Fleischskandal in Europa

Lebensmittelbranche droht eine Regulierung wie bei den Banken

Würde eine Nahrungsmittel-Regulierung massiv spüren: Der Nestlé-Konzern mit Hauptsitz in Vevey

Würde eine Nahrungsmittel-Regulierung massiv spüren: Der Nestlé-Konzern mit Hauptsitz in Vevey

Nach dem Pferdefleischskandal dürfte es der Lebensmittelbranche wie den Banken nach der Finanzkrise gehen: Firmen geloben, alles von sich aus zu verbessern. Und die Politik reagiert mit Regulierung.

Man kennt den Plot: Skandal, Bedauern, leere Versprechungen, das grosse Vergessen, der nächste Skandal ....

In den letzten Wochen machte die Lebensmittelbranche den Banken echte Konkurrenz auf den Titelseiten. Fast im gleichen Rhythmus wie die Pannen bei den Banken gab es mit Lebensmitteln Skandale: In China gab es 2008 einen riesigen Milchskandal, im Jahr zuvor gab es einen Tierfleischskandal in den USA und der britische Cadbury-Konzern schlug sich 2006 mit Salmonellen in sieben eigenen Produkten herum.

Weiter zurück liegt das Benzol-Problem des Mineralwasserherstellers Perrier. Die Verkäufe brachen anschliessend ein, Nestlé, der grosse Schweizer Nahrungsmittelkonzern griff günstig zu. Und kaum jemand erinnert sich an die Weinpanschereien in Österreich oder das an deutschen Autobahnrestaurants servierte Gulasch, das mit Haustierfutter angereichert worden war.

Konsumenten reagieren rasch

Für Firmen kann es bedrohlich sein, wenn sie nicht rasch reagieren. Hersteller wie Findus, Birds, Eye und Nestlé haben nach dem jüngsten Skandal Produkte aus den Regalen entfernt. Es gibt einzelne Berichte aus Grossbritannien, wonach Konsumenten vermehrt zu vegetarischen Fertigmahlzeiten greifen.

Dabei geht es um sehr viel. Der gesamte europäische Fertigmahlzeitenmarkt hat laut Euromonitor, einem Marktforscher, ein Umsatzvolumen von rund 250 Milliarden Euro. Fast die Hälfte davon entfällt auf Tiefkühlgerichte. Praktisch alles, was industriell hergestellt wird, enthält Fleisch. Also auch die Fertigmahlzeiten, Büchsensuppen oder in Plastik verpackte Ravioli.

Von den Auswirkungen sind nicht alle Firmen gleich betroffen, sagen die Analysten von Kepler Capital Markets, einem europäischen Broker. Den grössten Marktanteil in diesem fragmentierten Markt hält laut den Analysten Nestlé mit 3,2 Prozent.

Exponierter Nestlé-Konzern

In einzelnen Kategorien sind die Marktanteile von Nestlé höher: Bei Tiefkühlnahrung kommt der Konzern aus Vevey am Genfersee auf 5,3 Prozent (noch grösser ist nur Iglo Bid’s Eye), bei Fertigmahlzeiten führt Nestlé mit 5,6 Prozent den europäischen Markt vor der deutschen Oetker-Gruppe und Fleury Michon aus Frankreich an.

«Wir rechnen mit höherer Regulierung, nachdem etliche Politiker in der EU nach politischen Aktionen verlangt hatten», kommentieren die Analysten von Kepler weiter. So soll es viel mehr Kontrollen und Überwachungen und Qualitätstests geben. Das dürfte den grossen Anbietern tendenziell nützen, denn sie können die Kosten der Regulierung leichter auf die Konsumenten umlegen.

Ähnlich wie bei den Banken drohen mittelfristig in der Lebensmittelindustrie bestimmte Spezialsteuern. Diskutiert wird etwa eine Fettsteuer. Wenn die kommt, muss sich die ganze Branche umstellen. Lindt & Sprüngli etwa wäre massiv betroffen, Gleich hundert Prozent des (Schokoladenprodukte-)Portfolios würden speziell besteuert. Bei Kraft Foods wären 70 Prozent, bei Heinz 45 Prozent, bei Kellogg 35 Prozent und bei Nestlé 30 Prozent des Portfolios von einer solchen Steuer tangiert.

Diskrepanzen mit Gesundheitsnahrung

Die grossen Konzerne wie Nestlé, Unilever und Danone haben sich in den letzten Jahren mit ihren Gesundheitsnahrungsmitteln neue Käuferschichten erschlossen. Joghurte sollen laut der Werbung und den Marketingunterlagen genauso gesund machen bzw. erhalten wie bestimmte leichte Komplettmenus, die indes alle hoch industriell vorbereitet werden. Das steht laut den Analysten in einem gewissen Gegensatz zu den Produktepaletten. Gerade Tiefkühlkost gilt gemeinhin nicht als wirklich gesund. Unilever, der grosse niederländische Nahrungsmittelkonzern etwa, hatte sich aus diesem Grund aus diesem Marktsegment verabschiedet. Nestlé hat seine Produktepalette mehr in Richtung Pizza und Snacks verschoben.

Nestlé gilt als exponiertester Hersteller.Dem Konzern trauen die Analysten aber auch am ehesten die finanzielle Kraft zu, mit dem Regulierungsproblem fertig zu werden. Laut den Kepler-Analysten sind rund 4 Prozent des Umsatzes von Nestlé vom Fleischskandal betroffen. Hierbei könnte es in diesem Jahr zu einem Umsatzeinbruch von einem Viertel kommen. Bei Unilever wären lediglich 2 Prozent betroffen.

Für die Branche bleibt nur wenig Zeit, sich anzupassen. Ähnlich wie in der Bankenindustrie verzögern Lobbyisten viele Gesetzesvorhaben. In den USA beispielsweise scheiterte 2009 eine Art Cola-Steuer auf Bundesebene. Einige Bundesstaaten haben sie jedoch trotzdem eingeführt. Russland erwägt spezielle Fettsteuern und in Frankreich müssen Kunden pro Cola-Flasche 7 Eurocent Spezialsteuern entrichten. Coca-Cola hatte zuvor mit einem Investitionsstopp gedroht.

Es hatte nichts genützt - die Franzosen trinken weiter. Und die Hersteller haben sich arrangiert. Wie in der Finanzwelt.

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