Am Üetliberg in Zürich befindet sich das Herz der Grossbank Credit Suisse. Mit 8000 Arbeitsplätzen ist der Uetlihof der grösste Bürokomplex der Schweiz. Doch längst nicht alle, die dort ein- und ausgehen, sind auch Angestellte der Grossbank. Bald werden es weniger sein: Insgesamt verschiebt die CS 119 Stellen zum indischen IT-Dienstleister HCL Technologies Ltd. Bisher war von lediglich 39 Jobs die Rede, die zum Outsourcer transferiert würden, wie das Branchenportal Inside Paradeplatz berichtete.

Sämtliche der 119 betroffenen Stellen befinden sich in der Abteilung International Wealth Management, in der vermögende Privatpersonen betreut werden. Von den 119 sind 74 Festangestellte der CS, weitere 45 sind sogenannte Contractors, die nicht direkt bei der Bank angestellt sind, sondern ihren Lohn über eine Vermittlungsagentur beziehen. Die tägliche Arbeit von Internen und Externen unterscheidet sich kaum; die Teams sind durchlässig, man arbeitet an den gleichen Projekten.

Alle CS-Mitarbeiter wurden Anfang der Woche über ihr Schicksal informiert. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das neue Angebot von HCL anzunehmen. Tun sie das innerhalb einer kurzen Bedenkzeit nicht, müssen sie mit der Kündigung rechnen, ihr Vertrag wird dann «terminiert». So sehen es die scharf getakteten HRProzesse vor. Bereits am 1. Juli sollen sie für den indischen Konzern arbeiten.

Bei den Contractors ist die Lage kniffliger. HCL muss diese bei den Temporärfirmen herauslösen. In einem Brief an die Agenturen schlagen die Inder vor, ihnen die Mitarbeiter quasi gratis zu überlassen. Falls sich die Agenturen weigern, würden die Spezialisten von den Projekten abgezogen. Dem Vernehmen nach ist HCL aus rechtlichen Gründen offenbar gezwungen, eine sogenannte UmbrellaFirma zu gründen, um Leiharbeiter überhaupt beschäftigen zu dürfen.

Die jüngste Auslagerung der Credit Suisse ist radikal anders

Die CS lagert nicht zum ersten Mal Jobs an externe Dienstleister aus. Bereits 2003 hatte sie begonnen, gewisse externe IT-Projekte nicht mehr von Schweizer Engineeringfirmen entwickeln zu lassen, sondern von indischen Konkurrenten. Und doch, die jüngste Auslagerung ist radikal anders: Denn die Bank lagert erstmals eine Abteilung aus, die eine zentrale Rolle bei der Weiterentwicklung der Bank und ihrer Geschäftsprozesse spielt.

Die Softwareingenieure der betroffenen Abteilung planen und entwickeln hoch spezialisierte Geschäftsapplikationen, die das Management von vermögenden Kunden vereinfachen sollen. Ein CS-Kadermann spricht von «sophistizierten Anwendungen», welche die Abteilung bisher entwickelt und betreut hat. Es handelt sich dabei also keineswegs um einen Randbereich, der von der Auslagerung betroffen ist wie etwa das Netzwerkmanagement oder die Server-Wartung, sondern es geht um den Kern des Geschäfts. Die Auslagerungsübung der Credit Suisse folgt einem übergeordneten Ziel: Sie soll helfen, die jährlichen Gesamtkosten bis Ende 2018 auf 17 Milliarden Franken zu senken. Das ist das ehrgeizige Ziel von CEO Tidjane Thiam. In den nächsten 12 Monaten werden die Kosteneffekte mit der beschlossenen IT-Auslagerung jedoch kaum spürbar sein, da den Angestellten Besitzstandswahrung zugesichert wurde. Das bedeutet, dass sie zu den gleichen Konditionen weiterbeschäftigt werden. Was danach kommt, ist offen.

Die Schweiz scheint derzeit von einer Auslagerungswelle erfasst zu sein. Allein in den vergangenen Tagen wurde die Verlagerung von Hunderten Jobs bekannt. Die grössten Schlagzeilen machte die UBS, welche insgesamt 600 Stellen von Zürich nach Biel verlagern will. Hinzu kommen 450 Jobs, die nach Schaffhausen verlegt werden. Die Grossbank will an der «Peripherie» von günstigen Mieten und billigeren Arbeitskräften profitieren.

Das Erbe von Johann Schneider-Ammann «niedergewalzt»

Auch in der klassischen Industrie werden Jobs verschoben, meist ins billigere Ausland. So hat die Langenthaler Ammann-Gruppe die Verlagerung von 130 Stellen in bestehende Werke in Europa beschlossen. Die Zeitung «Bund» schrieb, dass das Erbe von Bundesrat Johann Schneider-Ammann nun «unter die Walze» komme. Jahrelang hat er sich für den Erhalt des Werkplatzes Schweiz eingesetzt. Jetzt wird in seinem Familienbetrieb in der Schweiz kaum mehr produziert. Am gleichen Tag kam die Meldung, dass das Technologieunternehmen von Landis+Gyr 60 Jobs nach Osteuropa verschieben will.

Die Auslagerung einer industriellen Fertigungsanlage ist zeitintensiv und kostspielig. Und in vielen Fälle nicht mehr rückgängig zu machen. Die Jobs, die verschwinden, kommen meist nie mehr zurück. Geht es hingegen um die Produktion von Software wie im Fall von Credit Suisse, ist die Verlagerung wesentlich einfacher und billiger. Es genügt, auf einen Knopf zu drücken, um Millionen von Programmzeilen in ein anders Land oder in einen anderen Kontinent zu verschieben.

Indischer Gigant mit Schweizer Hauptsitz im Niederdorf

Die 119 Softwareentwickler der CS, die nun zu HCL Technologies wechseln müssen, werden zumindest für die nächsten 12 Monate an ihrem angestammten Arbeitsort bleiben können. Es ist jedoch davon auszugehen, dass danach zumindest Teile der Entwicklung nach Indien verlagert werden. HCL ist ein Gigant: Das Unternehmen mit Hauptsitz in Noida, einer Industrievorstadt von Delhi, beschäftigt über 100 000 Mitarbeiter. Laut Handelsregister eröffnete das Unternehmen bereits 2002 in der Schweiz eine Niederlassung, im Zürcher Niederdorf.

Die CS schreibt in einem Statement, dass HCL einen ausgezeichneten Ruf im Markt habe und nach sorgfältiger Prüfung als Partner ausgewählt worden sei.