Landwirtschaft

Kritik und Beifall für Agroscope-Szenarien zu Trinkwasserinitiative

Eine Volksinitiative will den Gebrauch von Pestiziden in der Landwirtschaft einschränken, damit das Wasser sauber bleibt. Welches die Folgen für die Landwirte und ihre Einkommen sein könnten, ist umstritten. (Symbolbild)

Eine Volksinitiative will den Gebrauch von Pestiziden in der Landwirtschaft einschränken, damit das Wasser sauber bleibt. Welches die Folgen für die Landwirte und ihre Einkommen sein könnten, ist umstritten. (Symbolbild)

Nach einem Ja zur Trinkwasserinitiative könnten intensiv wirtschaftende Bauernbetriebe auf Direktzahlungen verzichten und sich stärker intensivieren. Extensivere Betriebe würden sich an die strengeren Vorgaben halten. Die Studie erntet Kritik und Beifall.

Das haben Modellrechnungen von Agroscope ergeben. Die Forschungsanstalt veröffentlichte am Donnerstag eine Studie zu möglichen Folgen eines Ja zur Trinkwasserinitiative. Ausgegangen wird von 18 Szenarien zu Ertragsverlusten, Preisänderungen und dem verfügbaren Geld für Direktzahlungen bis 2025.

Die Trinkwasserinitiative fordert, dass nur noch Bauernbetriebe Direktzahlungen erhalten, die keine Pestizide einsetzen und ohne prophylaktischen Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung auskommen. Zudem sollen Betriebe mit Direktzahlungen ihre Tiere mit dem auf dem Betrieb produzierten Futter ernähren können.

"Blick in die Zukunft"

Die Studie geht davon aus, dass sich ausser der Annahme der Initiative die Gesetzgebung bis 2025 nicht ändert. Deshalb rechne sie damit, dass Pestizide, die Biobauern heute einsetzten, verboten würden, schrieb Agroscope.

Das Forschungsinstitut betont dabei, dass es sich um einen "Blick in die Zukunft" handle und die Szenarien von künftigen Entscheiden und Rahmenbedingungen abhingen. Die Annahmen für die Modellrechnungen seien mit Befürwortern und Gegnern der Trinkwasserinitiative sowie Vertretern von Bund und Forschung diskutiert und entwickelt worden.

Bauern, die Direktzahlungen vom Bund erhalten wollen, müssen im Gegenzug den Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) erfüllen. Werden diese Vorgaben im Sinn der Initiative verschärft, würde laut Studie "eine im Vergleich zu heute grosse Zahl von Betrieben aus dem ÖLN aussteigen", nämlich zwischen 9 und 23 Prozent.

Je nach Szenario könnten 33 bis 63 Prozent der Schweine- und Geflügelbetriebe und sogar 51 bis 93 Prozent der Betriebe mit Spezialkulturen ohne Geld vom Bund und dafür mit weniger ökologischen Vorgaben profitabler arbeiten. Das Umweltrecht würde ihnen dann Grenzen setzen für die Intensivierung.

Grenzen im Umweltrecht

Weiterhin Direktzahlungen beziehen würden laut der Studie die meisten Betriebe mit Raufutter fressenden Tieren (87 Prozent). Denn für sie würde es sich nicht lohnen, ohne Direktzahlungen zu arbeiten, heisst es in der Studie. Entscheide über das Budget für die Direktzahlungen könnten das Verhalten der Betriebe beeinflussen.

Steht gleich viel Geld nach dem Ausstieg einiger Betriebe für die übrigen zur Verfügung, könnte dies bewirken, dass fast alle spezialisierten Ackerbaubetriebe bei den Direktzahlungen bleiben. Ohne zusätzliche Zahlungen würden dagegen 15 bis 22 Prozent dieser Betriebe aussteigen.

Übers Ganze gesehen deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass nach einem Ja zur Initiative die "relativ intensiv wirtschaftenden Betriebe" auf Direktzahlungen verzichten und sich stärker intensivieren würden. "Eher extensiv" wirtschaftende Betriebe würden - mit verschärftem ÖLN - noch extensiver arbeiten.

Die Berechnungen ergaben laut Agroscope ausserdem, dass bei einer Annahme der Initiative je nach Szenario 70 bis 92 Prozent aller offenen Ackerflächen im Land ohne Pestizide bewirtschaftet würden. Dabei würde der Selbstversorgungsgrad sinken, und es müssten mehr Nahrungsmittel importiert werden.

In die Studie aufgenommen wurden auch Stellungnahmen der Beteiligten. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) etwa kritisiert das angenommene Verbot von Pestiziden, zu denen Biobauern greifen. Ein solches Verbot wolle das Initiativkomitee nicht.

Auch enthielten die Modellrechnungen im Gegensatz zur Initiative keine acht Jahre Übergangsfrist respektive Anpassungszeit für die Betriebe. Zudem würden Innovationen und Fortschritte nicht berücksichtigt, bemängelt das Bundesamt.

Zu optimistische Annahmen

Das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) ist der Ansicht, dass die Produktepreise zu optimistisch angenommen worden seien. Ein zusätzliches Angebot an Bioprodukten und Produkten, die gemäss Vorgaben der Initiative hergestellt würden, drücke auf die Preise. Für zu tief angenommen hält laut BLW auch die Ertragsverluste.

Pro Natura wirft Agroscope vor, sich an der Stellungnahme des Bundesrates zur Initiative orientiert zu haben und nicht an der Initiative selbst. Die Landesregierung interpretiere den Initiativtext "zu eng". Umgekehrt sei noch keines der 13 Umweltziele erfüllt, die sich die Landwirtschaft selbst gesetzt habe.

Zustimmung erhielt die Studie vom Schweizerischen Bauernverband. Er hatte vor rund einem Monat eine Studie der der Berner Fachhochschule für Agrar,- Forst- und Lebensmittelwissenschaften vorgestellt, die zu ähnlichen Schlüssen kam - und von den Befürwortern der Trinkwasserinitiative umgehend kritisiert wurde.

Das Komitee der Trinkwasserinitiative macht geltend, dass 15 der 18 Szenarien auf Druck des Bauernverbandes durchgerechnet worden seien. Sie würden die Landwirtschaft viel zu stark einschränken. Nutze das Parlament den Spielraum des Initiativtextes aus, seien die Auswirkungen "deutlich positiver" als in den drei "einigermassen realistischen" Szenarien der Studie.

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