Die Bachelorette Adela Smajic macht es vor: Letzte Woche fuhr sie für ein paar Tage nach Serbien, um sich in der Hauptstadt Belgrad etwas «aufzufrischen», wie sie gegenüber dem «Blick» sagte. Der Stress der vergangenen Monate habe ihr zugesetzt, sie wolle sich ihre Falten wegmachen lassen. Ebenfalls auf dem Programm von Adela: Ein Termin, um sich die Lippen aufspritzen zu lassen. Dieser Eingriff steht seit Jahren auf dem Schönheitsprogramm der 25-Jährigen, ihre Follower können das Resultat davon auf ihren zahlreichen Insta- gram-Bildern bewundern.

Adela ist keine Ausnahme in der Schweiz. Die Zahl der Frauen, die sich die Lippen aufspritzen lassen, sei hierzulande in den letzten Jahren stark gewachsen. Das sagt die Schweizerische Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie. Besonders beliebt ist in der Schweiz das Aufspritzen der Lippen mit Hyaluron. Die Behandlung dauert rund 30 Minuten, wegen der guten Verträglichkeit des Stoffes sind die Risiken des Eingriffs klein. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, weil Lippenvergrösserungen mit Hyaluron nicht einzeln erfasst werden.

Der Trend sei aber klar auszumachen, so Claude Oppikofer von der Gesellschaft, der selber als Schönheits-Chirurge in einer Praxis arbeitet. «Frauen verbinden Weiblichkeit heute mit vollen Lippen», sagt er. Unter den Kundinnen seien viele junge Frauen. Sie wünschen sich Lippen wie ihre Vorbilder auf Instagram, manchmal bringen sie zu der Behandlung auch gleich ein Foto mit ihren Wunschlippen mit.

Die Zahl der Praxen und Kosmetikstudios, in denen Lippenvergrösserungen angeboten werden, ist gestiegen. Den jungen Kundinnen kommt entgegen, dass die Preise für eine Behandlung mit Hyaluron in den letzten Jahren gesunken sind. Grund dafür ist, dass neue Verfahren für die Gewinnung von Hyaluron entwickelt wurden. Je nach Anbieter ist eine Behandlung heute schon ab 200 Franken möglich. Auf Plattformen wie deindeal.ch werden zudem regelmässig Behandlungen zu noch günstigeren Preisen angeboten.

Swissmedic warnt mit Merkblatt

Nur: Nicht jeder, der Lippen aufspritzt, darf das auch. Bei Behandlungen, die in Kosmetikstudios und nicht in Arztpraxen stattfinden, ist für Kundinnen Vorsicht geboten. Denn laut der Schweizerischen Medizinprodukteverordnung dürfen Produkte wie Hyaluron, die länger als 30 Tage im Körper eines Menschen verbleiben, nur von Ärztinnen und Ärzten gespritzt werden.

Kosmetikerinnen und Kosmetiker dürfen die Produkte nur dann spritzen, wenn sie über eine Ausbildung als diplomierte Pflegefachperson mit entsprechender Weiterbildung im Bereich der Injektion langzeitverbleibender Produkte verfügen. Aber auch dann hat die Anwendung unter der Kontrolle und der Verantwortung eines Arztes zu erfolgen.

Was passieren kann, wenn eine Person ohne entsprechende Ausbildung Hyaluron in die Lippen spritzt, weiss Claude Oppikofer. Es komme ab und zu vor, dass Kundinnen mit verunstalteten Lippen bei ihm in der Praxis auftauchen. «Da habe ich manchmal wirklich das Gefühl, es waren Amateure am Werk».

Manchmal könne er etwas verbessern, etwa, wenn ungleichmässig gespritzt wurde und die Lippen deshalb schief aussehen. In anderen Fällen helfe nur abwarten. Etwa dann, wenn einfach zu viel gespritzt wurde. «Diese Zeit kann für die Frauen extrem belastend sein», betont Oppikofer. «Aber meistens kommen sie mit dem Schrecken davon.»

Swissmedic sah sich in diesem Sommer dazu veranlasst, eine aktualisierte Version des Merkblattes «Injizierbare Produkte zur Faltenbehandlung in Kosmetikstudios» zu veröffentlichen. In diese Sparte fallen auch Behandlungen der Lippen mit Hyaluron. «In letzter Zeit gab es vermehrt Hinweise, dass in Kosmetikstudios Faltenbehandlungen mit injizierbaren Produkten angeboten werden», so begründet Swissmedic in einer Einleitung das aktualisierte Merkblatt. Ausserdem habe Swissmedic regelmässig Anfragen von Kosmetikstudios erhalten, die sich nach der Rechtslage erkundigten.

Darüber, in wie vielen Fällen in der Schweiz gegen die Medizinprodukteverordnung verstossen wurde, könne Swissmedic keine Angaben machen, so die Behörde. Die Kantone seien dafür verantwortlich, dass die Verordnung eingehalten werde.

Kantone kennen Problematik

Eine Nachfrage dieser Zeitung bei den Kantonen ergibt zwar keine Zahl der Verstösse, zeigt aber: Das Problem, ist in der Mehrheit der angefragten Kantone bekannt. Im Aargau sind laut dem Kantonsarzt in den letzten Jahren mehrere Hinweise dazu eingegangen, dass von Personen, welche die rechtlichen Anforderungen nicht erfüllen, Hyaluron gespritzt wurde. Im Kanton Solothurn musste das Gesundheitsamt in diesem Jahr bei einem Kosmetikstudio intervenieren, das Hyaluronbehandlungen ins Angebot aufnehmen wollte, so der dortige Kantonsarzt. Ähnliche Fälle bestätigt der Kanton Zürich. Es gebe «zunehmend» Kosmetikstudios, in denen die Kosmetikerinnen selbst spritzten, ohne über eine entsprechende Ausbildung zu verfügen. Kosmetikstudios werden bei Gesetzesverstössen verwarnt, bei Wiederholung droht eine Strafanzeige.