Flughafen-Pläne
London plant neuen Mega-Flughafen an der Themse

Europas grösster Flughafen Heathrow platzt aus allen Nähten. Nun plant London einen Mega-Airport – auf einer künstlichen Insel mit 6 Start- und Landebahnen. Dieser soll 80 Kilometer östlich von London gebaut werden. Kostenpunkt: 65 Milliarden Pfund.

Matthias Niklowitz
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Die neusten Pläne des Mega-Flughafen in London
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Der neue Mega-Flughafen in London soll auf der Themse zu liegen kommen
So grün soll es in den Terminals des «London Britannia Airport» werden
«London Britannia Airport» 80 Kilometer östlich vom Stadtzentrum Londons

Die neusten Pläne des Mega-Flughafen in London

Gensler/ho

«Hier spricht der Kapitän, willkommen an Bord. Wir rollen jetzt zur Startpiste, wir müssen uns allerdings noch etwas gedulden, denn wir sind nur die Nummer 25 für den Start.»

An solche Durchsagen haben sich die 70 Millionen Passagiere des grössten Londoner Flughafens Heathrow längst gewöhnt.

Doch nun hat Grossbritannien am Montag seine Pläne für einen neuen Mega-Flughafen im Raum London vorangetrieben.

1. Atlanta 92'365'000 Passagiere im Jahr, 950'000 Flugbewegungen im Jahr
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2. Peking 77'403'000 Passagiere im Jahr, 518'000 Flugbewegungen im Jahr
3. London Heathrow 69'434'000 Passagiere im Jahr, 500'000 Flugbewegungen im Jahr
4. Chicago 66'561'000 Passagiere im Jahr, 883'000 Flugbewegungen im Jahr
5. Tokio 62'263'000 Passagiere im Jahr, 343'000 Flugbewegungen im Jahr
6. Los Angeles 61'860'000 Passagiere im Jahr, 600'000 Flugbewegungen im Jahr
7. Paris Charles de Gaulle 61'000'000 Passagiere im Jahr, 500'000 Flugbewegungen im Jahr
8. Dallas 57'806'000 Passagiere im Jahr, 656'000 Flugbewegungen im Jahr
9. Dubai 57'685'000 Passagiere im Jahr, 293'000 Flugbewegungen im Jahr
10. Frankfurt 56'436'000 Passagiere im Jahr, 487'000 Flugbewegungen im Jahr

1. Atlanta 92'365'000 Passagiere im Jahr, 950'000 Flugbewegungen im Jahr

Keystone

Die von Bürgermeister Boris Johnson eingesetzte Kommission schlug am Montag den Bau des London Britannia Airport mit sechs Start- und Landebahnen vor.

Der Flughafen könnte innerhalb von sieben Jahren auf einer künstlichen Insel in der Themse vor der Isle of Sheppey fertiggestellt werden. Er würde damit etwa 80 Kilometer östlich des Londoner Stadtzentrums liegen.

Konkurrenten mit mehr Pisten

Heathrow, Europas grösster Flughafen platzt aus allen Nähten. Er wickelt den ganzen Verkehr über seine beiden Parallelpisten ab. 1370 Abflüge und Landungen schluckt Heathrow täglich, gegen 500'000 in einem Jahr. Die Kapazitäten gelten damit mit bis zu 99 Prozent als ausgeschöpft.

Flugzeuge werden in den kürzest möglichen Abständen hintereinander gestaffelt, um sie so rasch wie möglich auf den Boden zu bringen.

Andere Flughäfen in Europa sind hinsichtlich der Pisten besser ausgestattet. Paris Charles de Gaulle etwa, mit 61,6 Millionen Passagieren im letzten Jahr die Nummer 2 in Europa, hat vier Parallelpisten.

Der Flughafen, der vor 39 Jahren auf der grünen Wiese eröffnet worden war, gilt indes bei Passagieren als Gepäckfalle: Es gibt praktisch keine Transitzonen.

Umsteigende Passagiere müssen teilweise mit langen Busfahrten zu anderen Terminals reisen und dann nochmal Sicherheitskontrollen über sich ergehen lassen.

