Corona-Impfung
Kritik wird laut: Geht der Schweiz die Ein-Dosis-Impfung aus den USA durch die Lappen?

Der Pharmakonzern Johnson & Johnson wartet mit einem aussichtsreichen Vakzin auf. Mehrere Politiker verstehen nicht, weshalb der Bund noch keinen Vertrag mit dem Unternehmen geschlossen hat.

Andreas Möckli
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Sie kam am Mittwoch dran: Die Thurgauerin Helga Ott wurde im Impfzentrum in Frauenfeld gegen Corona geimpft.

Sie kam am Mittwoch dran: Die Thurgauerin Helga Ott wurde im Impfzentrum in Frauenfeld gegen Corona geimpft.

Alexandra Wey / KEYSTONE

Derzeit befinden sich 434'000 Corona-Impfdosen in der Schweiz. Am Montag treffen weitere 127'000 Dosen ein. Bis Ende Februar sollen es dann 1,56 Millionen sein, womit rund 780'000 Menschen geimpft werden könnten.

Selbst wenn sich bis Ende Februar tatsächlich alle bis dahin vorhandenen Dosen verabreicht werden, dürfte das Ziel von Gesundheitsminister Alain Berset wohl nicht ganz erreicht werden. Er will bis Ende Januar die meisten Bewohner von Alters- und Pflegeheimen geimpft haben, bis Ende Februar alle über 75-Jährigen. Rund 775'000 Personen sind in der Schweiz 75 Jahre alt oder älter. Allerdings befinden sich in den Alters- und Pflegeheime noch rund 20'000 weitere Personen zwischen 55 und 75 Jahre.

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Wie es ab März weiter geht, ist unklar. «Eine Aussage dazu zu machen, wäre unseriös», sagt Nora Kronig, Vizedirektorin beim Bundesamt für Gesundheit und zuständig für die Impfstoff-Beschaffung im Gespräch. Da der Bund möglichst rasch, möglichst viele Dosen erhalten möchte, würden laufend Gespräche mit den Herstellern über die nächsten Lieferungen geführt.

Zudem komme vermutlich noch das Vakzin von Astrazeneca hinzu. Die meisten Fachleute rechnen damit, dass die Schweiz Ende Monat die Zulassung erteilen wird. Dennoch lasse sich noch keine Aussage über die Mengen machen, die allenfalls von Astrazeneca geliefert werden, sagt Kronig.

Gleichzeitig gilt es mit Unwägbarkeiten zu kämpfen. So wurde am Freitag bekannt, dass Pfizer weniger Dosen nach Europa liefern wird als ursprünglich angekündigt. «Die zeitweise Senkung wird alle europäischen Länder betreffen», teilt die norwegische Gesundheitsbehörde mit. Es sei nicht klar, wie lange es dauere, bis Pfizer wieder die maximale Produktionskapazität erreichen werde.

Der US-Pharmakonzern versichert, die Produktionsanlagen auszubauen, um mehr Dosen zu produzieren. Dies werde aber vorübergehende Auswirkungen auf die Lieferungen Ende Januar bis Anfang Februar haben. Wie sich das genau auf die Schweiz auswirkt, ist noch unklar.

Beim Vakzin von Johnson & Johnson würde eine Dosis reichen

Gleichzeitig fragen sich viele Politiker und Beobachter, weshalb der Bund nicht weitere Verträge mit Impfstoffherstellern geschlossen hat, die mit ihren Vakzinen weit fortgeschritten sind. Die Schweiz setzt bislang auf die Impfstoffe von Pfizer/Biontech, Moderna und Astrazeneca. Jedoch macht auch der Stoff des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson bedeutende Fortschritte.

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Der grosse Vorteil: Nötig ist im Unterschied zu den anderen drei Vakzinen nur eine statt zwei Dosen. Johnson & Johnson rechnet damit, die Daten der entscheidenden Studie der Phase III Ende Januar vorlegen zu können. Experten hoffen auch eine Schutzwirkung von bis zu 85 Prozent. Jene von Pfizer/Biontech und Moderna beträgt rund 95 Prozent.

Diese Woche hat die Firma vielversprechende Zwischenergebnisse einer früheren Studie präsentiert. Knapp einen Monat nach der Impfung wurden bei 90 Prozent der Studienteilnehmer neutralisierende Corona-Antikörper im Körper festgestellt. Dieser Wert stieg am Tag 57 auf 100 Prozent bei allen Teilnehmern, die zwischen 18 und 55 Jahre alt sind. Die Antikörper blieben während 71 Tage stabil, länger dauerte der Testzeitraum der Studie zum Zeitpunkt der Publikation gar nicht.

