Wirtschaft

Mafia-Methoden am Paradeplatz? Die CS muss sich dringend erklären!

Die Protagonisten des Wirtschaftskrimis: Iqbal Khan, Tidjane Thiam, Urs Rohner.

Die Protagonisten des Wirtschaftskrimis: Iqbal Khan, Tidjane Thiam, Urs Rohner.

Die Credit Suisse soll ihren Star-Banker Iqbal Khan beschattet haben. Von einer Verfolgungsjagd mitten durch Zürich, einem tätowierten Türsteher-Typen und Todesangst ist die Rede. Wer gab den Detektiven den Auftrag? Welche Rollen spielen CS-Chef Tidjane Thiam und CS-Präsident Urs Rohner? Die Grossbank wiegelt ab. Sie müsste sich jetzt aber dringend erklären.

In einer Bank ist nichts so wichtig wie Vertrauen, Seriosität und Glaubwürdigkeit. Darum sind die Storys über den Beschattungsskandal bei der Credit Suisse Gift für deren Image. Und man wundert sich: Warum sagt die Bank nichts zu den unglaublich anmutenden Vorgängen? Am Montagnachmittag erhielten die CS-Mitarbeiter bloss folgende magere Information auf dem Intranet, unterschrieben von CEO Tidjane Thiam und Verwaltungsratspräsident Urs Rohner:

Was ist passiert? Iqbal Khan, der erst 43-jährige frühere Credit-Suisse-Manager und neue Hoffnungsträger der UBS, hat bei der Zürcher Oberstaatsanwaltschaft eine Strafanzeige wegen Nötigung eingereicht. Khan und seine Ehefrau sollen gemäss Medienberichten - als erstes berichtete "Inside Paradeplatz" - vergangene Woche beim Einkaufen in der Stadt Zürich von einem Auto verfolgt worden sein. Als Khan im Zentrum der Stadt seinen Wagen stoppte, um seine Verfolger zur Rede zu stellen, kam es zu einem Handgemenge. Die Verfolger, darunter ein «tätowierter Schlägertyp», haben versucht, Khan das Handy zu entreissen. Denn dieser hatte seine Verfolger nach dem Aussteigen fotografiert. Als Passanten auf den Streit aufmerksam wurden, ergriffen die Verfolger die Flucht.

Nach Informationen von CH Media führten nicht Khans Fotos zur Verhaftung der Detektive, sondern die Autonummer des Verfolgungswagens. Bei diesem hat es sich um ein Mietauto gehandelt, dessen Mieter schnell ausgemacht waren.

Vertrauter von Khan: "Er hatte Angst um seine Familie"

Wie ein Vertrauter von Khan, der mit ihm kurz nach dem Vorfall telefonierte, gegenüber der CH-Media-Redaktion ausführt, habe Khan «grosse Angst» gehabt. «Er wirkte total aufgeregt und aufgewühlt - ausgerechnet er, der sonst immer so cool ist. Er hatte Angst um seine Familie.» Denn der 43-Jährige war mit dem Auto nicht geschäftlich, sondern in privater Mission unterwegs. Er hatte seinen sechsjährigen Sohn ins Fussballtraining in Herrliberg ZH gebracht und war dann gemeinsam mit seiner Frau ins Zürcher Stadtzentrum gefahren. Khans Frau wurde Zeugin der ganzen Vorfälle.

Wer hat die Detektive auf Khan angesetzt? Nach Informationen der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» war es die Credit Suisse, bei der Kahn noch angestellt ist, bis er Anfang Oktober zur UBS wechselt. Die CS werfe ihrem früheren Konzernleitungsmitglied vor, einige Führungskräfte seines Noch-Arbeitgebers angesprochen zu haben mit dem Ziel, sie zur UBS zu locken. Man habe laut FAZ «klare Hinweise auf handfeste Abwerbeversuche». Das hat der CS offenbar gereicht, um die Schnüffel-Aktionen zu starten. Man wollte Khan wohl beim Treffen mit CS-Kundenberatern ertappen. Solche Treffen könnten allenfalls gegen die Austrittsvereinbarung verstossen, welche Khan mit CS-Verwaltungsratspräsident Urs Rohner Ende Juni ausgehandelt hat.

Ungewöhnlich ist, dass Khan nach nur drei Monaten bereits zum Erzrivalen wechseln darf - und dass er kein Konkurrenzverbot hat. Das lässt Spekulationen ins Kraut schiessen: Warum kam Rohner dem abtrünnigen Khan derart entgegen? Weiss Khan etwas, das für die CS gefährlich ist, war er also in einer derart starken Verhandlungsposition, dass ihm Rohner, um einen Eklat zu verhindern, weit entgegengekommen ist? Auch dazu sagt die CS bislang nichts.

UBS: "Das ist eine Sache der CS"

Grosses Schweigen auch bei der UBS. Ob ihr künftiger Hoffnungsträger beim alten Arbeitgeber Mitarbeiter oder Kunden anwirbt, dazu gibts keine Auskunft. Ein hochrangiger UBS-Vertreter betont in einem Hintergrundgespräch einzig, man sei «gelassen»: "Das ist eine Sache der CS. Uns ist nicht bekannt, dass Herr Khan sich nicht angemessen verhalten hätte."

Die Mafia-Methoden werfen verschiedene Fragen auf, zu denen die Credit Suisse dringend Antworten geben müsste - sonst droht ihr ein Reputationsschaden:

  1. Ist Khans Beschattung tatsächlich von der Credit Suisse angeordnet worden? Wer hat den Auftrag dafür erteilt? Inwieweit waren auch das oberste Management und der Verwaltungsrat informiert?
  2. Falls tatsächlich die CS den Schnüffel-Auftrag gab: Warum wurde er so dilettantisch ausgeführt? Dass eine Bank die Einhaltung einer Vereinbarung überprüfen lässt, nötigenfalls mit Detektiven, ist nicht unüblich. Wohl aber die absolut dilettantische Ausführung. Was lief hier schief?
  3. Warum liess es die Credit Suisse zu, dass Khan nur drei Monate nach seinem Ausscheiden beim Erzrivalen UBS anheuern konnte? Hat Khan ein Druckmittel gegen seine früheren Chefs in der Hand?
  4. Warum hat Khan bereits davor auf private Kosten Personenschutz beansprucht, diesen aber einige Tage vor dem Zürcher Vorfall wieder abbestellt?

Je länger die Credit Suisse dazu schweigt, umso mehr wirkt es wie eine Bestätigung der skandalösen Schilderung, die bislang aus Khans Umfeld in den Medien gestreut wurden - auch wenn es im Intranet wage heisst, die Vorgänge seien in den Medien «nicht akkurat» beschrieben gewesen. Recherchen von CH Media zeigen: Urs Rohner möchte möglichst bald eine konkrete öffentliche Erklärung. Für weniger dringlich halten das Tidjane Thiam und der ihm treu ergebene oberste Kommunikationschef Adam Gishen – die allerdings wenig von der betulichen Schweizer Kultur verstehen und den Skandal am Ganzen auch nicht erkennen.

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