Junge Mitarbeiter sind den Unternehmen mehr wert als ältere. Zu diesem Schluss kommt der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB), welcher die Lohnstatistik der letzten Jahre analysiert hat. «Bei langjährigen älteren Mitarbeitern hat man an den Löhnen gespart», sagt der SGB-Chefökonom Daniel Lampart. «Den neueingestellten jüngeren Arbeitnehmern hingegen gab man deutlich mehr Lohnsteigerungen, damit man sie anwerben oder halten konnte.»

Mitarbeiter haben das Nachsehen, die schon zwanzig Jahre und mehr im gleichen Unternehmen sind. Ihre Löhne steigen deutlich langsamer an als die Löhne von Mitarbeitern, die höchstens ein Jahr im gleichen Unternehmen sind. Grundlage für die Analyse des SGB-Chefökonomen sind die zweijährlichen Lohnstrukturerhebungen des Bundesamts für Statistik.

Die Banker sind die Ausnahme

Gesamtwirtschaftlich gingen bei den dienstälteren Mitarbeitern die mittleren Löhne von 2010 bis 2016 nur um 3,1 Prozent nach oben. Bei den dienstjüngeren gab es eine mehr als doppelt so hohe Steigerung, ein Plus von 7,1 Prozent. Die mehr oder weniger gleichen Zahlen finden sich auch für die Industrie.

In den Branchen Detailhandel und Gastgewerbe hingegen sind die Unterschiede nochmals frappanter. Eine Ausnahme sind die Banken, wo die Verhältnisse genau umgekehrt sind. In der Finanzindustrie konnte man wohl die hohen Löhne der bereits angestellten Mitarbeiter nicht drücken, dafür sparte man bei den Neueingestellten (siehe Grafik oben).

Diese unterschiedliche Fortüne erklärt sich Lampart mit einer verfehlten Lohnpolitik. «Oft ist die Haltung der Arbeitgeber die, dass man bei den Jungen am Ball bleiben muss, die Alten hingegen sowieso bleiben.» In Zeiten, in denen das Geld für Investitionen knapp sei, investiere man in junge Neueingestellte und halte die Dienstälteren eher kurz. Was jedoch auf Dauer nicht akzeptiert werde. «Schliesslich sind es die Älteren, die den Jungen sämtliche Abläufe beibringen, die über das langjährige betriebliche Wissen verfügen und die überhaupt den Betrieb zusammenhalten.»

Die Arbeitgeber haben ihre Lohnpolitik vermehrt auf jüngere wechselfreudige Arbeitnehmer ausgerichtet, analysiert Lampart. «Gerade bei den Jungen muss man konkurrenzfähig sein, sonst laufen sie davon oder entscheiden sich erst gar nicht für einen Betrieb.»

In der Industrie etwa rührt die jugendliche Wechselfreudigkeit daher, dass noch viele Berufswege offenstehen. Die Jungen können es im Maschinenbau probieren, in der Automechanik oder im Ausbaugewerbe. Der Wohnungsbau boomt, wodurch es gerade im Ausbaugewerbe viele Elektriker oder Monteure braucht.

Im Detailhandel weichen die Lohnentwicklungen von Jung und Alt noch stärker voneinander ab. In dieser Branche widerspiegeln die Statistiken aber eine andere Lohnpolitik. Gemäss der Gewerkschaft Unia erklärt sich die Zunahme der Saläre bei den Jüngeren vor allem mit den Mindestlöhnen, die in den letzten Jahren gleich mehrmals angehoben wurden.

Dagegen habe es wenige Lohnerhöhungen gegeben, von denen auch Dienstältere profitiert hätten. Und es sei ganz generell so, dass sich Erfahrung im Detailhandel finanziell viel weniger auszahle als in anderen Branchen.

In der gewerkschaftlichen Sicht ist das Zurückbleiben der Dienstälteren vor allem ein negativer Trend der letzten paar Jahre. Ein vorübergehendes Phänomen, das es in den kommenden Lohnverhandlungen zu beenden gilt. Beim Arbeitgeberverband überwiegt naturgemäss eine andere Sichtweise. Dort ist das Zurückbleiben etwas von Dauer, bestimmt durch langfristig wirkende Gegebenheiten.

So sagt Simon Wey, Arbeitsmarktspezialist beim Arbeitgeberverband: «Die stärkere Erhöhung der Löhne von Personen mit weniger Dienstjahren lässt sich unter anderem durch das bereits hohe Lohnniveau von Mitarbeitenden mit 20 Dienstjahren und mehr erklären.»

Mit anderen Worten haben diese langjährigen Mitarbeiter zumeist bereits einen hohen Lohn, also liegen naturgemäss auch weniger Lohnerhöhungen drin. Zumal die Löhne auch ins Lohngefüge eines Unternehmens passen müssten. «Daher können die Löhne nicht über die Jahre beliebig ansteigen», sagt Wey.

Erfahrungswissen veraltet schnell

Und dann ist da der technologische Wandel, der immer schneller voranzuschreiten scheint. Gemäss Arbeitgeberverband ist dieser Wandel ebenfalls eine Erklärung für das Zurückbleiben der Dienstälteren. Wey: «Erfahrungswissen veraltet in der heutigen schnelllebigen Zeit schneller. Wichtiger geworden sind neue Erkenntnisse und aktuelles Wissen, über das Mitarbeiter mit wenigen Dienstjahren meist stärker verfügen.»

Noch etwas deutlicher gesagt hat Erfahrung heutzutage also weniger wert als neues Wissen. Was wiederum den Beitrag, den junge und ältere Mitarbeiter für ihr Unternehmen leisten können, beeinflusst.

«Bei Mitarbeitern mit wenigen Dienstjahren ist das Potenzial höher, dass sie künftig ihre Produktivität stark steigern können», sagt Spezialist Wey. Entsprechend können sie ihren Beitrag an das Unternehmen eher erhöhen, was diesem wieder erlaubt, Lohnerhöhungen zu geben. «Bei älteren Mitarbeitern hingegen gibt es sozusagen abnehmende Grenzerträge mit zunehmender Anzahl Dienstjahre.»

Anders gesagt, lässt sich ein weiteres Jahr an Erfahrung weniger gut ummünzen in einen verwertbaren Gewinn für das Unternehmen – und es gibt geringere Lohnerhöhungen.

Sichere Arbeitsplätze für Ältere

Als ein vorübergehendes Phänomen, das es zu bekämpfen gilt, als die Folge einer verfehlten Lohnpolitik: So deuten die Gewerkschaften das Zurückbleiben von dienstälteren Mitarbeitern. Die Arbeitgeber interpretieren die gleichen Zahlen als unverrückbare Folge von dauerhaften Trends: dass etwa Erfahrung heute schneller veraltet, also weniger wert ist.

Welche Sicht sich letztlich durchsetzt, wird auch über die weitere Entwicklung der Löhne entscheiden.

Einstweilen bleibt den Dienstälteren dieser Trost: Ihre Arbeitsplätze sind tendenziell sicherer als jener der Jungen. Wey vom Arbeitgeberverband sagt: «Ältere Arbeitnehmer sind von Erwerbslosigkeit unterdurchschnittlich oft betroffen im Vergleich zur gesamten Erwerbsbevölkerung.»

Allerdings müssen sie deutlich länger nach einer neuen Arbeit suchen, wenn sie die Stelle erst einmal verloren haben.