Der Freitod von Ex-Zurich-CEO Martin Senn erschüttert die Schweizer Wirtschaft und ruft nach Erklärungsversuchen.

Herr Czwalina, Manager mit Problemen suchen bei Ihnen Rat. Hat Sie der Suizid des ehemaligen Zurich-Chefs Martin Senn überrascht?

Johannes Czwalina: Ich habe Martin Senn nicht persönlich gekannt und kann deshalb nur allgemeine Aussagen machen. Ich beobachte aber, dass die potenzielle Möglichkeit der Suizide derzeit eher wächst, als dass sie abnimmt.

Der Experte Johannes Czwalina

Der Experte Johannes Czwalina

Bei der Zurich gab es innert drei Jahre bereits den zweiten Suizid eines Top-Managers. Was sagen Sie dazu?

Dass es gleich zwei Suizide waren, ist wohl zufällig. Und doch bin ich fest davon überzeugt, dass Senn niemals so weit gegangen wäre, würde bei der Zurich noch die Führungskultur tonangebend sein, die ich von früher kenne.

Sie sprechen den langjährigen Verwaltungsratspräsidenten Manfred Gentz an, der vor vier Jahren vom Banker Joe Ackermann abgelöst worden ist?

Richtig. Ich bin mit ihm bis heute befreundet. Er hatte immer ein offenes Ohr für jeden. Und er trat seinen Mitarbeitern mit grosser Wertschätzung gegenüber.

Halten Sie das Suizidrisiko unter Top-Managern hoch?

Besonders. Top-Kader verfügen über konkrete Handlungsanweisungen oder Orientierungshilfen, die man mit Landkarten vergleichen kann. Darauf steht immer dasselbe: Macht und Geld führen zu mehr Glück. Zu den wichtigsten Fragen aber, die das Menschsein betreffen, erhalten die Manager keine Orientierungshilfen. Sie müssen sie sich im Do-it-yourself-Verfahren selbst beantworten.

Worin liegt dieses Streben nach Macht und Geld begründet?

In den obersten Führungsetagen sind Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen übervertreten. Narzisstisch veranlagte Menschen sind stark abhängig von Anerkennung. Macht und Geld. Dadurch definieren sie ihren Selbstwert.

Was macht einen Menschen zum Narzissten?

Oft mangelte es ihnen in ihrer Kindheit an Mutterliebe. Manche wuchsen ganz ohne Mutter oder in einer gefühlskalten Umgebung auf. Narzissmus ist ein Instrument, diese Defizite zu kompensieren. Fällt die Anerkennung plötzlich weg, sei dies durch Macht- oder Liebesentzug, verlieren solche Menschen plötzlich den Halt. Paradoxerweise haben viele Führungskräfte trotz ihres hohen Einkommens ein grosses Sicherheitsbedürfnis.

Die reichen Manager haben Existenzängste?

Ja, Lebens- und Existenzängste steigen diametral zum Einkommen. Und auch die Phobien nehmen zu.

Und trotzdem bringen sich nicht gleich alle um. Was kann den Suizid letztlich auslösen?

Wenn solche Leute älter werden, dann haben sie mehr als andere Angst vor ihrem Verfallsdatum. Durch all das, womit sie bislang ihren Selbstwert definierten, können sie bald nicht mehr punkten. Es mangelt ihnen an Gesprächspartnern, mit denen sie über ihre innere Unruhe sprechen können. Zudem gibt eine ganze Reihe weiterer Faktoren. Die meisten, die bei mir Rat suchen, leiden an einem Informationsüberfluss. Sie kommen mit der Bitte: „Helfen Sie mir, dass ich all die Infos filtern kann.“ Häufig suchen sie nach Authentizität, denn sie entfremden sich immer mehr zwischen Beruf und Familie. Das hat damit zu tun, dass sie mit dem riesigen beruflichen Druck nicht mehr klarkommen und gleichzeitig die Erwartungen der Familie nicht mehr einlösen können. Haben Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit ein gewisses Mass erreicht, so braucht es bisweilen nur noch familiäre Probleme und der Suizid wird zum alleinigen Ausweg.

Woher nehmen Sie diese Gewissheiten?

Ich habe jede Woche Führungskräfte auf der Couch. Komischerweise spült ihnen die digitale Revolution den Boden unter den Füssen weg. Sie spüren, sie müssen den Leuten Mut machen, sind aber als Vermittler selbst mit Ängsten konfrontiert, verschweigen diese aber. Wegen des rasanten Wandels stossen sie auch schneller an ihre Grenzen, als noch vor 10 Jahren.

Und warum kommen solche Menschen zu Ihnen?

Weil sie nicht wissen, mit wem sie sprechen sollen. Gerade die ältere Generation verkraftet die Geschwindigkeit, die die Digitalisierung mit sich bringt, nicht. Ihre Denkweise ist mit der analogen Gesellschaft verbunden. Die Jungen wiederum haben bessere Chancen. Es bräuchte einfach mehr Zeit, um Dinge zu verkraften. Doch diese Zeit wird den Menschen nicht mehr gewährt.

Wozu raten Sie denn?

Meine Forderung an die Gesellschaft ist immer dieselbe. Ich halte es wie Pestalozzi: Wir können die Menschen nur soweit verändern, soweit wir ihnen Wertschätzung und Achtung entgegenbringen. Wir müssen uns zudem immer die Frage stellen: Arbeite ich , damit ich wertvoll bin, oder arbeite ich, weil ich wertvoll bin. Und wer sagt mir aufrichtig, dass ich wertvoll bin und warum ich wertvoll bin. Erst wenn diese Frage beantwortet ist, werden wir zu Führungskräften, die Zuversicht vermitteln können.