Die Schweiz schwächelt, Deutschlands Wirtschaft läuft es rund. Nur 3,7 Prozent sind arbeitslos – so wenige wie nie seit der Wiedervereinigung. In den ersten abgeschlossenen Lohnrunden gab es meist deutlich mehr als 2 Prozent. Der Schweizer Arbeitsmarkt hingegen wartet auf den Aufschwung. Zwar soll die Wirtschaft nächstes Jahr mit 2,2 Prozent kräftig wachsen. Doch die meisten Ökonomen sagen einen enttäuschenden Lohnherbst vorher.

Nun legt die Gewerkschaft Unia eine erste Zwischenbilanz vor. Präsidentin Vania Alleva stellt fest: «Mit Lohnzunahmen um die 1 Prozent liegen die bisherigen Abschlüsse leider unter unseren Forderungen und Erwartungen.» So würden Teuerung und steigende Krankenkassenprämien nicht abgedeckt. Was nichts anderes heisst als: viele Haushalte in der Schweiz werden sich nächstes Jahr für ihr Geld weniger kaufen können.

Ziemlich hoch eingestiegen

Am besten schneiden noch die Mitarbeiter von grossen Unternehmen ab. Beispiel Givaudan, weltweit grösster Hersteller von Aromen und Duftstoffen. Der Genfer Konzern zahlt all seinen Mitarbeitern generell 1,5 Prozent mehr. Oder Bierbrauer Feldschlösschen, der 1,2 Prozent mehr verteilt. Bei Lindt&Sprüngli, weltberühmter Schokoladenhersteller aus Zürich, haben die Gewerkschaften eine Lohn-Zunahme von 1 Prozent ausgehandelt.

Im Detailhandel erhalten die Mitarbeiter immerhin kleine Lohnerhöhungen. Trotz Einkaufstourismus und trotz boomendem Online-Handel. Bei Coop gibt es 1 Prozent mehr. Nicht für alle jedoch, sondern nach Leistung. Konkurrent Migros hält ebenfalls das Leistungsprinzip hoch. 0,5 bis 0,9 Prozent mehr Lohn wird je nach Leistung und Funktion ausbezahlt.

Die Gewerkschaften wollen mehr. Die Unia und der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordern zusammen ein Plus von 1,5 bis 2 Prozent. Für Frauen solle es noch mehr sein, um die Lohndiskriminierung abzubauen. Davon rückt Unia-Chefin Alleva nicht ab. «Die Arbeitgeber dürfen nicht den starken Franken und die Negativteuerung vorschieben. Sie nützen die Situation aus, um auch dieses Jahr die Zunahme der Wertschöpfung einseitig an die Eigner und Aktionäre auszubezahlen.»

Die Arbeitgeber kontern. Die Gewerkschaften seien mit ihren Lohnforderungen ziemlich hoch eingestiegen, sagt der Arbeitgeberverband. «Für Lohnmässigung spricht, dass viele Unternehmen noch unter den Nachwehen des Frankenschocks leiden. Sie müssen nun dringend benötigte Ersatzinvestitionen tätigen», sagt ein Sprecher. Dass die Arbeitgeber die Wertschöpfung einseitig zugunsten der Kapitaleigner verteilten, sei nachweislich falsch.

Die Auseinandersetzung ist hart. Ein Lichtblick findet sich dennoch bei den Coiffeuren und beim Reinigungspersonal. Zwar gibt es in beiden Branchen keine generellen Lohnerhöhungen. Aber die Mindestlöhne werden neu deutlich höher angesetzt. Gelernte Coiffeure erhalten im dritten bis fünften Dienstjahr neu mindestens 4000 Franken statt wie bisher 3800 Franken. Angelernte verdienen mindes- tens 3900 Franken, zuvor waren es 3420 Franken.

Einige Unternehmen bieten zusätzlich bessere Nebenleistungen an. Coop- Mitarbeiter zum Beispiel kriegen neu drei Wochen lang Vaterschaftsurlaub – nicht mehr nur eine Woche. Im Holzbau verlängert sich der Vaterschaftsurlaub von drei auf nun immerhin vier Tage. Givaudan zahlt ab nächstem Jahr 20 Franken mehr Beitrag an die Krankenkassen-Prämien. Und das Catering-Unternehmen der SBB, Elvetino, führt neu einen Adoptionsurlaub ein analog zum Vaterschaftsurlaub.

Tiefster Wert in 80 Jahren

Ein Lohnplus für 2017 von nominal 1 Prozent, wie es sich aus der Zwischenbilanz der Unia ergibt (siehe auch Tabelle oben), wäre zwar mehr als in den Vorjahren. 2015 waren es nur 0,4 Prozent, 2016 dann 0,7 Prozent. Doch in den Vorjahren schätzten Gewerkschaften und Arbeitgeber falsch ein, wie sich die Teuerung entwickeln würde. Sie rechneten mit einer positiven Teuerung, stattdessen gab es eine negative. So resultierten aus geringen nominalen Lohnzunahmen doch ansehnliche reale Steigerungen.

Dieses Jahr jedoch wird keine negative Teuerung den Arbeitnehmern helfen. Die Preise steigen, wenn auch moderat. Gemäss der Konjunkturforschungsstelle KOF werden es 0,4 Prozent sein. Von 1 Prozent nominaler Lohnzunahme blieben real nur 0,6 Prozent. Es könnte noch weniger werden. Die KOF rechnet nur mit 0,3 Prozent. Ein historischer Tiefstwert: In achtzig Jahren war nur ein einziges Jahr genauso schlecht.

Nach Abzug der Teuerung von 0,4 Prozent wären die Löhne real gar weniger wert. Real weniger Lohn, dabei nächstes Jahr ein kräftiges Wachstum von 2,2 Prozent. Den Gegensatz erklärt die KOF so: «Die Arbeitsmarktzahlen legen nahe, dass die Frankenaufwertung das Beschäftigungswachstum recht stark und über längere Zeit ausgebremst hat.» Der Arbeitsmarkt leidet noch unter dem Frankenschock.

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