Am schlimmsten ist die Anbindung der Air-France-Flüge aus Städten wie Zürich. Die landen weitab vom Hauptgebäude auf dem kleinen Nebenterminal 2G. Das Transitgepäck bleibt oft zurück.

Frankfurt, mit über 57 Millionen Passagieren die Nummer drei in Europa, hat seit zwei Jahren ebenfalls vier Pisten, die teilweise unabhängig voneinander betrieben werden können.

Hier sind die meisten Terminals untereinander verbunden, womit auch knappe Anschlussflüge erreicht werden können.

Bauliche Massnahmen wie die Inbetriebnahme des A-Plus-Terminals haben die Situation verbessert.

Unter den ganz grossen europäischen Drehkreuzen hat Amsterdam-Schipol mit sechs Pisten und gut untereinander verbundenen Terminals den besten Ruf. Zwei neue Pisten haben die Situation etwas entspannt.

Passagiere kommen indes immer noch, wie auch bei den anderen europäischen Grossflughäfen, in den Genuss viertelstündiger «Flughafenrundfahrten», wenn man von oder zu einer abgelegenen Piste rollt.

Lernen von den anderen

In London will man jetzt mit einem grossen Wurf von den Fehlern anderer Flughafen-Neubauten der letzten Jahre lernen. In und um London herum gibt es eine Reihe anderer Flughäfen wie Gatwick, Luton, Stansted und den City-Airport.

Gatwick, mit 33 Millionen Passagieren die Nummer 2 in London und ein Viertel grösser als Zürich, weist jedoch nur eine einzige Start- und Landebahn auf.

Luton und Stansted sind bei Billigfliegern beliebt, aber weitab der Stadt.

Und der City-Airport, der bei Geschäftsreisenden beliebt ist und ein Anflugerlebnis wie auf einen Flugzeugträger bietet, operiert ebenfalls hart an der Kapazitätsgrenze.

Damit scheiden Ausbauten von anderen Flughäfen aus, zumal man in London gesehen hat, dass der Ausbau des Berliner Flughafens Schönefeld ebenfalls keine reibungslose Angelegenheit ist.

Auch ein Bau einer dritten Bahn in Heathrow gilt als schwierig. Ein solcher Bau wird zwar seit Jahren gefordert, auch um die relativ neuen Terminals 4 und 5 weiter betreiben zu können. Allerdings würden so oder so ganze Dörfer abgerissen werden müssen. Das sind Szenarien mit jahrelangen Streitereien vor Gerichten.

Auf der grünen Wiese

Die attraktivsten Varianten für Neubauten auf der grünen Wiese sind deshalb Pisten in Meeresnähe. So können An- und Abflüge weitgehend über Wasser erfolgen, wie beispielsweise auf den Flughäfen von San Francisco oder New York-Kennedy.

Der neue Flughafen von Hongkong wurde auf einer aufgeschütteten Insel im Meer erstellt. Gemäss den jüngsten Plänen für London, die von vier bis sechs Pisten ausgehen, würde man den Neubau allerdings auf dem Land erstellen.

Die Blaupause wäre dann am ehesten der Münchner Flughafen, der als weitherum architektonisch und funktional geglückt gilt.

In München gab es auch kaum Pannen beim Umzug und der Eröffnung vor 21 Jahren. Allerdings gilt die Anbindung per Zug in die Stadt als unzureichend und es gibt auch hier Probleme mit dem Ausbau. Geplant ist eine dritte Bahn.

Kosten: 65 Milliarden Pfund

In London rechnet man für einen Neubau mit Kosten von 65 Milliarden Pfund. Erfahrungsgemäss muss dazu ein Multiplikator für die Baukostenüberschreitungen gesetzt werden.

Hinzu kommen weitere Kleinigkeiten wie Schnellbahnen in die Innenstadt, die bei einer 80-Kilometer-Distanz ebenfalls mit Milliardenrechnungen einher gehen.

Auch deshalb gibt es eine grosse Diskussion. Offen bleibt die Finanzierung. Ebenfalls offen ist der definitive Standort.

Und die Regierung will sich vor den Wahlen in zwei Jahren ebenfalls nicht festlegen. «Wir sind die Nummer 33 für den Start», wird deshalb weiterhin die meistgehörte Begrüssung durch den Flugkapitän bleiben.

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