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Lohn entzweit Gewerkschaften

Die Arbeitnehmer-Organisation Angestellte Schweiz verzichtet vorläufig auf Lohnforderungen. Das stösst den Gewerkschaften SGB und Unia sauer auf.

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Aargauer Zeitung

Sven Millischer

Arbeit muss etwas kosten Kommentar von Sven Millischer Der Verband Angestellte Schweiz bricht ein Tabu. Statt die nächste Lohnrunde einzuläuten, fordert der grösste Arbeitnehmer- Vertreter für Industrie und Chemie keine höheren Saläre für 2010. Im Gegenzug sollen die Unternehmen auf Entlassungen verzichten.  Dieser Kuhhandel kann nicht aufgehen. Erstens setzt Angestellte Schweiz mit der Nullrunde falsche Signale: Der Verband tut so, als ob ohne Stellenverlust durch die Krise kommt, wer den Gürtel enger schnallt. Folgt man dieser Logik, spricht auch nichts gegen Lohnkürzungen, wie sie zum Beispiel der Industriekonzern Rieter von seinen Mitarbeitern eingefordert hat. Die Aussicht auf den sicheren Job heiligt so jedes Mittel.  Zweitens war der Einbruch, je nach Branche, dermassen dramatisch, dass eine Nullrunde nicht vor Entlassung schützt. Denn längerfristig lässt sich bei Überkapazitäten der Personalbestand nicht künstlich aufrechterhalten. Bis die Auftragsbücher wieder so voll sind wie vor der Krise wird es Jahre dauern.  Und drittens bedeutet die faktische Nullrunde einen Verlust an Kaufkraft. Zwar wird in diesem Jahr die Teuerung negativ ausfallen, doch bereits 2010 zieht sie wieder an. Dann bleibt den Angestellten weniger Geld in der Lohntüte. Der Binnenkonsum als bisherige Stütze der Wirtschaft nimmt Schaden.  Der Verband Angestellte Schweiz erweist ihren Mitgliedern also einen Bärendienst, in vorauseilendem Gehorsam, Lohn gegen Arbeit auszuspielen.  sven.millischer@azag.ch

Arbeit muss etwas kosten Kommentar von Sven Millischer Der Verband Angestellte Schweiz bricht ein Tabu. Statt die nächste Lohnrunde einzuläuten, fordert der grösste Arbeitnehmer- Vertreter für Industrie und Chemie keine höheren Saläre für 2010. Im Gegenzug sollen die Unternehmen auf Entlassungen verzichten. Dieser Kuhhandel kann nicht aufgehen. Erstens setzt Angestellte Schweiz mit der Nullrunde falsche Signale: Der Verband tut so, als ob ohne Stellenverlust durch die Krise kommt, wer den Gürtel enger schnallt. Folgt man dieser Logik, spricht auch nichts gegen Lohnkürzungen, wie sie zum Beispiel der Industriekonzern Rieter von seinen Mitarbeitern eingefordert hat. Die Aussicht auf den sicheren Job heiligt so jedes Mittel. Zweitens war der Einbruch, je nach Branche, dermassen dramatisch, dass eine Nullrunde nicht vor Entlassung schützt. Denn längerfristig lässt sich bei Überkapazitäten der Personalbestand nicht künstlich aufrechterhalten. Bis die Auftragsbücher wieder so voll sind wie vor der Krise wird es Jahre dauern. Und drittens bedeutet die faktische Nullrunde einen Verlust an Kaufkraft. Zwar wird in diesem Jahr die Teuerung negativ ausfallen, doch bereits 2010 zieht sie wieder an. Dann bleibt den Angestellten weniger Geld in der Lohntüte. Der Binnenkonsum als bisherige Stütze der Wirtschaft nimmt Schaden. Der Verband Angestellte Schweiz erweist ihren Mitgliedern also einen Bärendienst, in vorauseilendem Gehorsam, Lohn gegen Arbeit auszuspielen. sven.millischer@azag.ch

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Die Lohnrunde wird dieses Jahr zur Nullrunde. Zumindest für jene Arbeitnehmer in einzelnen Betrieben, die sich durch Angestellte Schweiz vertreten lassen. Die Arbeitnehmer-Organisation mit rund 25 000 Mitgliedern ist stark in der Industrie und Chemie verankert. Beides exportorientierte Branchen, die von der weltweiten Rezession hart getroffen wurden.

Drohender Verlust der Kaufkraft

Vor der globalen Krise könne auch Angestellte Schweiz die Augen nicht verschliessen, sagt Präsident Benno Vogler: «Statt maximale Löhne fordern wir deshalb sichere Arbeitsplätze.» Je nach Betrieb sei auf Lohnerhöhungen vorläufig zu verzichten, bis der Aufschwung wieder in Fahrt komme.

Mit der Nullrunde nimmt Angestellte Schweiz kurzfristig auch Teuerungseinbussen in Kauf: «Der Erhalt von Stellen wiegt die paar Promille Kaufkraftverlust auf», sagt Geschäftsführer Stefan Studer.

Im Gegenzug zur einvernehmlichen Nullrunde sollen die Unternehmen, wenn immer möglich, auf Entlassungen verzichten. Konkrete Arbeitsplatzgarantien fordert Angestellte Schweiz von den Betrieben indes nicht. Vielmehr setzt man auf die Verlängerung der Kurzarbeit von 18 auf 24 Monate und flexible Arbeitszeitmodelle.

Schwierige Verhandlungsposition

Ruedi Christen vom Industrie-Verband Swissmem, der die Arbeitgeberseite vertritt, zeigt sich erfreut: «Wir begrüssen die Haltung von Angestellte Schweiz, nicht an der Lohnschraube zu drehen.»

Derweil sorgt der Verzicht auf Lohnforderungen bei den Gewerkschaften für rote Köpfe: Als absurd bezeichnet Hans Hartmann von der Unia den Entscheid. Beim Lohn gehe es um eine gerechte Verteilung der Produktivität. «Über eine Nullrunde federt man nicht den Nachfrage-Einbruch ab oder sichert Arbeitsplätze», sagt der Unia-Vertreter.

Vielmehr würden die realen Lohneinbusse die Krise verlängern, indem so der Binnenkonsum abgewürgt werde. Zudem schwäche Angestellte Schweiz die Position der Arbeitnehmer, ist Hartmann überzeugt: «Der Verzicht auf Lohnforderungen macht das Verhandeln mit den Arbeitergebern nun schwieriger.»

Auch Arno Kerst, Zentralsekretär bei der Gewerkschaft Syna, zeigt sich verwundert über den Verzicht und sagt harte Lohnrunden voraus: «Das Verhandeln wird für uns nicht einfacher.»

Als falsches Signal bezeichnet Ewald Ackermann vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB den vorschnellen Verzicht: «Man sollte zunächst Forderungen aufstellen und danach verhandeln.» Auch wenn vielleicht am Ende eine Nullrunde dabei herauskomme. Angestellte Schweiz habe dagegen, in vorauseilendem Gehorsam, ein Fait accompli geschaffen.

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