GLP-Nationalrat Martin Bäumle (ZH)

GLP-Nationalrat Martin Bäumle (ZH)

Gaetan Bally / KEYSTONE

GLP-Nationalrat Martin Bäumle kann die vorsichtige Strategie der Impfbeschaffung nicht verstehen: «Bereits im vergangenen April habe ich gesagt, dass die Schweiz für die zehn aussichtsreichsten Kandidaten Verträge abschliessen soll.» Im schlimmsten Fall hätte der Bund dann vielleicht zu viele Impfdosen bestellt. Diese hätte die Schweiz dann aber zu einem günstigen Preis an ärmere Länder abgeben können. «Das hätte man unter Entwicklungshilfe abbuchen können», sagt Bäumle.

Mit Johnson & Johnson hätte die Schweiz schon längst einen Vertrag abschliessen müssen, sagt der Zürcher Politiker. Die bislang bestellten 17,3 Millionen Dosen erachtet er als absoluten Minimalismus. «Wir hatten Glück, dass gerade die drei georderten Impfstoffe als erstes ins Ziel kamen.»

«Ein Schnellschuss ist sicher unnötig»

Wenn sich mit weiteren Verträgen die Impfkampagne beschleunigen liesse, so würde er das sehr unterstützen, sagt SVP-Nationalrat Albert Rösti. «Je mehr unterschiedliche Vakzine wir zur Verfügung haben, umso mehr dürfte auch das Vertrauen der Bevölkerung in die Impfungen steigen.»

Das eine tun und das andere nicht lassen. Auf diesen Ansatz setzt BDP-Nationalrat Lorenz Hess. Die Schweiz verfüge über genügend Dosen, um die Impfwilligen bis im Sommer zu immunisieren. «Doch wenn nun weitere Vakzine vor der Zulassung stehen, müssen die ebenso seriös geprüft werden wie jene, welche die Schweiz bereits bestellt hat.» Er sei aber dagegen, nun Impfungen auf Vorrat zu bestellen. Der Bund habe genügend Zeit, um sich über weitere Verträge Gedanken zu machen. «Ein Schnellschuss ist sicher unnötig.»

SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen sieht dagegen keine Notwendigkeit für weitere Verträge. Die Schweiz habe über 15 Millionen Dosen einkaufen können, das sei ausreichend, um alle Impfwilligen zu immunisieren. Der Flaschenhals sieht sie derzeit bei den Kantonen, die derzeit noch deutlich weniger impfen würden als sie über Dosen verfügten. Das sei aktuell das eigentliche Problem.

Der Bund will bis zum Schluss aktiv bleiben

Nora Kronig, Leiterin Abteilung Internationales des Bundesamt für Gesundheit.

Nora Kronig, Leiterin Abteilung Internationales des Bundesamt für Gesundheit.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Nora Kronig vom Bundesamt für Gesundheit wehrt sich gegen die Kritik, bisher keine weiteren Verträge abgeschlossen zu haben. «Es ist uns gelungen, die drei schnellsten Impfstoffe zu sichern». Gleichzeitig führe der Bund weitere Gespräche. «Wie bis anhin verhandeln wir mit jenen Herstellern, deren Impfstoffe wir als erfolgsversprechend erachten», sagt Kronig.

Zudem sei auch unklar, ob aufgrund der Mutationen dereinst zusätzliche Impfungen nötig seien. «Schliesslich wissen wir immer noch viel zu wenig über die Dauer der Wirksamkeit». Wann mit weiteren Verträgen zu rechnen sei, will Kronig aus verhandlungstaktischen Gründen nicht sagen. Sie versichert aber: «Wir werden bis zum Schluss aktiv bleiben». Ziel der Impfkampagne sei, mit der Pandemie möglichst rasch zu einem Ende zu kommen.

Kronig erinnert daran, dass die Schweiz weitere 3,2 Millionen Dosen beschaffen kann. Denn das Land hat sich an der internationalen Initiative namens Covax beteiligt. Mit dieser soll der weltweite Zugang zu Corona-Impfstoffen gesichert werden. Über 75 Länder mit hohem Einkommen, darunter die Schweiz, sowie 90 arme Länder nehmen daran teil. Damit will die Initiative sicherstellen, dass alle Teilnehmer im Verhältnis zur Bevölkerungsgrösse gleich behandelt werden.