In den letzten Jahren kam es zu einer deutlichen Häufung von Massenentlassungen. Zuletzt hat der Pharmakonzern Novartis den Abbau von über 2000 Stellen verkündet – ein regelrechtes Erdbeben in der Schweizer Pharmabranche. Die Bäckerei Keller schliesst im Kanton Zürich nach über hundert Jahren – und 100 Arbeitnehmer müssen etwas Neues finden. Ob Postfinance, SBB, Swisscom oder Credit Suisse – sie alle gaben in den letzten zwei Jahren grosse Abbauprogramme bekannt.

Die Arbeitslosenzahlen blieben davon jedoch bislang unberührt. Die Zahl der Arbeitslosen, die sich bei den regionalen Arbeitsämtern registriert hat, nahm zuletzt deutlich ab, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) berichtet. Dieser Rückgang fiel zwar etwas zu hoch aus, weil die statistische Erfassungsmethode umgestellt wurde. Aber die Tendenz ist dennoch klar rückläufig. Massenentlassungen, aber dennoch Hochkonjunktur und rückläufige Arbeitslosenzahlen – wie passt das zusammen?

Massenentlassungen sind mittlerweile bloss die spektakulärste Form eines ständigen Kommens und Gehens am Schweizer Arbeitsmarkt. So wechseln jedes Jahr von sich aus an die zehn Prozent aller Beschäftigten einmal den Arbeitsplatz: Das sind jährlich rund 500'000 Menschen, die ihre Stellen verlassen und wieder etwas Neues finden, oftmals in neuen Branchen.

Auch eine andere Statistik zeigt diese Fluktuation: In einem normalen Jahr werden immerhin 32'000 Unternehmen endgültig geschlossen, und verlieren allein dadurch 45'000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Gleichzeitig kommen durch 37'000 Neugründungen rund 51'000 Menschen wieder zu Lohn und Brot.

Mehr Unterbeschäftigte

Ein Abbau von 2000 Arbeitsplätzen wie bei Novartis ist beeindruckend, vor allem in der kleinen Schweiz. Aber auch die Schweiz ist noch gross genug, vor allem ihre Wirtschaft, sodass solche Massentlassungen statistisch gesehen untergehen. Selbst ein Abbau wie bei Novartis bewegt die Arbeitslosenquote bloss auf der zweiten Stelle hinter dem Komma. Wobei nicht einmal diese minimale Veränderung sich wirklich zeigen wird, weil der Abbau über mehrere Jahre geschieht.

Umgekehrt ist mit derlei Einordnungen nicht gesagt, dass es keine bedenklichen Trends im Schweizer Arbeitsmarkt geben würde. So ist zwar die Arbeitslosenquote, wie sie das Seco ausweist, deutlich gesunken. Doch nach einer anderen Erfassungsmethode, wie sie vom Internationalen Arbeitsamt (ILO) vorgegeben wird, ist die Arbeitslosenquote nahezu doppelt so hoch – und zeigt inmitten der Hochkonjunktur bislang keinen deutlichen Rückgang. Mittlerweile ist ein Team von Ökonomen damit beauftragt worden, dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen.

Neben den Erwerbslosen gibt es noch das Heer der Unterbeschäftigten. Zuletzt wurden 357'000 Arbeitnehmer gezählt, die eigentlich gerne mehr arbeiten würden, aber nicht können. Mittlerweile sind es 70'000 mehr Unterbeschäftigte als noch fünf Jahre zuvor, eine Zunahme von 24 Prozent. Zählt man Unterbeschäftigten und Erwerbslose zusammen, zeigt sich ein unschönes Bild: 583'000 Menschen oder rund zwölf Prozent aller Menschen im erwerbsfähigen Alter haben in der Schweiz nicht genug Arbeit.

Die Hoffnung ist, dass sich diese Zahlen in der aktuellen Hochkonjunktur doch noch zum Besseren wenden. Zumeist reagiert der Arbeitsmarkt erst mit einiger Verspätung auf den Konjunkturverlauf. Hält das kräftige Wachstum an, dürften zunehmend mehr Menschen davon profitieren.

Also würde erst am Ende der aktuellen Hochkonjunktur eine Bilanz gezogen. Nach den bisherigen Prognosen ist das Bild nicht allzu erfreulich: Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich rechnete zuletzt damit, dass Ende 2019 noch immer um die 220'000 Menschen arbeitslos wären. Das wären fast 60'000 Menschen mehr als am Ende der letzten Hochkonjunktur.