Stevia

Lindt bietet erstmals Schokolade ohne Zucker an – Kritiker äussern Zweifel

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Lindt setzt erstmals auf Stevia statt auf Zucker. Kritiker äussern Zweifel, ob die Gesundheitsstrategie ein Erfolg wird.

Was wohl Forrest Gump von dieser Schokolade halten würde? Im gleichnamigen Film naschte Schauspieler Tom Hanks Pralinen von Russel Stover. Die Firma wurde 2014 vom Zürcher Konzern Lindt übernommen. Und nun lanciert Russel Stover erstmals Schokolade, die anstatt mit herkömmlichem Zucker mit dem Extrakt der Stevia-Pflanze gesüsst ist.

Laut dem Branchenportal «Confectionary News» ist Russel Stover in den USA schon heute der grösste Produzent von zuckerfreier Schokolade mit einem Jahresumsatz von 84 Millionen US-Dollar. Erstmals setzt sie nun aber den Zuckerersatz Stevia ein. Die Innovation präsentierte die US-Tochter kürzlich an der «Sweets & Snacks Expo 2017» in Chicago. Bei Lindt heisst es, man habe mehr als zwei Jahre lang an den neu- en Produkten getüftelt. Geschmacklich seien sie von der herkömmlichen Schokolade kaum zu unterscheiden. Noch dieses Jahr werden sie in den Regalen der US-Detailhändler stehen. Unter der Marke Lindt gebe es aktuell hingegen keine Stevia-Pläne.

Süsses Blatt aus Paraguay

Zu grosser Bekanntheit gelangte Stevia 2015, als der Getränkemulti Coca-Cola sein grünes, mit Stevia gesüsstes «Cola Life» auf den Markt brachte. Der Zuckerersatz stammt aus einer paraguayanischen Pflanze. Ihr Extrakt gilt in der Nahrungsmittelindustrie als Hoffnungsträger für die Ablöse des ungesunden Zuckers, da er über 300 Mal süsser ist, jedoch zahnschonend und praktisch kalorienfrei. Weltweit hat sich der Zuckerkonsum seit den 60er-Jahren verdreifacht. 2015 senkte die Weltgesundheitsorganisation WHO die als «unbedenklich» geltende Menge herab von 50 auf 25 Gramm pro Tag, also auf rund sechs Würfelzucker. Schweizer konsumieren jedoch mehr als das Fünffache.

Die Freiburger Fabrik Villars lancierte bereits 2009 eine dunkle Tafel mit Stevia. Der Zürcher Grosskonzern Barry Callebaut, der Firmen wie Hershey und Unilever mit Schokolade beliefert, wirbt in der Branche seit 2010 mit Stevia-Rezepturen. Bei Nestlé heisst es, man nutze Stevia zurzeit nicht bei den eigenen Schokoladenmarken wie Cailler, Smarties oder KitKat, aber man prüfe Optionen für zuckerfreie Schokolade. Eine Sprecherin der Migros-Tochter Chocolat Frey sagt, man sei überzeugt, dass zuckerfreie Schokolade ein Wachstumspotenzial aufweise. Stevia erfreue sich eines positiven Images und sei daher interessant. Allerding sei die technische und sensorische Umsetzung verhältnismässig schwierig. Aufgrund der viel stärkeren Süsskraft braucht es weniger Stevia als Zucker. Der Zucker kann mengenmässig also nicht eins zu eins ersetzt werden. Zur Kompensation werden Ballaststoffe wie Inulin oder Dextrin verwendet. Auch der Geschmack ist eine Herausforderung, da Stevia zum Teil einen bitteren, lakritzähnlichen Beigeschmack hat.

Nicht über alle Zweifel erhaben

Ähnlich sieht es Markus Vettiger, Chef der St. Galler Schokoladenfirma Maestrani, zu der Marken wie Minor und Munz gehören. Man erhalte regelmässig Anfragen für zuckerfreie Schokolade. Aber: «Zucker macht den einzigartigen Schmelz aus», sagt Vettiger. Zudem werde die Bezeichnung «natürliches Süssungsmittel» immer wieder in Zweifel gezogen, da der Herstellungsprozess des Stevia-Extrakts sehr aufwendig sei. Dennoch glaubt Vettiger, dass Stevia in Zukunft eine Rolle spielen werde.

Ein Branchenkenner, der nicht genannt werden will, ist pessimistischer: Er sieht in Stevia-Schokolade in erster Linie ein PR-Motiv, um der Schokolade einen gesunden Anstrich zu geben. Das Geschäft bleibe aber eine Nische: «Die Konsumenten wollen beim Essen von Schokolade Spass haben, und dazu gehört nun mal Zucker.» Das sei wie bei den Chips. «Ohne Salz und ohne Paprika wären es keine Chips.»

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