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Kritik nach Alcon-Kauf – Novartis-Chef Jimenez: «Wir haben nicht zu viel bezahlt»

Novartis-Konzernchef Joe Jimenez will sich Zeit lassen, um über die Augenheilsparte Alcon zu entscheiden. (Archiv)

Novartis-Konzernchef Joe Jimenez will sich Zeit lassen, um über die Augenheilsparte Alcon zu entscheiden. (Archiv)

Für 51 Milliarden Dollar hat der Pharmakonzern Novartis die Augenheilsparte Alcon gekauft. Die US-Tochter befindet sich seit knapp drei Jahren in der Krise. CEO Joe Jimenez verneint, beim Einkauf Fehler gemacht zu haben.

Herr Jimenez, der Umsatz von Novartis ist im ersten Halbjahr um ein Prozent gesunken. Sind Sie dennoch zufrieden mit dem Resultat?

Joe Jimenez: Ich bin mit den Ergebnissen nie zufrieden. Im zweiten Quartal haben wir jedoch gut abgeschnitten. Auf der Stufe Umsatz bewegen wir uns auf dem Vorjahresniveau, und dies, obwohl unser wichtiges Medikament Glivec den Patentschutz verloren hat. Dieser Ausfall wird durch neue Präparate wie Entresto und Cosentyx wieder wettgemacht. Das stimmt mich zuversichtlich für das nächste Jahr, weil wir dann nicht mehr mit Patentverlusten grosser Produkte konfrontiert sind. Ein anderes Highlight war die Augenmittelsparte Alcon, die im zweiten Quartal um 3 Prozent gewachsen ist.

Wenn wir das nächste Jahr betrachten, mit welchem Umsatzwachstum ist zu rechnen?

Wir werden die Prognosen für 2018 nächsten Januar bekannt geben. Eine Schätzung für das Wachstum abzugeben, ist auch deshalb schwierig, weil viele neue Medikamente gut abgeschnitten haben, die sich in der Entwicklung befinden. Im zweiten Quartal hatten wir in der Geschichte von Novartis vermutlich noch nie so viele positive Neuigkeiten bezüglich neuer Präparate. Das müssen wir zunächst verarbeiten, weshalb Prognosen derzeit noch schwierig sind.

Haben Sie und das restliche Management ein Glaubwürdigkeitsproblem? Nach mehreren Rückschlägen mit Alcon und dem Herzmedikament Entresto bezeichnet man unter Investoren Novartis als «gefallenen Engel».

Nein. In unserer Branche gibt es viele Hochs und Tiefs. Wenn Sie in die vergangenen Jahre zurückblicken, dann sehen Sie viel Wert, den Novartis für die Aktionäre geschaffen hat. Gleichzeitig haben wir die Firma neu aufgestellt und kleinere Sparten abgestossen. Novartis wurde dadurch ein schlankeres und fokussiertes Unternehmen. Angesichts der vielen positiven Nachrichten unserer Produktepipeline sehen Sie, dass unsere harte Arbeit nun Früchte trägt. Daher geniessen wir eine hohe Glaubwürdigkeit.

Die Frage stellt sich auch deshalb, weil mehrere Hedgefonds bei grossen Schweizer Konzernen wie Nestlé oder Clariant eingestiegen sind und nun Druck auf das Management machen. Fürchten Sie sich vor solch aktivistischen Investoren?

Nein. Aktivismus ist eine Tatsache des Lebens. Diese Hedgefonds sind zu irgendeinem Zeitpunkt in vielen Unternehmen investiert, gerade auch in den USA. Nun konzentrieren sie sich stärker auf Europa, weil sie im Gegensatz zu den USA hier noch mehr Potenzial sehen. Solange ihre Leistung gut ist und der Aktienkurs eine Prämie zur gesamten Branche aufweist, sind sie als Unternehmen auf der sicheren Seite, egal ob ein aktivistischer Investor da ist oder nicht.

Sie haben also keine Anzeichen, dass demnächst ein Hedgefonds bei Novartis einsteigt?

Nein.

