Rund 12 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung wird in der City of London, dem Bankenviertel der britischen Hauptstadt, erarbeitet. Die Finanzbranche liefert dem Vereinigten Königreich Steuern im hohen zweistelligen Milliardenbereich ab. Was die Londoner Banker zu sagen haben, findet deshalb bei den Regierenden an der Downing Street 10 normalerweise Gehör.

Nun hat sich ein Zusammenschluss verschiedener Vertreter des Bankensektors bereitgemacht, Premierministerin Theresa May seine Vorstellung eines Post-Brexit-Arrangements mit der Europäischen Union zu unterbreiten. Der Gruppe rund um die Vorsitzende der Santander Bank und ehemaligen Wirtschaftsministerin Shriti Vadera schwebt dabei ein verbessertes Modell Schweiz vor, wie die «Financial Times» berichtet.

Demnach hätten die Londoner Banker die Hoffnung auf den vollen Zugang zum EU-Binnenmarkt, beispielsweise im Rahmen des Europäischen Wirtschaftsraumes (EWR), bereits aufgegeben. Diese Option sei nach Ansicht der Banker sowohl «politisch wie praktisch» kaum umsetzbar. Stattdessen sollen verschiedene massgeschneiderte Verträge zwischen London und der EU den wechselseitigen Zugang sichern.

Mehr möglich als mit der Schweiz

«Beide Seiten haben ein Interesse daran, dies möglich zu machen. Kein EU-Mitgliedsland möchte vom grössten europäischen Finanzplatz abgeschnitten werden, speziell in einer Zeit, wo alle dringend auf wirtschaftliches Wachstum angewiesen sind», sagte dazu Anthony Browne, der Vorsitzende der britischen Bankenvereinigung.

Möglich machen soll es das sogenannte «Passporting-Verfahren». Schweizer Finanzdienstleister haben beispielsweise im Bereich der Lebensversicherungen vollen Zugang zum EU-Binnenmarkt. Bedingung ist, dass sie sich weitgehend der EU-Regulierung unterstellen.

Die britischen Finanz-Lobbyisten sind sich sicher, dass für Grossbritannien aufgrund seiner Funktion als Finanzdrehscheibe und als wichtiger EU-Exportmarkt noch mehr drinliegt als für die Schweiz. Sie möchten so eine Lösung mit bilateralen Verträge am liebsten für sämtliche Finanzbereiche finden. Anfang September wollen sie ihren Vorschlag der Brexit-Arbeitsgruppe, der Premierministerin May vorsitzt, offiziell unterbreiten.

Angst vor Ende des Binnenmarkts

Dass sich Grossbritannien durchaus ein Set an Sonderregelungen aushandeln könnte, liess vor einigen Tagen Michael Roth, der deutsche Minister für europäische Angelegenheiten, durchblicken. London sei in seinem künftigen Verhältnis zur EU ein «Sonder-Status» zuzusichern, sagte Roth.

Allerdings betonte auch er, dass es keinen Binnenmarkt-Zugang ohne Personenfreizügigkeit geben könne. Selbst die Schweiz hat im Gegenzug für die Bilateralen bekanntlich der Personenfreizügigkeit zugestimmt, wie den Londoner Bankern bekannt sein dürfte.

Die grösste Angst in London ist, dass es nach dem Ende der britischen EU-Mitgliedschaft zu einer Zeit der Vertragsfreiheit und damit zum abrupten Ende des gemeinsamen Binnenmarktes kommen könnte. Dies hätte für die in London ansässigen Finanzunternehmen einschneidende Konsequenzen. Erschwerend kommt hinzu, dass neuen Verträgen mit Brüssel sämtliche der 27 EU-Staaten zustimmen müssten respektive ein einzelnes Land ein Übereinkommen verhindern könnte.

Brexit: Folgen für den Finanzplatz Schweiz

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Gerade Frankreich und Deutschland, deren Finanzzentren Paris und Frankfurt schon in den Startlöchern für eine Übernahme des britischen Geschäfts stehen, könnten London hier einen Strich durch die Rechnung machen.

Weiter sorgen sich einige in der City darum, dass ihre Anliegen sowohl beim britischen Brexit-Minister David Davis wie auch bei seinem Brüsseler Gegenpart Michel Barnier auf wenig Verständnis stossen könnten. Beide sind nicht als grosse Freunde des Finanz- und Bankenplatzes bekannt.