Fusionsfieber

Kriegskassen gut gefüllt – Schweizer Firmen horten wieder mehr Cash

Viele schweizer Unternehmen haben viel Geld auf der hohen Kante.

Viele schweizer Unternehmen haben viel Geld auf der hohen Kante.

Holcim ist erst der Anfang – Schweizer Unternehmen horten wieder mehr Cash. Und die Frankenstärke lässt dieses Kapital mehr wert sein. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu Übernahmen kommt.

Am 12. Mai entscheiden die Holcim-Aktionäre darüber, ob es zur Hochzeit zwischen den beiden Zementgiganten Holcim und Lafarge kommt. Dann findet die ausserordentliche Generalversammlung statt. Was dabei herauskommt, ist noch offen. Das Gleichgewicht hat sich in den letzten Monaten verändert: Die Schweizer haben das Austauschverhältnis zu ihren Gunsten verändert und Nachverhandlungen mit den Franzosen erzwungen.

Es wird nicht die einzige Grossfusion bleiben, sind Experten überzeugt. Weltweit findet eine Übernahmewelle statt. Schweizer Firmen werden hier ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Denn die Netto-Cash-Bestände der grössten 30 Firmen, die im SLI-Börsenindex aufgeführt sind, sind um fast 90 Millionen auf über rund 150 Millionen Franken gestiegen. Dies trotz Auszahlung von Dividenden. Einzelne haben Milliarden in ihren Kriegskassen. Dank der Frankenaufwertung ist die Kriegskasse – im Euroraum zumindest – noch einmal mehr wert geworden.

Auch Schulden nehmen ab

Gleichzeitig sank auch die Nettoverschuldung der Firmen massiv, was die Finanzkraft und das künftige Potenzial noch einmal verbessert hat.

«Die gesunde Situation der Bilanzen hat natürlich damit zu tun, dass vor allem Finanzwerte in den letzten Jahren massiv ihre Bilanzen zurückgefahren haben, was einem Schuldenabbau gleichkommt. Aber auch die sogenannten zyklischen Werte sowie Pharmaunternehmen haben aufgeholt», sagt der Leiter der Research-Abteilung und Chefstratege bei der Bank Julius Bär, Christian Gattiker.

«Cash-König» ist laut den Berechnungen Gattikers der Luxusgüterhersteller Richemont, gefolgt von Schindler, Swatch, Bâloise, Kühne und Nagel sowie Actelion. Allein Actelion sitzt auf verfügbaren Cash-Beständen im Wert von 1,2 Milliarden Franken. Einst wurde die Swissair fliegende Bank genannt – wegen ihrer hohen Cash-Bestände. Heute können viele andere Firmen so betitelt werden.

Für Gattiker ist eine weitere Aussage wichtig, und die betrifft die fundamentale Bewertung der Schweizer Firmen, deren Aktien drei Monate nach der Aufhebung des Mindestkurses wieder Höchststände notierten: «Der Kursanstieg der letzten paar Jahre kam nicht durch zusätzliche Hebelung zustande.» Das heisst: Die Firmen haben ihre Bilanzen nicht künstlich aufgebläht und Schulden gemacht. Sondern sie sind aus eigener Kraft gewachsen. Das alles ist längst keine Garantie, dass es nicht zu einem Crash kommt.

Tiefe Zinsen locken

Das aktuelle Tiefzinsumfeld verleitet wohl nun viele Firmenchefs, dieses Potenzial zu nutzen, um über weitere Schritte nachzudenken.

Es war kaum je so günstig für Firmen, Kredite aufzunehmen. Schulden, so Gattiker, könnten etwa gemacht werden, um andere Firmen zu übernehmen oder mit anderen zu fusionieren. «Ich rechne damit, dass wir in diesem Jahr eines der besten Jahre sehen für Fusionen und Übernahmen.»

Erste grosse Bewegungen sind international schon zu beobachten, etwa im Pharmasektor. Aber auch im Bereich Energie, wie zuletzt die Übernahme von BG durch Shell. Die Beratungsfirma KPMG rechnet damit, dass der Trend von den USA auf Europa hinüberschwappt. Im Fokus ist hier besonders der Pharma- und Gesundheitssektor. Die geplante Fusion von Holcim und Lafarge könnte also den Anfang machen für viel grössere Übernahmen.

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