Haben Sie Abwehrmassnahmen vorbereitet, falls ein Hedgefonds bei Novartis einsteigt?

Jede Firma hat solche Massnahmen vorbereitet, die sie in einem solchen Fall aktivieren würde. Es kommt so oft vor, dass man als Unternehmen jederzeit damit rechnen muss.

Sie überlegen sich, Alcon zu verkaufen, gleichzeitig wird über mögliche Zukäufe von Novartis spekuliert. Wollen Sie weiterhin relativ breit aufgestellt sein oder sich stärker konzentrieren?

Wir werden das Unternehmen möglicherweise weiter fokussieren. Wir haben jedoch noch keinen Entscheid gefällt, ob Alcon Teil der Gruppe sein wird oder nicht.

Bis Ende Jahr wollen Sie entscheiden, wie es mit Alcon weitergeht. Wieso benötigen Sie für diesen Entscheid so viel Zeit?

Zunächst muss Alcon aus dem Tief herausfinden, bevor wir ernsthaft Optionen prüfen können. Wir haben gesagt, dass wir mit einer Wende zum Besseren bis Ende Jahr rechnen und dann eine Entscheidung fällen. Während wir die Trendwende herbeiführen, prüfen wir die finanzielle Situation von Alcon, um zu sehen, wie die Sparte als eigenständiges Unternehmen aussehen könnte. Danach können wir abwägen, ob ein Verkauf mehr Wert für die Aktionäre schafft, als wenn wir Alcon behalten.

Novartis-Präsident Jörg Reinhardt sagte kürzlich, eine Übernahme könnte sich auch in der Grössenordnung einer tiefen zweistelligen Milliardensumme bewegen. Sie sagten, es brauche keinen grossen Deal. Wo liegt die Schmerzgrenze?

Ein grosser Deal würde 100 Milliarden Dollar oder mehr bedeuten. Jörg und ich sind uns einig, dass für Novartis Zukäufe in der Grössenordnung von 2 bis 5 Milliarden Dollar das Richtige sind. Es wäre aber auch ein Deal im tiefen zweistelligen Milliardenbereich vorstellbar, weil es Unternehmen gibt, die so viel kosten würden. Gleichzeitig wollen wir vermeiden, dass wir bei einer Übernahme nicht zu viel bezahlen. Es muss immer einen Mehrwert für die Novartis-Aktionäre geben und nicht nur für die Aktionäre der zugekauften Firma.

Sie haben ja auch schlechte Erfahrungen mit Alcon gemacht, wo Sie zu viel bezahlt haben.

Wir haben nicht zu viel bezahlt. Soeben hat ein Medikament gegen eine bestimmte Erkrankung der Netzhaut des Auges positive Resultate gezeigt. Sollte dieses Präparat dereinst einen Umsatz von einer Milliarde Dollar und mehr erzielen, dann macht dies aus Alcon ein gutes Investment für uns.

Wie sehen Sie den Standort Schweiz im internationalen Vergleich nach dem jüngsten Stellenabbau?

Die Schweiz ist unter den gegebenen Rahmenbedingungen ein attraktiver Standort für Novartis. Wir haben jedoch stets gesagt, dass wir an gewissen Orten Stellen aufbauen und anderen abbauen werden. Kürzlich haben wir vor allem im administrativen Bereich Arbeitsplätze gestrichen. Dort können wir viel Geld sparen, wenn wir diese Tätigkeiten an anderen Standorten durchführen. Auf der anderen Seite haben wir etwa Stellen in der Produktion biotechnologischer Medikamente geschaffen. Dafür brauchen sie hochqualifizierte Mitarbeiter, die wir hier finden.

Sie beschäftigen knapp 13 000 Mitarbeiter in der Schweiz. Wie wird sich das entwickeln?

Wir gehen davon aus, dass die Zahl der Angestellten in etwa stabil bleibt. Der Stellenabbau ist kein Zeichen eines mangelnden Bekenntnisses zur Schweiz. Es handelt sich vielmehr um Verschiebungen innerhalb des Unternehmens. Diese Verschiebungen wird es auch weiterhin geben.

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