Produktivität

Lähmende Hitze: Warum Klimaanlagen den Arbeitseifer steigern, aber die Wirtschaft nicht retten

Singapurs Machthaber behauptet: Ohne Klima-Anlagen hätte sein Land nie den Sprung in die Spitzengruppe der Wirtschaftsländer geschafft.

Singapurs Machthaber behauptet: Ohne Klima-Anlagen hätte sein Land nie den Sprung in die Spitzengruppe der Wirtschaftsländer geschafft.

Lähmt Tropenhitze den Arbeitseifer der Menschen? Und falls ja, sind Nordländer deshalb produktiver als jene in den heissen Weltregionen? Die Antwort heisst: Jein. Das lässt sich anhand von Klimaanlagen erklären.

Wenn man sich die OECD-Staaten anschaut, so fällt auf, dass mit Ausnahme von Mexiko kein einziges dieser Länder in den Tropen liegt. Alle Staaten befinden sich in gemäßigten oder subtropischen Klimazonen. Gibt es da einen Zusammenhang?

Schon Egon Friedell spekulierte in seinem Monumentalwerk „Die Kulturgeschichte der Neuzeit“ aus dem Jahr 1927 über einen Kausalzusammenhang zwischen Klima und Wirtschaftsleistung, wenn auch mit kulturalistischen und weniger ökonomischen Argumenten. Menschen in kühleren Gebieten seien produktiver. Wer dagegen unter der lähmenden Tropenhitze ächzt, gebe sich eher dem Müßiggang hin. Das ist eine krude These, weil für das wirtschaftliche Wohlergehen auch Standortfaktoren wie Bildung eine Rolle spielen. Aber die These ist diskussionswürdig.

Erfolgsfaktor Klimaanlage

Interessanterweise ist der Stadtstaat Singapur das einzige Land im Tropengürtel, dessen Bruttoinlandsprodukt in der Liga der OECD-Staaten mitspielt. Und ein nicht unerheblicher Faktor am wirtschaftlichen Aufstieg der „Fine City“ ist die Klimaanlage. Staatsgründer Lee Kuan Yew nannte die Klimaanlage eine der wichtigsten Erfindungen des 20. Jahrhunderts. „Die Klimaanlage spielt eine wichtige Rolle in unserer Wirtschaft“, sagte er einmal. „Ohne sie würden viele unserer einfachen Arbeiter wahrscheinlich unter Kokosnussbäumen sitzen, um der Hitze und Feuchtigkeit zu entfliehen, statt in High-Tech-Fabriken zu arbeiten.“

Das Surren begleitet einen den ganzen Tag

Wer einmal in Singapur war, weiß, was Lee meint. Die schwüle Tropenluft klatscht einem wie ein feuchtes Handtuch entgegen, Brillen und Foto-Objektive beschlagen, man fühlt sich so matt, dass man nur noch in einen klimatisierten Raum möchte. Das leise Surren der Klimaanlagen gehört zum Hintergrundrauschen des Tiger-Staats. Der Journalist Cherian George stellt in seinem Buch „The air-conditioned nation: Essays on the politics of comfort and control”, die These auf, dass Klimaanlagen gleichsam ein Kontrollinstrument der Massen sind. Wer die Temperatur kühlt, kann auch das politische Klima herunterkühlen.

In China werden 60 Millionen Klimaanlagen verkauft

Auch beim großen Nachbarn China versucht man die Produktivität durch die Klimatisierung von Räumen zu steigern. Der Absatz von Klimaanlagen hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Pro Jahr werden 60 Millionen Klimaanlagen verkauft, achtmal mehr als in den USA. Auch im trockenheißen Wüstenklima der Vereinigten Arabischen Emirate wäre eine so rasante wirtschaftliche Entwicklung ohne die künstliche Kühlung von Räumen nicht möglich.

Klimaanlagen-Fabrik im chinesischen Wuhan. In China werden jährlich 60 Millionen Klimaanlagen verkauft.

Klimaanlagen-Fabrik im chinesischen Wuhan. In China werden jährlich 60 Millionen Klimaanlagen verkauft.

Wie reagiert das BIP?

Doch welchen Einfluss haben Klimaanlagen wirklich auf das Bruttoinlandsprodukt? Darüber streiten Ökonomen bis heute. Der ehemalige amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan sagte einmal: „Die wunderbare Brise, die man im Norden von Vermont während des Sommers bekommt, zeigt sich nicht im BIP.“

Greenspans Punkt war, dass man BIP nicht mit Wohlergehen verwechseln solle. Doch in den Südstaaten, wo viele Klimaanlagen in Betrieb sind, würde sich dies als ökonomische Aktivität in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung niederschlagen. Ob dies allerdings mit einem Produktivitätsschub einhergeht, ist eine andere Frage.

Ökonom Nordhaus: der 1:12-Befund

Der Yale-Ökonom William Nordhaus identifizierte einen linearen Zusammenhang zwischen durchschnittlichen Jahrestemperaturen und der Produktivität pro Kopf. Menschen in gemäßigten Klimazonen schöpfen das Zwölffache der Wirtschaftsleistung von Menschen in heißen Gebieten. Doch handelt es sich um eine Korrelation und keinen Kausalzusammenhang, der erklären würde, warum Menschen in kühleren Regionen produktiver sind.

Folgt man diesem Argument, müsste die globale Erderwärmung in einigen Regionen einen Produktivitätsverlust verursachen. Wenn sich semiaride Gebiete wie Andalusien in Wüsten verwandeln, steigen nicht nur die Kosten für die Landwirtschaft, sondern auch für Klimaanlagen – und das kann sich negativ auf die Gesamtwirtschaft auswirken.

Klimaanlagen sind Klima-Killer

Paradoxerweise scheinen die stromfressenden Klimaanlagen den Klimawandel noch zu beschleunigen. Laut einer Studie der Ökonomen Lucas W. Davis und Paul J. Gertler („Contribution of air conditioning adoption to future energy use under global warming“) verbrauchen Klimaanlagen fünf Prozent der Stromerzeugung in den USA. Kostenpunkt für Wohnungsbesitzer: 11 Milliarden Dollar. Zwar wurde die Effizienz der Geräte über die Jahre deutlich erhöht. Doch eine Klimaanlage verbraucht noch immer das Zehn- bis Zwanzigfache der Energie eines Deckenventilators. Jedes Jahr werden allein in den USA 100 Millionen Kohlenstoffdioxid durch die Klimatisierung in die Atmosphäre geblasen.

Klimaanlagen sind wahre Klima-Killer. Und der Bedarf wird in schwülen Schwellenländern wie Brasilien, Indien und China noch größer. Die kurzfristigen Produktivitätssteigerungen zeitigen auf lange Sicht volkswirtschaftliche Schäden. Bleibt zu hoffen, dass die Staatenlenker kühlen Kopf bewahren.

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