Beide reisen im 7-Uhr-Zug von Zürich nach Bern: Walter Bosch, Ex-Präsident des Verwaltungsrats (VR) des Krankenversicherers KPT, und der renommierte Strafverteidiger Lorenz Erni.

Beide haben das gleiche Ziel: Das Amthaus Bern in der Hodlerstrasse. Im Zimmer 220 muss sich Bosch den Fragen der Vorsitzenden des kantonalen Wirtschaftsstrafgerichts stellen.

Die Anklage lautet auf mehrfache qualifizierte ungetreue Geschäftsbesorgung. Die Lage muss ernst sein: Sonst wäre ein Staranwalt wie Erni nicht gefragt. Er vertritt aber nicht Bosch, sondern den zweiten Angeklagten, den früheren KPT-Vizepräsidenten Bernhard Liechti.

Beide Angeklagten haben die gleiche Strategie, wie die Befragung zeigen wird: Sie sehen sich als Opfer falscher Ratschläge von Juristen. Insbesondere von einem, von Rolf Jetzer. Befragt werden konnte der Partner der Kanzlei Niederer Kraft & Frey von der Staatsanwaltschaft nie: Das ehemalige Mitglied des KPT-VR ist im Herbst 2010 verstorben.

Der gestern in Bern eröffnete Prozess ist der letzte Akt im Krimi um Aktien der KPT Versicherungen AG: Boschs Vorgänger Roland Schaer hatte 2006 ein Beteiligungsprogramm an der für das private Zusatzversicherungsgeschäft zuständigen Gesellschaft lanciert.

Angestellte, darunter auch die Mitglieder der Geschäftsleitung (GL), des VR und der Delegiertenversammlung konnten Aktien für 30 bis 34 Franken erwerben. Bosch und Liechti kauften je 3050 Stück. Im Frühjahr 2010 beschloss eben genau dieser VR, die an 380 Personen abgegebenen, rund 91 000 Aktien für 600 Franken pro Stück zurückzukaufen. Nötig machte den Rückkauf eine geplante Fusion mit der Zürcher Sanitas Gruppe.

Millionengewinn geplant

Der Rückkauf hätte VR- und GL-Mitgliedern einen Gewinn in siebenstelliger Höhe beschert. Bosch und Liechti hätten laut Anklageschrift je auf einen Schlag 1,73 Millionen Franken eingestrichen.

Gemäss Mitarbeiterbeteiligungsreglement hätten aber pro Aktie nur 34,22 Franken bezahlt werden müssen. Bosch suggerierte während der Befragung durch die Gerichtsvorsitzende, er hätte sich voll auf Rolf Jetzer verlassen. Der habe stets betont, dass es nicht möglich sei, den Mitarbeitern einen anderen Preis zu bezahlen als denjenigen, der für die Fusion gezählt hätte – also eben rund 600 Franken.

Zudem sagte Bosch, die Finanzmarktaufsicht (Finma) habe ihn verheizt. Ob die Entscheide zulässig gewesen wären, hätte die Finma letztendlich entscheiden müssen: «Sie kannte alle Details. Ich weiss nicht, warum man uns daraus einen Strick zieht.» 2012 verbot die Finma Bosch und Liechti, während vier Jahren eine leitende Tätigkeit im Finanzbereich auszuüben.

Bosch lebt vom Vermögen

Der Versicherungsmanager Urs Berger unterlag im KPT-VR nach «heftigen Diskussionen» mit seinen Bedenken, wie sich aus der Befragung der beiden Angeklagten ergab. Bosch sagte: «Wenn man einen Entscheid für richtig hält, muss man auch Reputationsrisiken in Kauf nehmen.»

Der einstige Profi-VR Bosch legte offen, dass er wegen der KPT-Händel nur noch Mandate bei drei Firmen innehat, an denen er beteiligt ist. Inklusive AHV verdiene er monatlich rund 5000 Franken. Damit liessen sich seine jährlichen Ausgaben von 250 000 bis 300 000 Franken nicht decken. Liechti äusserte sich nicht zu seinem Einkommen.

Die Vermögensverhältnisse der beiden sähen deutlich anders aus, wären die Pläne von Bosch aufgegangen. Er schlug – «als Konzept» – für VR-Mitglieder «Besitzstandswahrungszahlungen» vor, die wegen der Fusion ihr Mandat verloren hätten.

Hinter dem Wortmonster versteckt sich laut Anklageschrift der Versuch, den ausscheidenden VR-Mitgliedern entgangene Honorare für die gesamte Wahlperiode zu bezahlen. Damit hätte Bosch fast zwei Millionen Franken mehr kassiert, als ihm vertraglich zugestanden wäre, steht in der Anklageschrift. Bei Liechti wären es 1,5 Millionen gewesen.

Es gilt die Unschuldsvermutung. Für die Angeklagten sind die Vorwürfe «haltlos», zum Teil gar «absurd». Am Freitag wird das Urteil verkündet.