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Wegen der Pandemie fehlt es an Altpapier – dadurch wird auch das Zeitungspapier knapp

Fehlendes Altpapier führt zu Knappheit beim Zeitungspapier. Das «Migros-Magazin» hat bereits den Umfang reduziert.

Christian Mensch
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Gesucht wie schon lange nicht mehr: Altpapier.

Gesucht wie schon lange nicht mehr: Altpapier.

Foto: Sandra Ardizzone / LTA

Kein anderes Printprodukt hat bisher so offen kommuniziert wie das «Mi­gros-Magazin» in seiner jüngsten Ausgabe: Aufgrund der herrschenden Papierknappheit müsse der Umfang der Genossenschaftspublikation reduziert werden. Die Massnahme werde sicher einige Wochen anhalten. Beim Papiereinkauf bildet die Migros eine Einkaufsgenossenschaft mit der Tamedia («Tages-Anzeiger»), die «vereinzelte Vorsichtsmassnahmen» getroffen hat, wie die Medienstelle ausführt. Auch andere Druckunternehmen sind mehr oder weniger betroffen, wobei derzeit keine deutlich spürbaren Einschränkungen zu erwarten sind.

Wichtiger Lieferant ist die Perlen Papier. Sprecher Christian Weber bestätigt, die Lager seien leer, die Produktion gedrosselt und es werde in nächster Zeit wohl auch an einzelnen Tagen zu einem Produktionsstopp kommen. Es fehlt am wichtigsten Grundstoff: dem Altpapier. Weber spricht von einem klassischen Schweinezyklus, der die Papierindustrie erfasst habe.

Der Schweinezyklus führt zu starken Schwankungen

Wenn zu wenig Schweinefleisch auf dem Markt ist, dauert es, bis die Ferkelzucht hochgefahren ist, und wenn diese Tiere schlachtreif sind, besteht die Gefahr eines Überangebots. Kurz vor der Pandemie herrschte ein Überangebot an Zeitungspapier, die Altpapierlager waren voll, der Preis im Keller. Europäische Produzenten legten teilweise Firmen still oder stellten die Produktion auf Kartonage um. Mit der Pandemie änderte sich die Situation vollständig.

Im vergangenen Frühjahr wurde deutlich weniger Zeitungspapier bedruckt. Die Zeitungen stellten auf Kurzarbeit und auf reduzierte Umfänge um, Werbebeilagen blieben aus. Es fielen nicht nur kleinere Altpapierstapel an, diese blieben auch liegen. Vereine, die zuvor die Lust an der Altpapiersammlung verloren hatten, weil sich damit kaum mehr Geld verdienen liess, verzichteten nun trotz steigender Preise coronabedingt auf eine Sammelaktion. Nicht mehr der Preis, aber das Papier lag weiterhin im Keller.

Was der Onlinehandel mit dem Zeitungsdruck zu tun hat

Mit einer Verzögerung von rund einem halben Jahr erreicht der Zyklus nun die Papierfabriken. Händeringend suchen sie nach ihrem Rohstoff. Es geht um Mengen: Allein Perlen produziert täglich 10000 Tonnen Papier. Immerhin konnte die Papierfabrik das Szenario abwenden, die Produktion eine ganze Woche stilllegen zu müssen. Es hätten sich Zusatzmengen organisieren lassen, sagt Weber.

Die Pandemie beeinflusst den Papiermarkt auch auf andere Weise: Der Versandhandel hatte nicht nur sprunghaft mehr Pakete zu verschicken, er benötigt dazu deutlich mehr Verpackungsmaterial. Die Kartonfa­briken kamen dieser Nachfrage nach, indem sie sich ihren Rohstoff ebenfalls bei den Altpapierhändlern sicherten – und damit den Markt für die Zeitungspapierhersteller zusätzlich verengten.

Die Kartonproduktion frisst das Altpapier

Während Altpapier sieben Mal zu neuem Papier gemacht werden kann, ist es für das Papierrecycling verloren, wenn es einmal zu Kartonage verarbeitet ist. Die Frage, für wie viele Monate Zeitungspapier weiterhin knappes Gut sein wird, hängt nach Expertenmeinung deshalb auch wesentlich davon ab, ob die Konsumenten wieder vermehrt in den Geschäften einkaufen oder ob sie sich auch in Zukunft die Ware nach Hause schicken lassen.

Eine vollständige Erholung ist so rasch nicht zu erwarten. Denn auch die Cellulose, der zweite wichtige Rohstoff, ist auf dem Weltmarkt knapp geworden. Weil vor allem in China der Bedarf nach Holz deutlich ansteigt, wird zunehmend auch mindere Holzqualität für den Bau eingesetzt, was wiederum Einfluss auf die Karton- und Papier-produktion hat.

Es sind dies viele aufschlussreiche Zusammenhänge, die sich zu beschreiben lohnen, solange dafür genügend Papier vorhanden ist.