Herr Killias, ein Chauffeur hat 1500 Post-Pakete gestohlen, statt sie auszuliefern. Sie haben sich mit Diebstahl am Arbeitsplatz auseinandergesetzt. Erstaunt Sie dieser Fall?

Martin Killias: Ja, das erstaunt mich. Das ist ein ungewöhnlicher Fall. Es handelt sich um eine sehr grosse Zahl an Paketen. Dass mit dieser Intensität am Arbeitsplatz gestohlen wird, ist selten. Überraschend ist auch, dass es nicht früher aufgeflogen ist. Die Leute merken ja, wenn ein Päckli nicht ankommt, und reklamieren.

Die Pakete gingen bei einem Subkontraktor der Post verloren. Die Gewerkschaften sagen, es liege an den schlechteren Arbeitsbedingungen bei solchen Unternehmen, für die der Post-GAV nicht gilt. Ist diese These plausibel?

Das könnte durchaus einen Zusammenhang haben. Bei solchen Subkontraktoren wird das Personal weniger selektioniert, und es gibt häufiger Personalwechsel. Die Arbeitnehmer werden flexibel eingesetzt. Man spricht von «floating staff». Die Identifikation mit dem Unternehmen ist in der Regel gering. Der Pöstler hingegen hat wie der Bähnler einen Berufsstolz. Er identifiziert sich stark mit der Post.

Nicht nur bei Partnern der Post verschwinden Pakete; auch bei der Post selber. Könnten der Spardruck und der Stellenabbau bei der Post eine Rolle spielen?

Allgemein gilt, dass Arbeitnehmer, die sich ausgebeutet oder nicht korrekt behandelt fühlen, eher dazu neigen, den Arbeitgeber zu bestehlen.

Sie haben Diebstähle von Mitarbeitern in Unternehmen untersucht. Nimmt die Zahl zu?

Das ist schwierig zu sagen. Arbeitgeber haben in der letzten Zeit Massnahmen gegen das Phänomen ergriffen. Es gibt häufiger Kontrollen und klarere Dienstanweisungen. Deshalb denke ich nicht, dass das Phänomen zugenommen hat.

Steigt der Anreiz zu stehlen, wenn es der Wirtschaft schlechter geht?

Nicht unbedingt. In der Krise hat man auch mehr zu verlieren. Wenn man erwischt wird und seinen Job verliert, ist es schwieriger, einen neuen zu finden. Also ist die Hemmschwelle höher.

Sie haben auch Geschlechterunterschiede entdeckt bei Ihren Untersuchungen. Warum stehlen Frauen eher, während Männer häufiger betrügen?

Das liegt an der Gelegenheits-struktur. Es ist immer noch so, dass Frauen eher an der Kasse anzutreffen sind, während die Chefetage männlich dominiert ist. Frauen bietet sich also eher die Gelegenheit, etwas zu entwenden, während Männer in Versuchung geraten, sich selber Geld zu überweisen.

Gibt es auch Unterschiede zwischen dem Kader und den einfachen Angestellten? Klauen Arbeitnehmer mehr als Chefs?

Im Gegenteil. Kader begehen häufiger Straftaten am Arbeitsplatz. Zudem sind auch die Deliktsummen höher. Auch das hat mit ihren Möglichkeiten zu tun. Die Chefetage wird weniger genau kontrolliert und hat auch mehr Kompetenzen. Gelegenheit macht Diebe.

Wenn Mitarbeiter stehlen, geht es dann häufiger um Bereicherung oder um Sabotage am Unternehmen, zum Beispiel, weil man eine Wut auf den Chef hat?

Persönliche Bereicherung und Sabotage vermischen sich. Man stiehlt nur, wenn man etwas will. Wenn man aber das Gefühl hat, ausgebeutet zu werden, fallen die Hemmungen.

Wie können Firmen Diebstähle am Arbeitsplatz verhindern?

Bei anonymen Grossbetrieben sind Kontrollen wichtig. Gerade bei mittleren oder kleinen Unternehmen ist aber das Betriebsklima entscheidend. Wer sich mit dem Unternehmen identifiziert und sich sicher fühlt, also nicht ständig mit der Kündigung rechnen muss, klaut auch nicht am Arbeitsplatz.