Expertentipps

Lohnt es sich, jetzt in Aktien zu investieren?

Ein Händler in Peking blickt auf die Notierungen der Börse Schanghai. Die Angst vor einer Konjunkturabkühlung Chinas schickte auch die Börsen im Westen auf Talfahrt.

Ein Händler in Peking blickt auf die Notierungen der Börse Schanghai. Die Angst vor einer Konjunkturabkühlung Chinas schickte auch die Börsen im Westen auf Talfahrt.

Die Turbulenzen an den Börsen in Fernost sorgen für irritierte Anleger - und das weltweit. Was raten die Anlageprofis? Wir haben einige dieser Experten gefragt.

Das Sparkonto wirft nichts mehr ab, kaum besser rentieren Obligationen. Die Anleger warten darauf, dass die Zinsen endlich wieder steigen. Doch heisst das nicht nur bessere Erträge: Bereits gekaufte Obligationen verlieren mit steigendem Zins an Wert und auch die Aktienmärkte leiden üblicherweise darunter. Als wären diese Unwägbarkeiten nicht genug, verunsichert nun China seit Wochen die Märkte.

Der Einbruch der Börse Schanghai schürte die Sorgen um eine Abkühlung der chinesischen Wirtschaft und löste die Abwertung der Währung, des Renminbi, durch die chinesische Zentralbank aus. Dies schwächt nicht nur die Nachfrage der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt nach Produkten aus dem Ausland. Es macht chinesische Güter auch attraktiver – doppelt schlechte Nachrichten für den Rest der Welt. Kein Wunder also, dass die Börsen weltweit litten.

Was raten Anlageprofis? Die «Nordwestschweiz» hat Experten gefragt. Anja Hochberg, Anlagechefin der Credit Suisse für die Schweiz und Europa, Christian Gattiker, Chefstratege bei Julius Bär, und Daniel Kalt, Chefökonom von UBS Schweiz, gaben Auskunft.

1. Durch das billige Geld der Notenbanken haben sich Aktien in den letzten Jahren verteuert. Lohnt sich der Einstieg noch?

Christian Gattiker: Dabeisein ist alles im Aktienmarkt – weniger Ein- und Ausstiegszeitpunkt. Die Höchst- und Tiefstpunkte treffen die wenigsten. Derzeit scheinen Aktien europäischer Unternehmen, die auf die Binnenwirtschaft zielen, am attraktivsten. Die Konsumenten haben dank tieferer Ölpreise wieder mehr Geld in der Tasche.

Anja Hochberg: Aktien sind nicht mehr so günstig, aber dem steht ein Konjunkturausblick mit steigenden Unternehmensgewinnen gegenüber. Wegen der möglichen Zinserhöhung der USA würden wir die Aktienquote aber nicht erhöhen. Unsere Schwerpunkte sind die Eurozone und die Schweiz.

Daniel Kalt: Aktien sind leicht höher bewertet als im historischen Durchschnitt. Im Verhältnis zu den Unternehmensgewinnen sind sie indes nicht exzessiv teuer. Wer jetzt einsteigt, kommt sicher eher spät zur Party. Wir raten daher, schrittweise und über die Zeit vorzugehen. Derzeit bevorzugen wir europäische und japanische Aktien, weil diese Märkte von der Abwertung ihrer Währungen profitieren.

2. Wo sehen Sie den Schweizer Aktienindex SMI Ende Jahr?

Gattiker: Auf 9400 Punkten – was einer Gesamtrendite von sechs bis sieben Prozent fürs Jahr entspräche.

Hochberg: Wir erwarten ein Plus von 10 Prozent für Ende Jahr.

Kalt: Trotz anhaltender Schwankungen halten wir für das Gesamtjahr eine Gesamtrendite im tiefen einstelligen Prozentbereich für möglich. Angesichts des Währungsschocks gleich zu Beginn des Jahres, wäre das erfreulich.

3. Welche Chancen eröffnen sich in den aufstrebenden Märkten, also Schwellenländern in Asien, Südamerika, aber auch in Osteuropa?

Gattiker: Da warten wir, bis sich der Staub nach den jüngsten Wirren gesetzt hat. Einzig in China sehen wir vereinzelt Chancen, vor allem bei chinesischen Unternehmen, die an der Börse Hongkong gehandelt werden.

Hochberg: Die Korrektur in den Schwellenländern hat zwar die Bewertung auf attraktive Niveaus gesenkt, wir bleiben aber wegen der eher schwachen Konjunktursignale der Region vorsichtig. China, Russland und Polen dürften die meisten Chancen bieten.

Kalt: Über die nächsten sechs Monate sehen wir geringe Chancen, dass die Schwellenländer den globalen Aktienmarkt übertreffen. Schwellenländeraktien sind daher in den UBS-Mandatslösungen seit einiger Zeit untergewichtet. Einen neuerlichen Einstieg werden wir erst ins Auge fassen, wenn in grossen Ländern wie Brasilien, Russland oder auch China nach der derzeitigen Abwärtsdynamik wieder ein wirtschaftlicher Aufwärtstrend absehbar ist.

4. Welchen Effekt erwarten Sie von den Problemen in China auf die Börsen bzw. die Weltwirtschaft? Ist die Korrektur der Börse Schanghai eine Chance, um dort einzusteigen oder ein Warnsignal?

Gattiker: China ist weniger von seinem Aktienmarkt als vom realwirtschaftlichen Nachfragewachstum her ein Risiko, sollte die jüngste Schwäche sich noch verschärfen. Dann bliebe der Weltwirtschaft einzig noch die USA mit einem namhaften Wachstumsbeitrag im 2015 übrig.

Hochberg: Die jüngste Korrektur am chinesischen Markt gibt den Kursen wieder Potenzial nach oben. Wir gehen davon aus, dass die aktuelle Wachstumsschwäche mit geldpolitischen und staatlichen Massnahmen bekämpft wird und erwarten von diesem Markt daher, dass er aufholt und überdurchschnittlich abschneidet. Kurzfristig kann die Korrektur aber anhalten.

Kalt: Um das Risiko einer sich beschleunigenden Kapitalflucht einzudämmen, dürfte die chinesische Zentralbank einer anhaltenden Abwertung entgegenwirken und eher für eine Stabilisierung im Währungsgefüge sorgen. Zudem wirken die weiter sinkenden Öl- und Rohstoffpreise positiv auf die Weltwirtschaft. Zwar führen sie in einzelnen Sektoren und Ländern zu Verlierern, insgesamt erhöhen sie jedoch vielerorts die Kaufkraft der Konsumenten.

5. Wie kann man sich gegen Währungsschwankungen absichern?

Gattiker: Nur zu übermässig hohen Kosten – jedenfalls wenn es um hochrentierende Währungen geht wie in den meisten Schwellenländern.

Hochberg: Auf der Obligationenseite empfehlen wir, die Währung abzusichern. Aktien – besonders von Exporteuren – profitieren zum Teil sehr stark von einer schwächeren Währung, etwa der deutsche Aktienindex DAX. Hier muss fallweise entschieden werden.

Kalt: Für Schweizer Anleger, die ihr Portfolio international diversifizieren möchten, bieten inzwischen viele UBS-Anlagelösungen eine Variante, in der die Währungsabsicherung direkt mit eingebaut ist. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Privatanleger es nicht goutieren, wenn die zum Teil attraktiven Renditen in ausländischen Märkten durch eine unverhoffte Abwertung bei den Währungen zunichtegemacht werden.

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