Postauto-Affäre

Lückenhafter Post-Bericht: Ex-Finanzchef Koradi warnte Post-Präsident Urs Schwaller

Ein E-Mail, das die Rolle von Koradi in einem anderen Licht zeigt, wurde im Untersuchungsbericht nicht verwendet.

Ein E-Mail, das die Rolle von Koradi in einem anderen Licht zeigt, wurde im Untersuchungsbericht nicht verwendet.

Für den Untersuchungsbericht wurden über 2 Millionen E-Mails und Dokumente ausgewertet. Ein E-Mail, das die Rolle von Koradi in einem anderen Licht zeigt, wurde nicht verwendet. Das Dokument belegt, dass sich der Ex-Finanzchef beim Bundesamt für Verkehr absichern wollte.

In der Postauto-Affäre liegt noch vieles im Dunkeln. Vor zwei Wochen wurden ein Untersuchungsbericht und ein darauf basierendes Expertengutachten veröffentlicht. Der Untersuchungsbericht, der von der Kanzlei Kellerhals Carrard erstellt wurde, basiert im Wesentlichen auf der Auswertung von über 2 Millionen Dokumenten und E-Mails, die im Postkonzern verschickt wurden.

Bei der Durchforstung kamen spezielle Datenanalysewerkzeuge zum Einsatz. Einige so herausgefischte E-Mails wurden im Untersuchungsbericht veröffentlicht. Persönliche Befragungen der betroffenen Personen konnten aufgrund einer Verfügung der Bundespolizei Fedpol nicht durchgeführt werden. Im Bericht selbst wird auf diese Einschränkung hingewiesen. Die Berichte wurden nicht vollständig veröffentlicht: Rund 100 Seiten bleiben unter Verschluss.

Die Untersuchungen decken einen Zeitraum zwischen 2006 und 2016 ab und beleuchten, wie Gewinne aus dem subventionsberechtigten Postauto-Betrieb herausgebucht wurden. Durch die Gewinnverschiebung flossen Mittel in andere Bereiche von Postauto, unter anderem für die Finanzierung und den Aufbau von neuen Dienstleistungen.

Im Postauto-Bereich etablierte sich so über Jahre eine Buchungspraxis, bei der Gewinne aus dem konzessionierten Busbetrieb systematisch kleingerechnet wurden. Die Postauto-Manager beschränkten sich dabei nicht nur darauf, innerhalb des rechtlichen Rahmens alle Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern griffen zu mutmasslich illegalen Mitteln, indem sie insgesamt 200'000 fiktive Buchungen ausführten. So entstand über zehn Jahre ein Schaden von rund 100 Millionen Franken.

Im Jahr 2013 stand die Neustrukturierung des Postauto-Bereichs an, im Zuge derer auch die Buchungspraxis angepasst wurde. Pascal Koradi, der zwischen März 2012 und 2016 Finanzchef des Post-Konzerns war, begleitete dieses Projekt, das betriebsintern «Impresa» genannt wurde.

In einem E-Mail vom 2. Juni 2013 erwähnte Koradi die Risiken des damals eingesetzten Accountingsystems. Es stelle ein «erhebliches Reputationsrisiko» dar, schrieb er seinem Kollegen von PostAuto. Die Veröffentlichung dieses E-Mails, in dem er auch davor warnte, den Ausdruck «Creative Accounting» zu nutzen, sollte später für Koradi zum Verhängnis werden. Es stellt ihn in Zusammenhang mit der mutmasslich illegalen Buchungspraxis in der PostAuto-Tochter.

Koradis Rechte verletzt?

Koradi sagt heute, dass er diesen Prozess konstruktiv, aber kritisch begleitet habe. Er habe früh auf die konzeptionellen Mängel der gewählten Variante hingewiesen und darauf gepocht, beim Bundesamt für Verkehr ein sogenanntes Ruling einzuholen.

Dabei handelt es sich um einen offiziellen Bescheid einer Behörde, wonach ein gewähltes Vorgehen rechtens ist. In einem E-Mail an Koradi vom 14. März 2014 bestätigte der Finanzchef von PostAuto, dass er (Koradi) ein Einholen einer schriftlichen und verbindlichen Stellungnahme des BAV fordere.

Und dass Koradi die bisherige Absicht von PostAuto, das BAV nur zu informieren, nicht als zielführend erachte. Aus dem Mail geht auch hervor, dass für Koradi die Stellungnahme des BAV von zentraler Bedeutung sei und dass bei einem negativen Bescheid des Regulators das Projekt infrage gestellt sei. Dieses E-Mail jedoch wird im Untersuchungsbericht nicht erwähnt.

Dass dieser Sachverhalt nicht in den Untersuchungsbericht einfloss, stellt die Aufarbeitung des Postauto-Skandals in ein schiefes Licht. In einem Schreiben an den Post-Präsident Urs Schwaller warnte Koradi vor einer Veröffentlichung des Untersuchungsberichts und des Expertengutachtens, da die Berichte in dieser Form eine Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte darstellten.

Dem könne nur entgegengewirkt werden, wenn er die Gelegenheit bekäme, seine Sicht der Dinge in den Bericht einfliessen zu lassen. Diese Gelegenheit bekam Koradi nicht.

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