufirmen stehen unter einem starken Margendruck, ausgelöst durch einen harten Konkurrenzkampf, so Müggler. «Die Baufirmen waren und sind deshalb sehr zurückhaltend beim Aufbau neuer Arbeitsplätze.» Gleichzeitig steige aber die Zahl der Baufirmen, vor allem gebe es mehr Klein- und Kleinstunternehmen. «Viele wollen vom vermeintlichen Bauboom profitieren – und landen häufig auf dem harten Boden der Realität.» Gewerkschafter Lutz widerspricht. «Die Ertragslage hat sich verbessert.» Denn die Baupreise seien in den vergangenen Jahren bei praktischer Nullteuerung jährlich um rund ein Prozent gestiegen, die Baumaterialpreise hätten stagniert. Unter dem Strich steige die Marge.

Steigt Druck auf die Bauarbeiter?

Gleichzeitig kritisiert Lutz die Arbeitgeber. Das steigende Arbeitsvolumen erhöhe den Druck auf die Beschäftigten massiv. «Der einzelne Bauarbeiter muss in gleicher Zeit mehr und mehr leisten.» Seit Jahren habe die Zahl der Bauunfälle abgenommen, jetzt gebe es leider eine Stabilisierung und keinen weiteren Rückgang mehr.

Die Stagnation sei unter anderem auf mehr Stress auf den Baustellen zurückzuführen. Im Gespräch mit Bauarbeitenden werde wiederholt gefordert, dass die Arbeitsbedingungen bei Schlechtwetterphasen verbessert werden müssen. Heute werde wegen des Termindruckes fast immer gearbeitet. Jetzt widerspricht Silvan Müggler vom Baumeisterverband. Die Arbeit auf den Baustellen sei zwar hart und anforderungsreich, aber die Arbeitsbedingungen hätten sich nicht verschlechtert. Wie erwähnt würden die Baufirmen vermehrt Akkordanten und Temporärangestellte einsetzen; somit werde das zusätzliche Arbeitsvolumen «verteilt».

«Personalabbau unausweichlich»

Keine gravierenden Auswirkungen auf die Beschäftigung erwartet der Verband vom prognostizierten Rückgang der Bautätigkeit. Die Baumeister hätten nicht zu viel Personal aufgebaut. Zudem rechnet Müggler nicht mit einem dramatischen Auftragseinbruch, sondern mit einer sanften Landung. Wegen der Zweitwohnungsbau-Initiative gelte der Befund aber nicht für ausgeprägte Tourismus-Regionen wie das Bündnerland, Wallis, Berner Oberland und Tessin. «Dort wird es einen Verdrängungskampf geben, der Opfer fordern wird. Ein Personalabbau wird unausweichlich sein.»

Im Bündnerland ist die Prognose offenbar bereits Realität. «Die Betriebe reagierten mit dem Abbau von Jahresbeschäftigten auf den sich abzeichnenden Rückgang der Baunachfrage im Zweitwohnungsbau», schrieb der Graubündnerische Baumeisterverband schon letzten Frühling. Sie kompensierten Nachfragespitzen vermehrt mit Kurzaufenthaltern oder temporären Arbeitskräften. Und der vom Stellenvermittler Manpower errechnete Arbeitsmarktbarometer zeigt eine Abkühlung an. Die befragten Arbeitgeber im Sektor Bau rechnen mit rückläufigen Personalbeständen im ersten Quartal 2015.